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FAT/m (Fatalities per million)

Wolfgang Pöschl
Erschienen in
Zuschnitt 14: Holz brennt sicher
Juni - August 2004


Architektur und Bauen müssen den Menschen dienen, deshalb kann es keinen Widerspruch zwischen architektonischen Ambitionen und der Sicherheit von Menschen geben. Doch wenn sie verbrämt als wissenschaftliche Erkenntnisse durch die Tagespresse geistern, sind Vorurteile zu wenig oder sogar gefährlich, um Sicherheit zu gewährleisten. 

Es wird in absehbarer Zeit keine Leintücher und Bettdecken aus Beton geben und auch nicht U-Bahn-Tunnel und Eisenbahnbrücken aus Holz. In Bereichen, wo beide Materialien sinnvoll eingesetzt werden können, ist Vernunft angebracht und eine nüchterne Abwägung der Vor- und Nachteile. Die Dämonisierung eines Materials und das Schüren von diffusen Ängsten entsprechen zwar dem Zeitgeist, sind aber dadurch um nichts weniger schädlich. Und weil dies auch einer Weiterentwicklung der Architektur schadet, möchte ich als überbeschäftigter Architekt mit einem strikten Zeitlimit von zwei Tagen versuchen, folgende Fragen zu klären:

Wie und warum sterben Menschen bei Bränden? 
Warum sterben in manchen Ländern mehr Menschen bei Bränden als in anderen? 
Gibt es einen Zusammenhang zwischen der Bauweise bzw. dem konstruktiven Material von Gebäuden und der Anzahl von Menschen, die darin bei Bränden ums Leben kommen? 

Der Griff zum Telefon führt mich schnell in den Kreislauf von Brandverhütungsstellen; für Buchläden ist das Thema Feuer und darin umkommende Menschen zu marginal. Bleibt die heutige Quelle aller Information: das Internet. 
Doch auch dort sind Daten zum Brandgeschehen nur unübersichtlich und schwer zugänglich, einzig die Vorarlberger Brandverhütungsstelle hat klare Berichte für 2001 und 2002 im Netz.
Und siehe da: Vorarlberg, das Bundesland mit der größten Holzbautradition, schöpft mit 2,1 Todesfällen bei Bränden pro Jahr seinen der Bevölkerungszahl entsprechenden Anteil bei weitem nicht aus (Österreich: 50 – 60 Tote pro Jahr).
2001 gab es im Ländle keinen Toten, 2002 dafür vier. Eine 79-jährige Frau in Bregenz erleidet starke Hautverbrennungen und stirbt am darauffolgenden Tag; in Übersaxen stirbt eine 84-jährige Frau an Rauchgasvergiftung, genauso wie ein 37-jähriger Mann in Bregenz; der vierte Todesfall ist nicht geschildert.

Noch anschaulicher bis hin zu den tragischen Hintergründen von Bränden sind die Seiten der »Fireworld - wo die Feuerwehren zuhause sind«. Im Stil von Pressemitteilungen werden fast bis auf den Tag aktuell alle Brände und Katastrophen in Österreich (sowie die größten internationalen) dokumentiert.

Vom 24. März 2004 zurück bis zum 3. Juni 2003 bestätigt sich der Eindruck, der sich auch bei der täglichen Zeitungslektüre ergibt:

  • Menschen sterben meist bei kleinen Zimmer- und Wohnungsbränden.
  •  
  • Risikogruppen scheinen Frauen jenseits der Siebzig und Männer mittleren Alters zu sein.
  •  
  • Die Brände sind fast immer schnell gelöscht; der Feuerwehreinsatz dauert auch bei einem Todesfall oft nicht einmal eine halbe Stunde.
  •  
  • Die Hauptbrandursache ist vor allem in den Feuerwehrberichten »unbekannt«.

Die Homepage der Freiwilligen Feuerwehr Stroheim bringt das Problem auf den Punkt und nennt die gefährlichsten Mythen im Zusammenhang mit Bränden:

»Wenn es brennt, habe ich mehr als zehn Minuten Zeit, die Wohnung zu verlassen.«

Irrtum, Sie haben durchschnittlich nur vier Minuten zur Flucht. Eine Rauchvergiftung kann sogar bereits nach zwei Minuten tödlich sein. 

»Meine Nachbarn oder mein Haustier werden mich rechtzeitig alarmieren.«

Eine gefährliche Fehleinschätzung, wenn man nur vier Minuten Zeit hat – besonders nachts, wenn Ihr Nachbar schläft und das Haustier im Nebenzimmer ist.

»Wer aufpasst, ist vor Brandgefahr sicher.«

Stimmt nicht. Elektrische Defekte sind häufige Brand-ursachen. Auch Brandstiftungen im Keller oder Hausflur sowie ein Brand in der Nachbarwohnung gefährden Sie ganz unverschuldet.

