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Sicher kann etwas sicher brennen…

Erschienen in
Zuschnitt 14: Holz brennt sicher
Juni - August 2004
Georg Driendl, Roland Gruber, Johann Riebenbauer
Peter Schober, Gerhard Leibetseder

Gespräch Sicher kann etwas sicher brennen …

Gruber
Als Einstieg möchte ich Sie fragen, was Sie mit dem Titel »Holz brennt sicher« assoziieren. Ich habe verschiedene Leute von außen befragt und die unterschiedlichsten Antworten bekommen: Vom Osterfeuer, über das Knistern und Knarren des Holzes, wenn es brennt, bis zu Kunstprojekten, die Geselligkeit am Feuer oder auch die Vergänglichkeit des Materials reichte das Spektrum der Antworten. Was verbinden Sie mit dieser Aussage?

Riebenbauer
Ich reagiere darauf schon über meinen beruflichen Hintergrund und daher ist für mich als Statiker der Begriff der Sicherheit zentraler Aspekt der Aussage. Sicherheit ist für einen Statiker immer untrennbar mit jedem Gebäude verbunden und auch ganz einfach definierbar: Wenn die Sicherheit unterschritten wird, dann versagt die Konstruktion eines Gebäudes – es fällt zusammen. Mit einem gewissen rechnerischen Abstand zu einem Grenzwert ist die Sicherheit definiert, das gilt dann natürlich auch für den Brandfall.

Gruber
Ein Architekturkritiker hat auf meine Frage mit der Gegenfrage geantwortet: »Wie kann etwas sicher brennen?« Das impliziert, dass etwas, das brennt, nicht sicher sein kann.

Schober
Sicher kann etwas sicher brennen. Das ist ja der größte Vorteil des Holzes: Wir wissen, dass es brennt, wie es brennt und wir können damit umgehen. Es ist ja zum Beispiel ganz etwas anderes, auf brennendes Holz zu reagieren als auf brennenden Kunststoff. Man kann das »sichere« Brennen vielleicht am Beispiel eines Zündholzes veranschaulichen: Sie zünden es an, das ist eine bewusste Handlung, nicht etwas Zufälliges, sondern ein willentlicher Akt. Sie schauen es an, Sie können abschätzen, wie lange es brennt, wann es kritisch wird, und Sie können es löschen. Genau das ist die Sicherheit, die Holz bietet. Es ist berechenbar und zwar nicht nur für die Experten. Es gibt diese Erfahrung des Menschen im Umgang mit brennendem Holz.

Leibetseder
Man soll einen Fehler nicht machen – man kann die Fragen des Brandschutzes nicht primär auf die Materialeigenschaften von Baustoffen hinsichtlich Brennbarkeit und Nichtbrennbarkeit reduzieren. Ich bin bei dieser Fragestellung natürlich beruflich vorbelastet. Auf jeden Fall möchte ich aber sagen, dass Holz grundsätzlich eine Berechtigung hat, als Baustoff eingesetzt zu werden, und dass dies sicherheitstechnisch, unter Berücksichtigung der Eigenschaften, vertretbar ist. Natürlich brennt es, man muss die Situation jedoch immer objektbezogen beurteilen, sich fragen, wie das Material zum Einsatz kommt, welche Maßnahmen getroffen werden, wie das Gebäude genutzt wird, in welchen Dimensionen gearbeitet wird. Es geht darum, baustoffgerecht zu denken, effiziente brandschutztechnische Lösungen zu suchen und sich beispielsweise nicht darauf zu beschränken festzustellen, dass Holz brennt und Beton oder Ziegelmauerwerk nicht. Das macht keinen Sinn und ist nicht sachlich.

Gruber 
Sie arbeiten für das Institut für Brandschutztechnik und Sicherheitsforschung und haben schon mehrere Holzbauten, wie auch die Schule in Klaus von »Dietrich | Untertrifaller« brandschutztechnisch betreut. Wie läuft so eine Zusammenarbeit ab?

