| |
Gewiss, beim Begriff Orgel
denken wohl die meisten zuerst an silbrig schimmernde Zinnpfeifen,
wie sie üblicherweise im Prospekt der Orgel stehen, kaum ahnend,
dass dahinter noch einige tausend weiterer, vorwiegend kleinerer Pfeifen
verborgen sind. Bei Orgelweihen wird das Instrument oft mit der christlichen
Gemeinde verglichen, wo sich die vielen einzelnen Stimmen zu einem
Gesamtklang vereinigen.
Wussten Sie, dass die Orgel zu ca. 90% aus Holz besteht? Damit die
Pfeifen klingen können, brauchen sie eine Basis, auf der sie
stehen, wo der Wind, der sie zum Klingen bringt, verteilt wird. Es
ist dies die Windlade. Oft besteht sie aus verleimtem Holz, denn hier
wäre ein Reißen fatal. Die Windversorgung mit Gebläse,
Bälgen und Kanälen ist ebenfalls aus Holz, abgedichtet und
beweglich durch Leder. Der Organist braucht so etwas wie eine Schnittstelle,
um das Instrument überhaupt spielen zu können. Dafür
gibt es den Spieltisch mit meist mehreren Manualen, also Tastenreihen
für die Hände, einem Pedal für die Füße,
den Registerzügen zum Wählen der Klangfarben und mit anderen
Bedienungselementen. Neben Elfenbein bzw. Knochen ist hier oft kostbares
Ebenholz zu finden. Die Bewegungen der Tasten und der Registerzüge
werden durch die Traktur zu den Windladen übertragen. Dies alles
wird schließlich von einem Gehäuse aus Massivholz, oft
Eiche oder Fichte, gehalten und gestützt. Es umschließt
auch das Pfeifenwerk und schützt es nicht nur vor Staub, sondern
dient ihm vor allem als Resonanzkasten, in welchem der Klang der Pfeifen
verschmilzt und von dem er in den Raum abgestrahlt wird. Damit sind
auch die drei Bewegungsarten des Holzes in der Orgel schon definiert:
Die Nicht-Bewegung
Das Instrument, das bis zu 40 Tonnen wiegen kann, muss stabil gebaut
sein: Windladen, Spieltisch und Traktur dürfen ihre Stellung
zueinander praktisch um keinen Millimeter verändern, sonst gibt
es Heuler und andere Störungen. Selbst das natürliche Schwinden
und Quellen des Holzes muss durch entsprechende Bauweisen kompensiert
werden. Ebenso schlimm ist es, wenn die Orgel keine äußeren
Erschütterungen abfängt, oder gar durch ihre eigenen tiefen
Frequenzen ins Zittern gerät. Dann beeinflusst dies neben der
Mechanik insbesondere die Pfeifen und Verstimmungen sind die Folge.
Die Fort-Bewegung
Dies betrifft natürlich in erster Linie die Traktur. Der Weg
von der Taste zum Ventil unter der Pfeife wird bei einer Orgel durchschnittlicher
Größe 2 bis 6Meter betragen, bei einem großen Instrument
können es schon mal bis zu 15Meter sein. Die Übertragung
geschieht durch »Abstrakten«, das sind Holzstreifen vom
Querschnitt einer schmalen, bis zu 5Meter langen Bandnudel. Man kann
sich vorstellen, welch hohe Ansprüche gerade an diese frei gespannten
Züge gestellt werden: nur feinstes, gerades, astfreies Fichtenholz
kommt hier in Frage. Die Abstrakten werden in Längsrichtung ca.
10 bis 12Millimeter bewegt und beim Loslassen der Taste durch das
Ventil wieder zurückgezogen. Das mag nicht viel scheinen. Aber
der Tastendruck sollte nicht mehr als 150Gramm betragen. Ein virtuoser
Organist will einen Ton mitunter bis zu 10 mal pro Sekunde repetieren
lassen. Das entspricht der Frequenz eines Maschinengewehrs. Die Traktur
eines jeden Tones wird durchschnittlich etwa 4 bis 8 mal umgelenkt,
durch Winkel, Wellen und Wippen. Beim Anschlagen je einer Taste werden
also jedes Mal bis zu 20 Holzelemente bewegt - und diese setzen sich
wieder aus Einzelteilen zusammen. Das Ganze möglichst geräuschlos,
natürlich bei jeder Witterung und weltweit bei einer Garantiezeit
von 10 Jahren.
Die Schwingung
Jetzt kommen wir endlich zur Musik. Es gibt nämlich auch Pfeifen
aus Holz. In den Pfeifen schwingt die darin enthaltene Luftsäule,
der Ton wird aber durch das Material der Pfeifen gefärbt. So
klingen Holzpfeifen weicher und runder als Metallpfeifen. Auch sind
die großen Bass-Pfeifen oft aus Holz, weil sie dann gut am Orgelgehäuse
befestigt werden können und so ihre Schwingungen auf das Gehäuse
übertragen. Diese tiefen Frequenzen werden an den Fußboden
weitergegeben, wo wir sie als Körperschall spüren.
Natürlich werden für alle diese Anwendungen unterschiedlichste
Holzarten verwendet, je nach ihren physikalischen Eigenschaften,
also
ihrer Härte, ihrem Gewicht, ihrer Elastizität, ihrer Geschmeidigkeit,
aber auch nach ihrem Aussehen. Mehrere Laufmeter an Fachliteratur
belegen die Vielschichtigkeit des Orgelbaus. Und doch hat jeder sein
eigenes Credo. Meines lautet auch in Zeiten kostengünstiger
Ersatzstoffe und zugegebenermaßen schon sehr wirklichkeitsnaher
elektronischer Tonerzeugung: Eine richtige Orgel hat Pfeifen und
eine richtige Orgel
ist aus Holz. |
|
Text:
Christoph Glatter-Götz
Geboren 1951. Aufgewachsen in Vorarlberg. Orgelbaulehre bei
der Firma Marcussen in Dänemark. 1974 Meisterprüfung
in Wien. 1977 Eintritt in das Familienunternehmen Rieger-Orgelbau,
dessen Inhaber bis 2003. Übersetzung der wesentlichsten
Bücher der französischen Orgelbau-Fachliteratur.
|
|
|
| |

Einbau der Traktur: Die Abstrakten werden unter den Windladen
eingehängt

Die Ventile, die durch die Traktur geöffnet werden und
den Wind an die Pfeifen freigeben.
Holzpfeifen

In den Windladen wird der Wind auf die Pfeifen
verteilt.
Die Enden der Abstrakten mit ihrer Einhängevorrichtung.
Die Abstrakten haben einen Querschnitt von 0,6x6mm und sind
bis zu 5m lang. |
| |
|