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Statement

Erschienen in
Zuschnitt 13: Holz hebt ab
April - Juni 2004

Folgender Text von Volker Giencke wurde anlässlich der Preisverleihung des »warpvisions«-Wettbewerbs verlesen. Er beinhaltet Aufzählungen, Abrechnungen, Aufrufe und Aussichten zum Thema Holz: 

Holz ist ein göttlicher Baustoff. Gleichsam vom Himmel gefallen, wächst es auf dieser Welt vom 80. Breitengrad Nord bis zum 60. Breitengrad Süd. Also gebrauchte der Mensch die Axt und erfand die Säge. Fällte die Bäume und schnitt das Holz und baute Häuser daraus. Die ersten Architekturen überhaupt sind Pfahlbauten, die letzten sind Schachteln aus Holz. Aus wissenschaftlicher Sicht ist diese Entwicklung ein Rückschritt. Sie schadet der Architektur, weil der billigste zugleich der kleinste Nenner ist, und degradiert die Architekten zu Systematikern und Kalkulanten. Solche Architektur kennt weder die Sehnsucht nach dem Unverwechselbaren noch das Phänomen des nicht Aussprechbaren – die entscheidenden Kriterien der Architektur. Architektur, das ist im weitesten Sinne die Verbindung von Wissenschaft und Kunst. Die Konfrontation des Machbaren mit dem Vorstellbaren, d.h. die angewandte Kombination aus technischem Wissen und Erfindung. Erfindungen, das sind in der Kunst wiederum Begriffe wie z.B. Formfindung und Gestaltung. Kisten wurden konstruiert, um sie logistisch einwandfrei neben- und übereinander stapeln zu können. Holzhäuser funktionieren heute ganz ähnlich. Käfige sind es für Menschen, die in Kastengrundrissen groß geworden, später Semmelbrösel und Erbsen zählen werden. Weder benötigt man technisches Wissen, noch besteht irgendein Auftrag, etwas zu erfinden. Für den Holzbau von heute genügt handwerkliches Geschick.  

Deshalb gibt es heute viel Holzbau, aber wenig bis keine Holzarchitektur. Das, was heute den Holzbau bestimmt, ist für diesen Wettbewerb nicht wichtig gewesen. Das handwerkliche Geschick ist nichts, was man a priori verurteilen dürfte oder sollte. Im Gegenteil, das handwerkliche Geschick ist eine Notwendigkeit bei der Umsetzung des architektonischen Entwurfs. Holz ist ein wunderbares Material. Es ist hygroskopisch, es ist weich, es altert. Das heißt, es verändert sich im Laufe der Zeit und wird, richtig verwendet, umso schöner, je älter. Wer kann das von sich behaupten? Holz hat eine vergleichsweise geringe Dichte, das heißt, ein hohes Luftvolumen, das macht es zu einem Baustoff mit warmer Oberfläche. An Holz lehnt man sich gerne an, Holz ist verletzbar, es reagiert auf Einflüsse von außen. Holz hat eine hohe Zugfestigkeit. Es biegt sich oft und bricht nur selten. Holz ist wie kein anderer Stoff recycelbar. Häuser aus Holz könnten das Großartigste überhaupt sein, wenn Häuser aus Holz Architektur wären.  

Der Studentenwettbewerb »warpvision – die Rückkehr des Holzes in unsere Innenstädte« zeigt, dass dies möglich ist. Holzhäuser müssen keine Schachteln, Kisten, Boxen etc. sein. Holzhäuser können Skulpturen sein. Was unsere Städte brauchen, sind Zeichen, gebaute Symbole, attraktive Architekturen. Die Fadesse unserer Architektur ist zum Sterben. Die meisten Menschen leben in ihren Wohnungen und Häusern und gehen nie nach außen. Die Vitalität einer Gesellschaft zeigt sich nicht zuletzt in der Fähigkeit ihrer Mitglieder, miteinander zu leben. Das Leben unserer Innenstädte spielt sich auf den Straßen, zwischen den Häusern und nicht hinter Fassaden ab. Die Rückeroberung der Innenstädte durch ihre Bewohner wird für das Überleben unserer Städte von entscheidender Bedeutung sein. Die Vorstellung, dass diese Rückeroberung der Städte durch ihre Menschen gleichzeitig mit der Entdeckung des Holzes für unsere Innenstädte passieren könnte, halten wir für aufregend. Sie wird so lange nicht passieren, so lange an den Schaltzentralen der Wirtschaft nicht die besten Entscheidungsträger sitzen. So braucht die Reform der Architektur zuerst die Reform der Gesellschaft, bevor sie stattfinden kann. Im Allgemeinen geben wir uns damit zufrieden, wenn die WC-Spülung funktioniert, aus goldenen Armaturen warmes Wasser fließt und die Fenster dicht schließen. Wir müssen Sie, das Publikum, enttäuschen: Das sind nur die Prämissen für Architektur. Das genügt nicht. Das ist keine Architektur. Studenten zeigen uns, wie das anders gehen kann. Aber Studenten haben kein Sprachrohr und keine Lobby. Sie brauchen keine Bauträger und keine Investoren. Studenten entwickeln keine Strategien, sie wetzen keine Messer. Studenten sind keine Heuchler, sie sagen und zeigen, was sie denken. Und das ist meistens tausend Mal besser als das, was gepriesen und gebaut wird.  

Solange die Sonne der Kultur tief steht und Zwerge lange Schatten werfen, so lange die Architektur die Machbarkeitsstudien der Erbsenzähler nicht überlebt und die Mittelmäßigkeit regiert, so lange sind Studenten das einzige Korrektiv dieser Gesellschaft. Die alltägliche Vorstellung, dass Architektur für die Ewigkeit gebaut wird, ist eine Zumutung und Belastung für kommende Generationen. Architektur für die Ewigkeit ist von gestern – unglaublich alt und nicht mehr wahr. Diese Erkenntnis eröffnet große Perspektiven für den Holzbau von morgen.