Leibetseder
Meistens beginnt die Zusammenarbeit schon in der Vorplanung, womit wir bereits in die Grundkonzeption der baulichen Brandschutzmaßnahmen involviert sind. Wir begleiten das Projekt dann bis in die Einreichphase, stimmen die Maßnahmen mit den Planunterlagen der Architekten ab und betreuen die Detailplanung. In der Umsetzung betreiben wir eine begleitende Bauüberwachung. Es gibt also Gespräche mit allen beteiligten Fachfirmen, die mit dem Thema Brandschutz in Berührung kommen. Wir weisen auf Problematiken, Details, geforderte Unterlagen wie Prüfzeugnisse, Bestätigungen für die ordnungsgemäße Detailausführung, Dokumentation bis zur Übergabe, aber auch Möglichkeiten hin. Während der Bauausführung ist oft die Ausarbeitung von Lösungen für Sonderkonstruktionen erforderlich, welche beispielsweise in Form von Einzelbeurteilungen dokumentiert werden. Abschließend erfolgt eine formelle Abnahme. Grundsätzlich versuchen wir, mit allen Beteiligten – also Auftraggebern, Architekten, ausführenden Firmen und Behörden – so zusammen zu arbeiten, dass für alle ein zufrieden stellendes und vor allem effizientes Ergebnis unter Berücksichtigung der erforderlichen Sicherheit erzielt wird. 

Zuschnitt 
Gibt es mehrere Stellen in Österreich, die diese Projektbegleitung anbieten? 

Leibetseder 
Ja, das läuft meist über die Brandverhütungsstellen der Länder, wobei man sagen muss, dass hier unterschiedliche Leistungen angeboten werden. 

Driendl 
Ich habe vor einigen Jahren in Wien Folgendes erlebt: Wir hatten den Auftrag, eine Schule für die Gemeinde zu planen und unser Vorschlag war, eine Stahlbetonskelettbauweise mit einem Unterzugsystem mit eingelegten Holzdecken zu kombinieren. Das Interessante daran war, dass wir von den zuständigen Beamten der MA 39 durchaus Unterstützung bekommen haben, während sich der Bauträger geweigert hat, darüber auch nur nachzudenken. 

Schober 
Das kommt auch ein bisschen aus der Historie, weil Wien immer nur als mineralische Stadt gesehen wird, was eigentlich nicht stimmt. Denn wenn Sie überlegen, dass diese Stadt – zumindest im Zentrum, in ihren alten Teilen – eigentlich zu wesentlichen Teilen aus Holz besteht, das in Decken, Dachstühlen etc. eingearbeitet wurde, dann sehen Sie, dass dieses »steinerne Wien« in der Form gar nicht existiert. Trotzdem gibt es in der Praxis mit der »hölzernen Bautradition« in Wien keine brandschutztechnischen Probleme. 

Leibetseder 
Man muss da vielleicht einen Schritt zurück gehen und das Thema der »Schutzziele« genauer beleuchten: Was will ich schützen, was will ich erreichen, falls es brennt? Das ist der Kernpunkt und kann von Objekt zu Objekt verschieden sein. Ein Bürogebäude oder ein Betriebsgebäude ist zum Beispiel brandschutztechnisch anders zu beurteilen als ein Pflegeheim, wenn es hier insbesondere um Personenschutz unter Berücksichtigung der Mobilität der Bewohner geht. Wobei wir ja derzeit in den Bundesländern unterschiedliche brandschutztechnische Anforderungen und zum Teil auch unterschiedliche Definitionen bzw. Objektbegriffe haben. So gibt es in Vorarlberg etwa keine Anforderungen an die Brandwiderstandsklasse im Kleinhausbau. 

Schober 
In Wien gilt F60 und je höher gebaut wird, umso höher steigen logischerweise auch die Anforderungen des Gesetzgebers, bis man dann bei F90 aber mit der Auflage »mineralisch« landet und gar kein Holz mehr eingesetzt werden darf, auch nicht bei nichtbrennbar verkleideter Konstruktion. Daher versucht man jetzt, über entsprechende Forschungsprojekte und Aufklärungsarbeit bei den Behörden eine Gleichstellung des Holzes zu erreichen und zwar dahingehend, dass man über die Schutzzieldefinition arbeitet. Das heißt, dass die Behörde ein Schutzziel vorgibt, dessen Erfüllung nachzuweisen ist. Damit hat man einen werkstoffunabhängigen Zugang bei gleich bleibendem Sicherheitsniveau und endlich die Möglichkeit, auch in Holzbauweise Dinge zu planen und umzusetzen, die bisher an der Bauordnung gescheitert sind. 

Gruber 
Das bedeutet also, dass die Gesetzgebung in die Richtung der Erfassung des Gesamtprojekts geht? 

Leibetseder
Ja, das ist das Wesentliche. Es macht ja auch keinen Sinn, sich auf Details zu stürzen und zu sagen, das ist brennbar und das nicht. Es geht wirklich um die umfassende brandschutztechnische Betrachtung der Objekte. 

