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Das Zündholz - sicher immer dabei

Elke Krasny
Erschienen in
Zuschnitt 14: Holz brennt sicher
Juni - August 2004

Leuchtende Kinderaugen vor der entflammten Geburtstagskerze, Entsetzen ob der entfesselten Feuersbrunst beim sommerlichen Waldbrand. In jedem Fall könnte es ein kleines Hölzchen gewesen sein, dessen Zündkopf die Reaktionen in Gang setzte. In der Geschichte dieses Hölzchens spiegelt sich eine kulturelle Entwicklung von höchster Bedeutung für unseren Alltag: Feuer, immer dabei und sicher verfügbar. Die Entwicklungsspuren der heutigen Streichhölzer führen in die barocke Blütezeit der Alchimie. Kurz nach der Entdeckung des Phosphors durch den Alchimisten Henning Brand im Jahr 1669 wurden erstmals von Hand Zündhölzer hergestellt. Eine leichte Reibung an einem Gegenstand und der hochreaktive, aber ebenso giftige weiße Phosphor entfaltete seine zündende Wirkung. Der englische Chemiker John Walker stellte 1825 eine Mixtur für Streichhölzer her, zum Patent wurde die Mischung 1828 von Samuel Jones unter dem sprechenden Namen Luzifer angemeldet. Die eigentliche Erfindung des Streichholzes wird Sir Isaac Holden aus Yorkshire zugeschrieben, der ab 1829 Phosphor und Schwefel verwendete. In Wien begann Stephan von Roemer 1832 mit der Zündholzproduktion. Schon bald findet das kleine Hölzchen Eingang in die Literatur. Hungernd und frierend sitzt Hans Christian Andersens Kleines Mädchen mit den Schwefelhölzchen aus dem Jahr 1845 am Silvesterabend auf der Straße. Niemand kauft sie ihm ab. Schließlich zündet es die Hölzchen an, eins ums andere, zaubert mit ihrem vergänglichen Schein wärmende Bilder: einen Weihnachtsbaum, die geliebte Großmutter. Am Neujahrsmorgen ist das Mädchen erfroren, ein Lächeln auf dem Gesicht, einen Bund abgebrannter Schwefelhölzchen in der Hand…

In waldreichen Gegenden, in Deutschland, Österreich oder Schweden, wurden die Phosphorzündhölzer ab den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts industriell hergestellt. Weiche Hölzer, vorwiegend Pappel, aber auch Esche, Fichte oder Tanne, wurden maschinell geschnitten und in Spezialfabriken mit Zündköpfen versehen. Das eine Ende der Hölzchen wurde in geschmolzenen Schwefel und nach dem Trockenen dieses Überzugs in die Zündmasse, ein Gemisch aus fein zerteilten Phosphorstücken, Leim, Gummi und Bindemittel getaucht. Explosionen gehörten zum Arbeitsalltag in den Zündholzfabriken, die Berufskrankheit Phosphornekrose ebenso, denn das Einatmen der Phosphordämpfe führte zum Absterben des Unterkiefers.

Der Chemiker und Mineraloge Anton Schrötter von Kristelli, einer der Organisatoren der Novara-Expedition, entdeckte im Jahr 1847 den ungiftigen roten Phosphor. Ein neues Element hielt Einzug in die Zündholzproduktion. 1912 wurde in Österreich der weiße Phosphor in der Zündholzindustrie verboten. Ihren Siegeszug traten die neuen Sicherheitszündhölzer von Schweden aus an. Der Zündkopf besteht aus Kalium, Schwefel oder Mennige, versehen mit Bindemitteln. Entzünden kann man diesen nur an besonderen Reibflächen mit rotem Phosphor. Das Holz, das zur Herstellung von Zündhölzern verwendet wird, sollte porös sein, um die Chemikalien für die Verbrennung zu steuern, und weich, um eine leichte Verarbeitung zu garantieren, jedoch hart genug, um sich nicht zu verbiegen. Zu gewagten Theorien gibt das Streichholz unterm Bett in Anton Tschechows gleichnamiger Erzählung Anlass. Es handelt sich um ein neumodisches Sicherheitszündholz, kein gewöhnliches Schwefelhölzchen, wie es der Gutsbesitzer immer verwendete. Doch alle Indizien entpuppen sich als reine Spekulation, als der angeblich ermordete Gutsbesitzer plötzlich wieder auftaucht…

Die Streichholzschachteletiketten sind ein veritabler Fundus der Wirtschaftsgeschichte, österreichische Marken wie Orion oder Sirius sind Vergangenheit - eine österreichische Streichholzproduktion gibt es seit den 1980er Jahren nicht mehr. Die Etiketten mauserten sich auch zu omnipräsenten Werbeträgern, wie beispielsweise im sinnfälligen Kontext der Aktion Licht ins Dunkel. Und die Phillumenisten sind es, in deren Sammlungen alte und neue Etiketten und deren exotische Verwandte aus aller Welt ein wohlbehütetes Zuhause finden. Sozialkritik und Streichholz gehen Hand in Hand, so auch beim 1989 entstandenen Mädchen aus der Streichholzfabrik des finnischen Filmemachers Aki Kaurismäki. Suspense ist den kleinen Hölzern jedoch ebenso deutlich auf den Leib geschrieben wie die kritische Beleuchtung der Verhältnisse und man sollte ihren dramaturgischen Auftritt keinesfalls unterschätzen. Wenn es ums letzte geht, wird es in jedem Fall kritisch.

Text

Elke Krasny
  • Kulturtheoretikerin, Autorin und Ausstellungskuratorin
  • unterrichtet an der Akademie der bildenden Künste Wien
  • Österr. Kinder- und Jugendbuchpreis 2006 für »Warum ist das Licht so schnell hell?«
  • Ausstellungen und Kunstprojekte im öffentlichen Raum
  • Schwerpunkte: Räume des Alltags und der Fiktion, Repräsentation und Gender, Museum und Ausstellungen, Urbaner Raum und partizipative Arbeitsweisen

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