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Essay - Leben auf gutem Grund

Wolfgang Pauser
Erschienen in
Zuschnitt 15: Lauf Meter
September 2004

Aus Staub sind wir, und zu Staub sollen wir werden – das ist die ultimativ schlechte Nachricht, die uns von unten her zukommt, nicht erst, seit die Bibel sie so griffig formuliert hat. Um mit dieser narzisstischen Kränkung nicht permanent konfrontiert zu sein, wurde zwischen Mensch und Erde eine Schicht eingeschoben, die man Boden nennt. Der Boden bereinigt das problematische Verhältnis zwischen Mensch und Erde, sorgt für stabile Verhältnisse und bietet selbst eine Darstellungsfläche für die Inszenierung vielfältiger Rituale der Bereinigung.

Das Andere des Bodens ist die Erde. Von ihrem Ausschluss her ist der Boden zu verstehen. Erde ist instabil gegenüber der Form: Vermischt mit Luft verflüchtigt sie sich zu Staub, vermischt mit Wasser wird sie zu Schlamm und droht, dass wir darin versinken. Wo sie halbwegs fest und trocken ist, zeigt sie sich bei näherer Betrachtung als Gemenge halbverwester Abfälle. Erde zu sein ist ein Zwischenzustand des Organischen zwischen Tod und neuerlichem Leben. Die Erde ist auf unbegreifliche Weise lebendig als Lebensverdauungs und Recycling-Maschine. Sie ist aber auch selbst »unter der Erde« und in diesem Sinne ein dunkles Totenreich, das nicht nur als Potenzial allen irdischen Lebens, sondern auch als dessen unausweichliches Endlager evident ist.

Um Evidentes zu vergessen, bedarf es aufwändiger Vorkehrungen: Der Fußboden ist ein universales Kult-Gerät all derer, die nicht »auf der nackten Erde hausen« wollen. Mit ihm betreten wir den Boden der Kultur – das ist die gute Nachricht. Denn da wir weder die Natur noch die Sterblichkeit verlassen oder gänzlich negieren können, bleibt uns nur die Möglichkeit, Zeichen zu produzieren, in denen Natur und Tod in einer Weise negiert werden, in der sie nur noch als Repräsentationen weiter präsent bleiben – abwesend und anwesend zugleich. Das ist ein seit Jahrtausenden bewährter Kompromiss, man nennt ihn auch Ästhetik. Die Natur wird ausgetrieben, um, vom Menschen in Form gebracht, zur Hintertür wieder herein zu kommen. Die Natur wird vernichtet, um als Artefakt wieder aufzuerstehen. Nur als Ornament ist sie erträglich – das gilt auch für alle aktuellen Darstellungen von »purer«, roher und ursprünglicher Natürlichkeit, die unsere Produktwelt artifiziell überziehen.

Lange bevor Axt und Säge zur Verfügung standen, bedeckten »mit Moos gedichtete Knüppelgelege« als erste Holzböden die Hütten unserer Vorfahren. Seither haben sich nur die technischen Methoden der Homogenisierung, die strukturierenden Gestaltungen und die Bedeutungen verändert. Der Holzboden selbst scheint eine Konstante der menschlichen Weltbewohnung zu sein. Seine Erfolgsgeschichte kann nicht mehr aus Funktionen erklärt werden, seit diese von anderen Materialien ersetzbar sind. Was prädestiniert Boden und Holz für einander, jenseits aller Verfügbarkeiten und Funktionalitäten?

Um als Zwischenschicht zwischen Mensch und Erde optimal zu sein, bedarf es vermittelnder und medialer Qualitäten. Holz ist in sich differenziert genug, um als Erzähler zu funktionieren, und homogen genug, um seine Botschaften unterschwellig ausbreiten zu können. Einen Holzboden muss man übergehen können, seine Struktur muss man übersehen können. Holz schreit einen nie an, es flüstert. Holz spricht zu allen Sinnen, erzählt auf allen Ebenen von seiner speziellen Art, nach seinem Tod als Baum für den Menschen ewig lebendig bleiben zu können. Wenn Holz riecht, erleben wir das als frischen Duft, obwohl es sich objektiv um die Ausdünstung einer toten Pflanze handelt. Wenn Holz knarrt, scheint es uns ein Lebenszeichen zu geben, obwohl das Knarren ein Symptom des Elastizitäts-verlusts post mortem ist. Wirft sich ein Brett, so bäumt es sich vermeintlich auf gegen seine starre Einspannung. So viel »Eigendynamik« behält dieses Material nach der Abtötung seines pflanzlichen Lebens, dass es nicht nur unvergänglich als Werkstoff, sondern auch ewig lebendig erscheint.

Dazu passt, dass es sich warm anfühlt, ohne warm zu sein. Holz ist geradezu interaktiv, denn es reagiert, schwingt mit oder dagegen, knarrt freundlich beim Betreten und zeigt sich als Wesen mit Identität, so unverwechselbar gemasert wie ein Fingerabdruck. Holz zeigt mal seine harte, mal seine weiche Seite, beugt sich unserem Druck, um dann doch zurückzuschnellen. Es ist reaktionsfreudig und doch ein beharrlicher, verlässlicher Begleiter.

Der Baum zählt die Zeit wie der Mensch in Jahren und schreibt sie digital auf, die Jahresringe sind sein Bar-Code. Überlebt hat er uns schon, bevor wir ihn erlegten, und auch in seinem zweiten Leben wird er länger da sein als wir. Neben den Spuren seines Wachsens trägt ein Holzbrett auch die Spuren seiner Benützer, oft nicht nur der gegenwärtigen, sondern mitunter auch von Generationen davor. Geduldig nimmt es alle Lebenszeichen und Verletzungen in sich auf und mischt sie mit seiner eigenen Maserung zur umfassenden Metapher einer die menschliche übersteigenden Zeit. Der Baum lebt nicht nur länger als der Mensch, er ist auch um Jahrhunderte länger tot – ohne freilich zu verschwinden. Gäbe es Holz nicht, man müsste es erfinden, um zwischen Mensch und Erde eine Kultur der Vermittlung zu etablieren. Wie eine Brücke trennt und verbindet der Holzboden Lebendigkeit und Totheit, Natur und Künstlichkeit. Er ist auf künstliche Art natürlich und auf lebendige Weise tot. 

Text

Wolfgang Pauser

ist als Konzeptionist, Autor und Berater spezialisiert auf kulturwissenschaftliche Produkt- und Markenanalysen
www.pauser.cc