Zuschnitt 
Wenn die Bauordnung wirklich schutzzielorientierter wird, heißt das dann, dass die Realisierung von Bauvorhaben automatisch betreuungsintensiver und damit auch teurer und komplizierter wird? 

Schober 
Nein, weil es im Rahmen der Bauordnung zwei Möglichkeiten geben wird, die Schutzziele zu erreichen: einmal über eine Art »Standardkatalog« mit den herkömmlichen Begriffen wie F30, F60 bzw. in Zukunft REI 30, REI 60 etc. und einmal über ein Sachverständigengutachten, wo nachgewiesen werden muss, dass das Schutzziel erreicht wird. Das heißt, für ein übliches Bauwerk werden Sie mit Standardlösungen arbeiten, wenn Sie aber mehr Spielraum haben möchten, können Sie das über ein Gutachten machen. In beiden Fällen muss das Gebäude so lange standhalten, dass ein ausreichender Personenschutz, Sachschutz und Schutz der Einsatzkräfte im Brandfall gewährleistet ist. Mit welchen Maßnahmen das erreicht wird – ob durch die Konstruktion, die Materialwahl, einen zweiten Fluchtweg, eine Sprinkleranlage oder was auch immer –, steht dann den Planern im Prinzip offen, ist aber auf jeden Fall nachzuweisen. 

Zuschnitt 
Aber die Gutachterlösung gibt es ja jetzt auch schon. 

Schober 
Die gibt es jetzt auch schon, aber sie wird vereinfacht, weil die Schutzziele exakter definiert sind. 

Riebenbauer 
Außerdem hat man dann eher einen Anspruch darauf; das ist jetzt manchmal noch ein bisschen heikel. 

Driendl 
Wir haben in Ungarn – zusammen mit einem dort ansässigen Partner, denn als österreichischer Ziviltechniker darf man in Ungarn eigentlich nicht bauen – die Österreichische Schule gebaut und waren relativ besorgt bezüglich des Brandschutzes, weil wir ein Holzdach geplant haben. In der Realität war das dann extrem unkompliziert, weil in Ungarn nicht die einzelnen Bauteile beurteilt, sondern lediglich Rahmenbedingungen formuliert werden: Die Treppe muss eine gewisse Zeit standfest sein, der Fluchtweg muss eine gewisse Zeit funktionieren und es muss nachgewiesen werden, wie lange es dauert, bis die letzte Person das Gebäude verlassen kann. Die Vorgaben kamen von der Feuerwehr und die Brandschutzplanung eigentlich von der Behördenseite. 

Gruber 
Welche Rolle spielt die Angst? 

Schober 
Man muss ein gewisses Vertrauen schaffen. Wir wissen, wie es funktioniert, aber jemand, der mit dem Baustoff noch nicht gearbeitet hat oder noch nie einen Realbrandversuch gesehen hat und damit die Sicherheit, die Holzbauteile bieten, noch nicht »begreifen« konnte, ist möglicherweise misstrauisch. Daher versuchen wir von der Holzforschung, Sicherheiten zu schaffen und zwar nicht nur über unsere Forschungsprojekte, sondern zum Beispiel auch über den Internet-Bauteilkatalog http://www.dataholz.com, wo geprüfte Bauteile abrufbar sind.

Leibetseder 
Das ist ein emotionalisierter Bereich. Faktum ist aber, dass es im Hinblick auf den Individualpersonenschutz, unter Berücksichtigung der Erfahrungen im Zuge der Brandursachenermittlung, oftmals wenig bzw. nicht relevant ist, ob das Gebäude in F30, F60 oder F90 bzw. in Holzbau oder Massivbauweise ausgeführt ist, weil es in den meisten Fällen nicht primär die Bauteile sind, die insbesondere in der Anfangsphase brennen, sondern die Einrichtung bzw. Ausstattung der Objekte. Der Großteil der Brandopfer erliegt einer Rauchgasvergiftung. 

Riebenbauer 
Wenn man weiß, wie lange ein Bauwerk steht, braucht man keine Angst zu haben. Daher hat auch ein Feuerwehrmann bei einem Einsatz in einem Holzgebäude keine Angst. Er erkundigt sich, wann das Gebäude begonnen hat zu brennen, und weiß dann, wie lange er sich noch darin aufhalten kann. Außerdem lernt er bald, die Zeichen vor dem Versagen der Konstruktion zu deuten. Das gelingt ihm in einem Stahlbetongebäude nicht. Es macht auch keinen Sinn, einen Angstzuschlag von plus dreißig Minuten zu bezahlen. Da wäre gute Information und Aufklärung ganz wichtig. Es passiert so schnell, dass jemand, der sich nicht auskennt, falsche Aussagen trifft, und es ist dann unheimlich schwierig, gegen so entstandene Vorurteile anzukämpfen.

