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Essay
Leben auf gutem Grund – Fußnote
zur Anthropologie des Holzboden

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Aus Staub sind wir, und zu Staub sollen wir werden – das ist die ultimativ schlechte Nachricht, die uns von unten her zukommt, nicht erst, seit die Bibel sie so griffig formuliert hat. Um mit dieser narzisstischen Kränkung nicht permanent konfrontiert zu sein, wurde zwischen Mensch und Erde eine Schicht eingeschoben, die man Boden nennt. Der Boden bereinigt das problematische Verhältnis zwischen Mensch und Erde, sorgt für stabile Verhältnisse und bietet selbst eine Darstellungsfläche für die Inszenierung vielfältiger Rituale der Bereinigung.

Das Andere des Bodens ist die Erde. Von ihrem Ausschluss her ist der Boden zu verstehen. Erde ist instabil gegenüber der Form: Vermischt mit Luft verflüchtigt sie sich zu Staub, vermischt mit Wasser wird sie zu Schlamm und droht, dass wir darin versinken. Wo sie halbwegs fest und trocken ist, zeigt sie sich bei näherer Betrachtung als Gemenge halbverwester Abfälle. Erde zu sein ist ein Zwischenzustand des Organischen zwischen Tod und neuerlichem Leben. Die Erde ist auf unbegreifliche Weise lebendig als Lebensverdauungs und Recycling-Maschine. Sie ist aber auch selbst „unter der Erde“ und in diesem Sinne ein dunkles Totenreich, das nicht nur als Potenzial allen irdischen Lebens, sondern auch als dessen unausweichliches Endlager evident ist.

Um Evidentes zu vergessen, bedarf es aufwändiger Vorkehrungen: Der Fußboden ist ein universales Kult-Gerät all derer, die nicht „auf der nackten Erde hausen“ wollen. Mit ihm betreten wir den Boden der Kultur – das ist die gute Nachricht. Denn da wir weder die Natur noch die Sterblichkeit verlassen oder gänzlich negieren können, bleibt uns nur die Möglichkeit, Zeichen zu produzieren, in denen Natur und Tod in einer Weise negiert werden, in der sie nur noch als Repräsentationen weiter präsent bleiben – abwesend und anwesend zugleich. Das ist ein seit Jahrtausenden bewährter Kompromiss, man nennt ihn auch Ästhetik. Die Natur wird ausgetrieben, um, vom Menschen in Form gebracht, zur Hintertür wieder herein zu kommen. Die Natur wird vernichtet, um als Artefakt wieder aufzuerstehen. Nur als Ornament ist sie erträglich – das gilt auch für alle aktuellen Darstellungen von „purer“, roher und ursprünglicher Natürlichkeit, die unsere Produktwelt artifiziell überziehen.

Lange bevor Axt und Säge zur Verfügung standen, bedeckten „mit Moos gedichtete Knüppelgelege“ als erste Holzböden die Hütten unserer Vorfahren. Seither haben sich nur die technischen Methoden der Homogenisierung, die strukturierenden Gestaltungen und die Bedeutungen verändert. Der Holzboden selbst scheint eine Konstante der menschlichen Weltbewohnung zu sein. Seine Erfolgsgeschichte kann nicht mehr aus Funktionen erklärt werden, seit diese von anderen Materialien ersetzbar sind. Was prädestiniert Boden und Holz für einander, jenseits aller Verfügbarkeiten und Funktionalitäten?

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© Paul Ott

Dr. Wolfgang Pauser
geboren 1959 Studium der Philosophie, Kunstgeschichte und Rechtswissenschaft. War Kunstkritiker für die Tageszeitung Der Standard, Lehrer an der Hochschule für angewandte Kunst sowie an der Technischen Universität in Wien und Kurator diverser Ausstellungen. Seit 1986 freiberuflicher Essayist mit den Themenschwerpunkten Konsum und Alltagskultur sowie bildende Kunst, Design, Architektur. Seit 1995 Entwicklung der Kulturwissenschaftlichen Produktanalyse, Beratungstätigkeit für Unternehmen und Werbeagenturen

(Zeitschrift Zuschnitt 15, 2004; Seite 6) Seite 1 von 2
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