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Holz auf der Höhe
Städte ohne Helmpflicht

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Was sind Dächer? Bauteile, an denen Wind, Regen, Schnee und Sonnenstrahlen abgleiten, um die Bewohner vor deren unmittelbarem Zugriff zu schützen. Pufferzonen, um Hitze oder Kälte auf dem Weg in die belebten Räume des Hauses vorzukühlen oder vorzuwärmen. Oberer Abschluss, Form, Ende, zu. Mensch und Haus, Körper und Kopf, Fleisch und Stein.

In seinem Buch »Fleisch und Stein« beschreibt Richard Sennett die Adonia, einen Ritus im antiken Athen, bei dem die Frauen in der Dunkelheit die Dächer der Stadt nutzten, um andere Frauen zu treffen und ihren Gefühlen dort Ausdruck zu verleihen. Der metaphorische Raum, der sich dabei auftat – entstehend aus der Verschmelzung völlig verschiedener Elemente – war nicht Ort der Rebellion, wertete jedoch die Stadt um und »nahm den Steinen das Gewicht«.

Auch unsere Städte sind aus Stein. Auch unsere Dächer sind metaphorische Orte, deren Potenzial wir spüren. Die Höhe ist immer anonym, unkontrollierbar, frei. Sie unterliegt anderen Gesetzen als der Boden, auf dem wir normalerweise bleiben. Darum zieht sie uns an, darum »streben wir nach Höherem«. Sie eröffnet uns eine weitere Dimension, entbindet uns der Schwerkraft, wird umso reizvoller, je determinierter unser Alltag ist. Das sind irrationale Motivationen, jedoch um nichts ungültiger oder unberechtigter als alle vernünftigen Gründe, die für eine Nutzung der urbanen Dachzonen sprechen: die Verdichtung der Städte im Zentrum statt an der Peripherie. Die Nutzung brachliegender Flächen, nachdem technischer Fortschritt die unmittelbaren bauphysikalischen Aufgaben eines leeren Dachbodens obsolet gemacht hat. Die Aufwertung innerstädtischen Wohnens, das einmal schick war, inzwischen aber zu unkomfortabel ist. Niemand wünscht sich Loftlandschaften für die Reichen und Schönen, während das »niedere Volk« weiterhin in feuchten Substandardwohnungen von denkmalgeschützten Altstadthäusern dahin vegetiert. Aber was spricht gegen die Belebung versteinerter Fassaden, was gegen eine Frischzellenkur für verkrustete Dachlandschaften, die von Heerscharen an Tauben bewohnt werden, die glauben, ein Recht auf die beste Aussicht zu haben? In den Städten gilt immer noch Helmpflicht: Dach drauf, Haus zu. Manchmal werden Visiere hochgeklappt, Gaupen gebaut, Terrassen eingeschnitten, Lofts aufgesetzt. Der Bedarf besteht, das Angebot hinkt nach.

Vergessen wir den Ensembleschutz und die Altstadtkommission! Fürchten wir uns nicht vor Bauordnungen und Brandsachverständigen! Denken wir an die technischen und wirtschaftlichen Möglichkeiten, die uns zur Verfügung stehen. Denken wir an Holz, das, wie die Frauen in Athen, immer da war, aber unsichtbar in Dachstühlen, Tramdecken oder Stiegenhäusern seinen Dienst verrichtete. Stellen wir uns vor, das Holz zu befreien aus seiner steinernen Umgebung und auf die Dächer zu setzen als neue metaphorische Räume, nachdem die Dachböden selbst ihre Spiritualität verloren haben und zu »Bauland« geworden sind.

Holz ist durch seine Leichtigkeit, Flexibilität und Vielseitigkeit wie kein anderes Material geeignet, die Dachzonen unserer Städte zu besetzen. Um dieses Potenzial nutzen zu können, bedarf es einer Vorstellung seiner Einsatzmöglichkeiten, einer Absehbarkeit der zukünftigen Entwicklungen im Produktbereich. Es braucht eine engagierte Forschung, eine motivierte Industrie, eine innovative Planung. Kurz, es braucht Visionen und Fantasie im Rahmen eines freien Diskurses zwischen Planenden, Ausführenden und Herstellenden.

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»Die griechischen Frauen waren wegen ihrer angenommenen physiologischen Schwächen auf das Haus beschränkt. Die Adonia verwandelten diese Regel des weiblichen Rückzugs in den Haushalt. Sie feierten die sexuelle Lust der Frau: süß duftend trunken und wüst – dieses Fest der Aromen gab der Frau die Freiheit, an einem seltsamen und sonst nicht genutzten Ort des Hauses über ihre Begierden zu sprechen: auf dem Dach.

Die Frauen wanderten durch die Straßen, hörten Stimmen, die sie in der Dunkelheit riefen, erstiegen die Dächer auf Leitern, um fremde Frauen zu treffen. In der Dunkelheit, belebt von Gelächter, wurde das Dach ein anonymes, freundliches Terrain. Es ist merkwürdig, dass eine Person sich dann frei fühlen sollte, wenn sie auf einem Dach im Juli, nachts, umgeben von toten Pflanzen, zu Fremden über ihre geheimen Begierden spricht. Darin, dass sie diese unwahrscheinlichen Elemente miteinander verschmilzt, liegt die räumliche Macht der Metapher. Ein ,metaphorischer‘ Raum bedeutet im Ritual einen Platz, an dem Menschen disparate Elemente miteinander in Zusammenhang bringen. Das Dach war nicht ein Ort der Rebellion. Vielmehr war es ein Ort, an dem die Frauen zeitweise und körperlich die Umstände verließen, die ihnen die herrschende Ordnung der Stadt auferlegt hatte.

Keine städtische Macht jedoch suchte die Frauen davon abzuhalten, sie zu feiern, und vielleicht war dies auch ein Geschenk der Metapher bei einem Fest des Widerstandes, das zu merkwürdig war, um Gegenmaßnahmen heraufzubeschwören. Legitimierten die Thesmophoria kalte Körper in den Steinen der Stadt, so nahmen die Adonia für einige Nächte den Steinen das Gewicht.«

Richard Senett

(Zeitschrift Zuschnitt 13, 2004; Seite 3) Seite 1 von 2
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