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Joseph Beuys

Stefan Tasch
Erschienen in
Zuschnitt 14: Holz brennt sicher
Juni - August 2004, Seite 28

Tür mit Reiherschädel und Hasenohren, 1954 - 1956

Während eines Einsatzes als Kampfflieger im Zweiten Weltkrieg stürzte Joseph Beuys über der Krim ab. Er entging nur knapp dem Tod. Einheimische retteten den Verwundeten, salbten ihn mit Talg und hüllten ihn in Filz. Diese Erfahrung prägt seine Kunst: Filz und Fett sind neben Wachs und Kupfer die zentralen Materialien. Der Hut – Beuys’ unverkennbares Markenzeichen – überdeckt die nach seiner schweren Verletzung eingepflanzte Silberplatte in der Schädeldecke.

Die verbrannte Tür von Joseph Beuys aus dem Jahre 1953 ist ein frühes, beeindruckendes Beispiel seiner Auseinandersetzung mit dem Materialismus und der Suche nach der Spiritualität des Stofflichen. Die verkohlte Tür entstammt seinem abgebrannten Atelier in Düsseldorf, an der Beuys nachträglich ein Hasenfell und den Schädel eines Reihers befestigt hat. Dieses Werk vereint mehrere Aspekte Beuys’schen Formenvokabulars, mit denen der Künstler auf den Verlust von Sinn und das Verkümmern der Sinne hinweist. Für Beuys ergeben sich dadurch existenzielle Fragestellungen nach dem Lebenssinn und der Rückkehr zur Natur. Dies ist zum einem durch den Umstand des abgebrannten Ateliers und dem damit verbundenen Verlust von Heimat zu erklären, zum anderen will Beuys, dass sich der Betrachter mit den eigentlichen Stoffen (Holz, Kupfer, Fett...) auseinandersetzt, und empfiehlt den »möglichst elementaren Umgang mit einem Ding”. Wir sollen von den Stoffen selbst und ihren Möglichkeiten lernen, um dadurch mehr über uns und unser Sein zu erfahren. Derartige Denkmuster wurden bereits im 10. Jahrhundert von chinesischen Gelehrten verbreitet »Man muss seinen Scharfblick aus dem Ursprung der Lebewesen und Dinge in ihrer Erscheinungsweise beziehen; so wächst etwa Holz aus seiner inneren Wachstumskraft” (Jing Hao).

Die Kombination von Tür und Hasenfell, respektive Reiherschädel, entspringt der Wechselbeziehung, die Beuys zwischen Mensch und Tier sieht und die auch in seinen anderen Arbeiten einen elementaren Stellenwert einnimmt. Für ihn sind sie das Verbindungsglied zwischen den Pflanzen und dem Menschen innerhalb der Evolution. Das Tier hat sich nach Beuys für die Evolution des Menschen geopfert und muss deshalb vom Menschen besonders geachtet werden. Beuys entwickelte in diesem Zusammenhang seine plastische und soziale Wärmetheorie, die er aus Beobachtungen eines Bienenstaates ableitete. Für ihn war Wärme die »evolutionäre Grundsubstanz”, wobei dies auch jenseits von Materie stattfindet, das heißt über die physikalische Wärme hinausgeht. Daraus folgt die soziale Wärme, die Qualität der menschlichen und gesellschaftlichen Beziehungen.

Auf die verkohlte Tür umgelegt kann die als Folge extremer Wärme respektive Hitze neu entstandene Materialität als ein ungeduldiges Statement Beuys’ gesehen werden, die Gesellschaft wachzurütteln, um ihr den abhanden gekommenen Orientierungssinn, aber auch die Instinktsicherheit zurückzugeben. Daneben verweisen Asche und Feuer auf die Alchimie, mit der sich Beuys intensiv beschäftigte und die sich als theoretischer Unterbau im Großteil seiner Arbeiten wiederfindet. Alchimie geht von der Idee des Urstoffes aus, der aus den drei Ursubstanzen Sulphur, Sal und Mercurius gebildet wird. Sulphur leitet sich von der ägyptischen Mysterientradition ab und verwandelt sich alchimistisch zur Seele, während aus der griechischen Philosophie das Prinzip Merkur als das geistige Prinzip in der Alchimie einging. Sal wird mit Körper gleichgesetzt und leitet sich ab von den technisch-metallurgischen Kenntnissen der Handwerker und Schmiede. Der Tür folgten ab 1986 »Wärmeskulpturen” und ab 1974 »Feuerstätten”, die erneut alchimistischen Prozessen gewidmet waren.

 

Josef Beuys

1921, 12. Mai: Joseph Beuys wird in Krefeld als Sohn eines Kaufmanns geboren
1947 – 1952 Studium der Malerei und der Bildhauerei an der Kunstakademie Düsseldorf bei Josef Enseling, später Meisterschüler von Ewald Mataré
1953 Erste Einzelausstellung von Skulpturen und Zeichnungen in Kranenburg und in Wuppertal
1961 – 1972 Professur an der Kunstakademie Düsseldorf
Seit 1964 Beteiligung an jeder documenta
1973 Gründung der »Freien Internationalen Hochschule für Kreativität und interdisziplinäre Forschung«.
1976 Ausstellungsbeiträge zur Biennale in Venedig und zur Zeitgeistausstellung in Berlin
1979 Retrospektive im New Yorker Guggenheim-Museum. Kandidatur für das Europaparlament
1986, 23. Januar:
Joseph Beuys stirbt in Düsseldorf nach einer seltenen Entzündung des Lungengewebes an Herzversagen

Text

Stefan Tasch
Studium der Kunstgeschichte in Wien und Edinburgh, Arbeit in verschiedenen Museen und Galerien 

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