| Home / zuschnitt.at 13 / Essay |
Essay
|
Seite 1 von 3 | ||
Über die Umwertung urbaner DachlandschaftenMeine erste eigene Wohnung war ein kleines Nest mit Blick über die Dachlandschaft des ausrinnenden »Ungargassenlandes« (Ingeborg Bachmann) und Klo am Gang. Sie war 24,86 m² groß und bestand aus zwei mansardenartigen Räumen, die ehemals als Waschküche und Bügelzimmer in jenem gründerzeit-lichen Miethauses dienten, in dem ich aufgewachsen war. Über zwanzig Jahre hatte sich meine räumliche Sozialisation in der so genannten Beletage dieses Hauses abgespielt, mit den bekannten Insignien von Zimmerflucht, Flügeltüren, Parkettböden und dem Geruch einer ausgedünnten großbürgerlichen Wohnkultur. Und dann bezog ich diesen Horst, diesen Sehnsuchtsraum am Ende meiner bisher wahrgenommenen Hauswelt. Irgendwie abgehoben von der Stadtebene, zwar direkt mit dem Kommen und Gehen im Stiegenhaus, dem altertümlichen Lift und seiner knarrenden Geschäftigkeit verbunden, träumte ich mich von der »Hausherrenebene« in die Welt eines »Ghost Dogs«. Ich war also in der einst architektonisch angelegten Hierarchie dieses Jahrhundertwendehauses dorthin gezogen, wo früher eine unterprivilegierte Schicht – vom Künstler im Atelier bis zum Arbeitsbereich der Dienstmädchen – ihr meist unromantisches Spitzweg-Dasein gelebt hatten. Für mich jedoch repräsentierten diese zwei Räume, der Blick in den Himmel und das ferne Rauschen der pulsierenden Stadt die reine Freiheit. Wahrscheinlich löste diese Wohnung in mir aber auch jene Träumereien und naiven Projektionen ein, die ich als Kind in die Dachlandschaft, in diese verwunschene und unheimliche Zone zwischen Haus und All hineingelegt hatte und die in meiner Einbildungskraft eine eigenartige Form von Intimität und Geborgenheit erzeugten. Der Dachboden war lange Zeit in unseren Breiten eine unbewohnte Randzone zwischen Haus und Himmel, der mit den Jahreszeiten mitlebte. Er beherbergte Wirtschaftsräume oder diente als Speicher für eine ausrangierte Vergangenheit. Vor allem im urbanen Kontext wurde diese nutzlose Hausebene aber über die Stilepochen hinweg zur Straße repräsentativ und meist individuell gestaltet. Mit welcher Identität das Haus endet, war eine immer wiederkehrende Frage in der Architektur. Vor allem im Historismus entstand ein differenziertes gestalterisches Zeichensystem, das die urbane Dachlandschaft zur Repräsentationsfläche einer bürgerlichen Mythologie machte, die per Katalog zu bestellen war. Ein wahres Reich an oft industriell gefertigten Fabelwesen, Engeln und Statuen bevölkerten die mit Kupfer verkleideten und in Stein ornamentierten Dachzonen mit ihren Erkern, Türmchen und Giebeln. Gehalten und gestützt wurde diese urbane »Märchenwelt« durch teilweise aufwändig konstruierte Dachstühle, die den Blicken des Stadtbewohners zumeist verborgen blieben. Diese von Zimmermannshand errichtete Dachlandschaft, mit ihren komplexen Konstruktionen und den lange im Dunklen liegenden räumlichen Qualitäten, verschlang ganze Wälder und inspirierte die Handwerkskunst zu faszinierenden Lösungen. Die abschließende Ebene der »steinernen Stadt« bestand aus zumeist nutzlosen Kubaturen, die größtenteils aus Holz errichtet waren und »unbewusst« bzw. planlos auf ihre Entdeckung warteten. |
Zisterzienserabtei Neuberg an der Mürz
Arno Ritter |
||
| (Zeitschrift Zuschnitt 13, 2004; Seite 8) | Seite 1 von 3 | ||