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Fridolin Welte

Fridolin Welte
Erschienen in
Zuschnitt 13: Holz hebt ab
April - Juni 2004, Seite 28

Außen:Innen:Außen

Das Objekt o.T. gehört zu einer Werkgruppe, die Welte mit dem Sammelbegriff Der Inhalt des Zylinders bezeichnet. Bezogen auf die Genese dieser Werkgruppe steht die Arbeit am (vorläufigen) Ende der Entwicklung. Der Unterschied zu früheren Arbeiten derselben Werkgruppe liegt in der Annäherung an architektonische Formrepertoires und deren Maßstab. Das Gebilde besteht aus acht, jeweils paarweise aufeinander gestapelten, würfelförmigen Raumkästen, deren Kantenlänge zwei Meter beträgt. Sie sind regelmäßig um einen zentralen Kern aus zwei ebenso aufeinander gestapelten, großen Baustammteilen gruppiert.

Die augenscheinliche Einfachheit der Gestalt zeigt eine enge Nähe zur funktionalen Bauform des konstruktiven Holzbaus, ohne jedoch deren Zweckhaftigkeit zu besitzen. Die Spannung zwischen konventionellem Gebrauchsgut und herausgestellter Zwecklosigkeit ist kalkuliert. Die eindeutige Zugehörigkeit zu einer der beiden klassischen Gattungen/ Künste - Architektur oder Plastik - bleibt offen. Ein äußerer Zusammenhang zwischen den Formelementen, aus denen die Arbeit besteht, ergibt sich auf der Ebene der Proportion, der Konstruktion, des Materials und der Verarbeitung. Die acht würfelförmigen Raumgitter sind gleich groß und beziehen sich von der Längenabmessung auf die beiden Bloche im Zentrum des Gebildes. Ihr dünner Querschnitt ist in spannungsvolle Beziehung zu den kräftigen Baumstammteilen gesetzt. Alle Teile sind aus Holz. Sie wurden mit Holzbearbeitungsmaschinen aufbereitet -- man sieht es an den sägerauen Kanthölzern und an der abgemesserten Oberfläche der Baumstammteile. Materialgerecht und konventionell sind die Teile auch gefügt: tektonisch einleuchtend in horizontale und vertikale Elemente geschieden, im Detail einfach und klar behandelt.

Der innere Zusammenhang erschließt sich dem Beobachter erst, wenn er beginnt das Objekt zu erkunden, es abzuschreiten, um es herum-, in es hineinzugehen. Die räumliche Erfahrung von Innen und Außen entsteht auf Grund der kalkulierten Anordnung der Raum- und Massevolumen: der Kern der Anordnung, die beiden Bloche, ist innen hohl. Das zeigt sich erst in unmittelbarer Nähe. Man beginnt die Zusammenhänge zwischen Baumstamm und Raumkästen zu verstehen, dabei mag die Kenntnis früherer Arbeiten Weltes zu dieser Werkgruppe hilfreich sein, denn bestimmte Themen wie Teilen und Fügen, Innen und Außen, Kern und Schale sind konzeptuell wichtig und werden innerhalb der Grenzen des verwendeten Werkstoffs gezeigt. Das Material zur Bildung der acht Würfel, die Stäbe, wurde aus dem Kern des Baumstamms herausgenommen. Das ist die Idee, das Konzept der Arbeit.

Der Arbeit sieht man die Art und Weise ihrer Herstellung an. Ein Baumstamm wird ausgewählt, abgelängt, aufgesägt, d.h. geteilt, und zuletzt wieder zusammengesetzt. Dieses erneute Zusammensetzen ist allerdings geprägt durch eine konstruktive und rationale Ordnung der Elemente. Diese Ordnung stellt, mit der Referenz zur einfachen platonischen Form des Würfels, den Bezug zum kartesianischen Koordinatensystem her. Der Bezug und die so ausgeführte Konstruktion sind ihrem Wesen nach die Antithese zur Naturform des Baumstamms: das Gemachte und das Gewachsene, gegeneinander gesetzt. Das Innere, der Kern, ist nach außen gelangt. Die Schale, der wieder zusammengesetzte Baumstamm - früher das Außen - ist nun im Inneren des Gebildes zentriert. Das Außen wird so zum Innen und das Innen zum Außen. Eine Verwandlung hat stattgefunden, durch Entfaltung aus dem Inneren des Baumstamms.

Der Text ist eine überarbeitete und gekürzte Fassung von "Außen:Innen:Außen", erschienen in: Fridolin Welte (Hg.): Arbeitsbuch. Wien: 1998 Seite 55-60

Fotos

© Werner Neuwirth

Text

Fridolin Welte
  • 1980 Eintritt in die Akademie der bildenden Künste, Wien
  • zwei Jahre Kleinplastik bei Prof. Welz
  • viereinhalb Jahre Bildhauerei bei Prof. Gironcoli
  • 1987 Abschluss als Mag. art.
  • danach Universitätsassistent am Institut für künstlerische Gestaltung an der TU Wien, Prof. Lesák
  • 1989 - 92 freischaffende Tätigkeit und Studienaufenthalt in Griechenland, Ägypten und in der Türkei
  • 1992 - 97 Vertragsassistent am Institut für künstlerische Gestaltung an der TU Wien
  • seit 1997 Universitätsassistent am Institut für künstlerische Gestaltung der TU Wien, Prof. Lesák 

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