»Steinhäuser brennen nicht.«

Das brauchen sie auch nicht. Schon Ihre Gardine, die Tapete oder ca. 100 g Schaumstoff, z.B. in Ihrer Couch, sind ausreichend, um eine tödliche Rauchvergiftung zu erzeugen.

»Rauchmelder sind zu teuer.«

Ein Rauchmelder ist das beste Mittel zum vorbeugenden Brandschutz im eigenen Haushalt. Er ist bereits für weniger als 100 Euro im Handel zu erhalten. Täglich sterben in Deutschland zwei Menschen bei Bränden. Wie viel ist Ihnen Ihr Leben wert?

Population Comparisons for Fire Deaths 1998 – 2000

 

Population Comparisons for Fire Deaths 1998 – 2000 
Country Deaths per 100.000 persons

 

 

 

Brandtote sind Rauchtote

Täglich verunglücken zwei Menschen tödlich durch Brände, die meisten davon in den eigenen vier Wänden. Die Mehrheit stirbt an einer Rauchgasvergiftung. Zwei Drittel aller Brandopfer werden nachts im Schlaf überrascht. Denn Rauch ist schneller als Feuer - und lautloser.

Soweit der erste Eindruck, aber hält er einer genaueren Betrachtung stand?

Eingedenk der Winston Churchill zugeschriebenen Erkenntnis, dass man nur Statistiken glauben soll, die man selbst gefälscht hat, stürze ich mich jetzt in den weltweiten Dschungel von Brandstatistiken. Auf Umwegen gelange ich zur »World fire statistics«, die mir die Quelle aller Zitate zu sein scheint.
 Dort schneidet Österreich in der Statistik 19 vom 23.10.2003 schlechter ab als sonst; die Toten von Kaprun bewirken einen Jahresdurchschnitt (1998 – 2000) von 1,53 Todesfällen bei Bränden je 100.000 Einwohner. In den Jahren 1994 – 1996 lag der Wert für Österreich bei 0,79 an viertbester Stelle in Europa hinter der Schweiz, den Niederlanden und Spanien. 
 
 Population Comparisons for Fire Deaths 1998 – 2000 
 Country Deaths per 100.000 persons 

 

Population Comparisons for Fire Deaths 1998 – 2000

 

Es gibt gravierende Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern: in Irland, Ungarn und Finnland sterben bei Bränden ungefähr dreimal so viele Menschen wie in der Schweiz, in Spanien oder in den Niederlanden. Warum aber liegen Länder wie Irland und Finnland an der Spitze der Statistik?

Die weitere Reise durchs Internet zeigt, dass sich diese Länder des Problems bewusst und daher auch sehr aktiv in der Ursachenforschung sind.

Das irische »National Safety Council« hat am 16.10. 2003 eine Analyse der Todesfälle durch Feuer in Irland (2001 – 2002) vorgelegt. Die Zusammenfassung ist lakonisch, fast brutal:

36 % der Brände im Winter, 32 % im Frühjahr.
 Die Opfer sind männlich (65 %), Städter, Alkohol ist im Spiel (39 %).
 Das Feuer bricht am Sonntag Morgen zwischen 0.00 und 6.00 Uhr aus, wahrscheinlich gibt es keinen (funktionierenden) Rauchmelder.

Unter der Rubrik »Feuertote nach Uhrzeit« zeigt sich, dass tatsächlich:
 23 % der Opfer zwischen 18.00 und 24.00 Uhr und 41 % zwischen 0.00 und 6.00 Uhr sterben; bei immerhin 5 % bleibt der Zeitpunkt des Brandes unbekannt.
 Bei Bränden im ländlichen Raum war bei 18 % der Vorfälle Alkohol im Spiel, in der Stadt bei 50 %.
 Besonders betroffen sind Männer im Alter von 30–60 Jahren (37 %).
 Bei den Brandursachen führt Rauchen (16 %) vor offenem Feuer (11 %), Kochstellen (9 %), Heizgeräten (8 %), Zündern (7 %), Kerzen (5 %) und Elektroinstallationen (4%).
 Offenes Feuer spielt bei den betagten Brandopfern die Hauptrolle, Alkohol bei jenen mittleren Alters, Kochstellen bei den jüngeren und Zündhölzer bei Kindern.

Die Verhältnisse in Finnland dürften ähnlich liegen:
Helsingin Sanomat sieht die Finnen überhaupt als Europameister bei Verletzungen und Tod durch Unfälle; als wichtigste Faktoren werden Alkohol und Gebrechlichkeit im Alter genannt.

Sehr zu empfehlen ist ein Artikel zur Situation in den USA (E. F. Eisenberg: House Fire Deaths); in dieser Untersuchung kommen als Gefahren, den Brandtod zu erleiden, noch Armut und vor allem Alter der betroffenen Gebäude hinzu.

Nach meinen Erkundungen bei den Spitzenreitern der Opferstatistik versuche ich nun in den Ländern mit den niedrigsten Opferzahlen in Europa nachzuforschen.
Bei Spanien scheitere ich schon daran, eine simple Brandstatistik aufzurufen.