Schober 
Die Aufklärung ist sicherlich der Schlüssel. Wobei sie auf zwei Ebenen funktionieren muss: bei den Behörden und Planern mit wissenschaftlichem Hintergrund und beim Endverbraucher mit dem Hinweis, wie Holz brennt. Natürlich brennt es, das ist auch gut so, das braucht man nicht wegzudiskutieren, damit kann man umgehen und falls es wirklich einen Zimmerbrand gegeben hat, ist eine Holzkonstruktion auch gut zu sanieren. Darüber hinaus sind die Haptik, die optischen, emotionalen und auch ökologischen Vorteile von Holz unüberbietbar. Aber im Vordergrund muss immer die Sicherheit stehen. 

Driendl 
Wichtig wäre, dass alle Baustoffe, egal welche, objektiv und neutral bewertet werden. Jedes Material hat seine Stärken und sollte entsprechend eingesetzt werden – natürlich auch in Mischformen. Da kann man Vor- und Nachteile der einzelnen Materialien sehr gut austarieren. 

Leibetseder 
Ja, jeder Baustoff hat seine Berechtigung, wobei es natürlich auch berechtigt ist, Holz unter Berücksichtigung seiner Eigenschaften vermehrt einzusetzen, was brandschutztechnisch vertretbar bzw. beherrschbar ist. Wesentlich ist die umfassende, objektbezogene brandschutztechnische Betrachtungsweise in Abhängigkeit der Gebäudeart und nicht eine generelle Reduktion des Themas Brandschutz auf den Aspekt der Brennbarkeit oder Nichtbrennbarkeit der verwendeten Baustoffe.

Schober 
Ich kann mich dem nur anschließen und es stimmt: Holz brennt sicher. 

Georg Driendl
Architekt
geboren 1956 in Innsbruck
Studium an der Akademie der bildenden Künste in Wien
Lehrtätigkeit an der Technischen Universität Cottbus (D), an der Technischen Universität Graz und an der Universität Innsbruck

Mag. arch. Roland Gruber
Architekturstudium an der Kunstuniversität Linz und ETH Zürich
1999 Gründung noncon:form - architecture group
2002 Vorstandsmitglied der IG-Architektur
Seit 2004 Wissensmanager von »überholz« - Universitätslehrgang für Holzbaukultur an der Kunstuniversität Linz

Info:
Universitätslehrgang »überholz«
T +43 (0)70 / 7898-283
ulg-ueberholz@ufg.ac.at www.ufg.ac.at

DI Johann Riebenbauer
Studium des Bauingenieurwesens, TU Graz
Vier Jahre Univ.-Ass. am Institut für Tragwerkslehre an der TU Graz
Seit 6 Jahren im ingenieurmäßigen Holzbau freiberuflich tätig und zwar auf den Gebieten Forschung, Entwicklung, Beratung, Statik und Softwareentwicklungen

DI HTL Klaus Peter Schober
Seit 1982 Mitarbeiter der Holzforschung Austria
Seit 1992 Leiter der Abteilung »Bautechnik« der Holzforschung Austria
Seit 1998 Lehrauftrag an der Technischen Universität Wien, am Institut für Tragwerkslehre und Ingenieurholzbau
Mitarbeiter in zahlreichen nationalen und internationalen Normenausschüssen
1999 Preisträger des Josef Umdasch-Preises der Universität für Bodenkultur für hervorragende Leistungen auf dem Gebiet der Holz- und Forstwissenschaften
2003 ÖGUT Umweltanerkennungspreis in der Kategorie »Nachhaltige, innovative Unternehmensstrategie im IT-Business« für das Projekt http://www.dataholz.com

DI HTL Gerhard Leibetseder
Allgemein beeideter und gerichtlich zertifizierter Sachverständiger für Brandschutzwesen, Brand- und Explosionsursachenermittlung, Feuerpolizeirecht
Mitarbeiter des Instituts für Brandschutztechnik und Sicherheitsforschung Linz als

  • Sachverständiger in Behördenverfahren (Bau, Gewerbe)
  • Brandursachenermittler im Auftrag der Sicherheitsbehörden und Gerichte
  • Ersteller von Brandschutz konzepten, Sicherheitsanalysen, Beurteilungen
  • Bauteil- und Baustoffprüfer