Dafür ist auf die Schweiz Verlass. Die ETH Zürich erweist sich als die Mutter aller mitteleuropäischen Studien zum Thema Brand. Allein die Dissertation Nr. 15366 von Trond Maag: »Risikobasierte Beurteilung der Personensicherheit von Wohnbauten im Brandfall unter Verwendung von Bayes‘schen Netzen« ist eine wahre Fundgrube: 
 Personenschäden von 1990 bis 1999 in den Wohnbauten des Kantons Zürich gruppiert nach der Brandursache.

»Die Daten zeigen deutlich, dass Brände mit Todesfolgen meist unabhängig von den Gebäudeeigenschaften auftraten. Auch ist kein Zusammenhang zwischen Gebäudebrandschaden und Personenschaden feststellbar. (...) Erwähnenswert ist, dass nur ein Brandfall auf eine Brandausbreitung und somit eventuell auf fehlende bauliche Maßnahmen zurückzuführen war. In allen anderen Fällen traten die Opfer im Brandabschnitt auf, in welchem der Brand verursacht wurde. Außer bei den Brandstiftungen kamen dabei die Verursacher der Brände selbst ums Leben.«

Damit wird auch von dieser wissenschaftlichen Arbeit bestätigt, was alle zuvor erwähnten Studien deutlich gezeigt haben: Es gibt keinen Zusammenhang zwischen der Anzahl der Brandopfer und der Bauweise der betroffenen Gebäude. Das Verdienst einer relativ geringen Zahl von Brandtoten liegt nicht bei der Bauweise der Gebäude, sondern in strukturellen Brandschutzmaßnahmen, die von der Schaffung eines Gefahrenbewusstseins über gute Fluchtwege bis hin zu effizienten Feuerwehren reichen. Die Bauweise ist da nur einer unter vielen, wesentlich wichtigeren Faktoren.

Wenn also die Bauweise oder das konstruktive Material eines Gebäudes schon keinen Einfluss auf die Todesfälle bei Bränden hat, weil die Opfer offensichtlich durch die brennende Bettdecke oder das glimmende Sofa ersticken, lange bevor und meist ohne dass das Gebäude selbst brennt, liegt es nicht zumindest nahe, dass Holzhäuser öfter brennen oder die Schäden größer sind?

Gerade auf Finnland müsste dies zutreffen. Dort wurden in den vergangenen Jahrhunderten ganze Städte aus Holz gebaut und es gab bis zum Ende des 19. Jahrhunderts katastrophale Feuersbrünste, die erst durch die Einführung von Blechdächern und durch verbesserte Löschtechniken wirksam verhindert werden konnten.

Die Schadensstatistik der World fire statistics ergibt ein widersprüchliches Bild: Sie weist für Länder mit wenigen Todesfällen bei Bränden wie die Schweiz und Italien hohe Schadensraten aus, umgekehrt verursachen in Finnland Brände einen relativ geringen Schaden. Die genauere Durchsicht der Dissertation von Trond Maag zeigt, dass sich die Unterscheidung zwischen »massiven« und »nicht-massiven« Gebäuden von der Berner Gebäudeversicherung herleitet. Natürlich interessiert mich gleich eine Definition dieses Unterschieds, die in den wissenschaftlichen Arbeiten fehlt. Ich komme zwar leicht auf die aktuelle Homepage der Berner Gebäudeversicherung und in verschiedene Formulare für Wertberechnungen und Anmeldungen, ich kann aber keine Anzeichen dafür finden, dass dort zwischen massiv und nicht-massiv irgendein Unterschied gemacht wird.

Was bei den von Trond Maag verwendeten Daten der Berner Gebäudeversicherung aber sofort ins Auge sticht: das durchschnittliche Entstehungsdatum der nicht-massiven Bauten ist das Jahr 1926, das der massiven Gebäude 1959 (!); diese sind also im Schnitt um 33 Jahre jünger. Damit verbirgt sich hinter der Unterscheidung massiv / nicht-massiv der wahrscheinlich gewichtigere Faktor des Alters eines Gebäudes (siehe USA) bzw. die mit dem Alter der Gebäude verbundene stärkere Präsenz von Menschen mit einem höheren Risiko, Brände zu verursachen und, wie wir gesehen haben, auch darin umzukommen.

Abschließend lässt sich sagen, dass Fortschritte in der Sicherheit gewiss nicht durch kurzsichtigen Lobbyismus für ein bestimmtes Material erzielt werden. Ein Fortschritt ist nur durch eine Verbesserung des Brandschutzes bei allen, insbesondere bei älteren Gebäuden zu erzielen, zum Beispiel durch intelligente Brandmeldesysteme und Brandschutzkonzepte, wie sie schon seit langem von den Brandverhütungsstellen und den Feuerwehren propagiert werden.

Text

Wolfgang Pöschl
lebt und arbeitet als Architekt in Tirol.