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Holzmanufaktur

Fußbodenproduktion im Spannungsfeld von Natur und Technik

Alfred Teischinger
Erschienen in
Zuschnitt 15: Lauf Meter
September 2004

Holzmanufaktur – Fußbodenproduktion im Spannungsfeld von Natur und Technik

Verlegestruktur eines Fussbodens mit zufälliger Streuung verschiedener Holzeigenschaften wie Farbe, Textur, Äste innerhalb einer Sortierklasse (links). Individuell zusammengesetztes Verlegemuster komponiert mit denselben Einzelstücken (rechts)

Akzeptanz und Betonung natürlicher Holzmerkmale 
Holz ist ein natürlicher Rohstoff, der in seinen Eigenschaften und Erscheinungsformen mit einer hohen Variabilität ausgestattet ist. Diese Variabilität der Eigenschaften zeigt sich optisch im fertigen Produkt, unter anderem in Farbunterschieden und Schattierungen, unterschiedlichen Texturen. Faserunregelmäßigkeiten und Äste, die im Baum als natürliche Merkmale für dessen Funktion verantwortlich sind, werden oft als Holzfehler gesehen und daher in der Verarbeitung entsprechend eliminiert. 

Sorten und Qualitätsklassen 
Mit der Entwicklung moderner Produktionsformen und Vertriebssysteme mussten für den natürlichen Rohund Werkstoff Holz und die daraus erzeugten Produkte über Sortiervorschriften entsprechende Sortier bzw. Qualitätsklassen geschaffen werden. Diese Klassenbildung hat zum Ziel, das Produkt technisch beschreibbar bzw. reproduzierbar und vergleichbar zu machen. Je nach Einsatz der Holzprodukte stehen dabei technisch funktionale Kennwerte (z.B. Festigkeit und Steifigkeit für tragende Zwecke) oder der optische Eindruck bzw. die dekorative Wirkung (Farbe, Textur etc. bei Holz für Möbel und Fußböden) im Vordergrund. Konsumenten erwarten meist, dass Holzprodukte heute in ihrem optischen Erscheinungsbild »fehlerfrei«, ohne jegliche Störungen und Farbdifferenzen, wie aus einem synthetisch hergestellten Material erscheinen. Das gekaufte Produkt hat exakt so auszusehen wie im Verkaufskatalog oder im Schauraum und jede Abweichung ist ein Grund zur Reklamation bzw. zur Diskussion um Preisnachlässe. Damit stehen viele Holzprodukte in einem Spannungsfeld von Natürlichkeit, Individualität und der mit ihr verbundenen Variabilität sowie der Forderung nach reproduzierbarem Aussehen. Natur versus Synthetik.

Holzmanufaktur – Lösungsansatz zum Umgang mit der naturgegebenen Vielfältigkeit des Rohstoffes Holz 
Mit dem aktuellen Projekt »Holzmanufaktur« im Rahmen der Programmlinie »Fabrik der Zukunft« wird an der BOKU Wien ein neuer Weg im Umgang mit den natürlichen Holzmerkmalen gesucht. Der Begriff Manufaktur bezeichnete einst einen vorindustriellen Gewerbebetrieb. Etwas verklärt in die heutige Zeit übertragen, kann Manufaktur auch als Symbiose von gewerblicher Verarbeitungskunst mit modernem industriellen Management und Produktionsmethoden gesehen werden. Als Vorbild dieses neuen Manufakturbegriffs mag die besondere Auto-Produktion in der »Gläsernen Manufaktur« in Dresden dienen, in der das TopModell von VW gefertigt wird. Diese Manufaktur verkörpert nicht nur eine neue automobile Kultur, sondern auch eine neue Kultur der Kunden und Interessentenbetreuung, die weit über das Auto bzw. das Produkt an sich hinausgeht. 
Am Beispiel des Fußbodens soll im vorliegenden Projekt das Konzept einer anonymen Massenproduktion einem Fertigungsprozess gegenübergestellt werden, dessen Produkt einem individuell gefertigten Meisterstück entspricht. Der fertige Fußboden soll ein Unikat mit eigenem Charakter sein. Dazu ist eine völlige Neukonzeption des Fertigungsprozesses notwendig, der folgende Charakteristika aufweist:

_ Die einzelnen Parkettstäbe innerhalb einer Verlegeeinheit werden nicht mehr in zufälliger Weise aneinandergereiht, sondern nach speziellen Designvorgaben.

_ Die Komposition verschiedener Verlegemuster unter Einbeziehung von natürlichen Holzmerkmalen ist für den Kunden bereits im Schauraum beim Parkettkauf möglich. Die Vefügbarkeit und Machbarkeit verschiedener Verlegevarianten und Muster erfolgt durch ein computerunterstütztes Expertensystem. 

Ziel dieser Neukonzeption ist es, natürliche Holzmerkmale und Wuchsvarianten als besondere Laune der Natur und nicht als »Holzfehler« in das Produkt überzuführen und damit eine bessere Ausnutzung des wertvollen Rohstoffes Holz zu erzielen. Zugleich soll die Individualität und Exklusivität einen Mehrwert und Anreiz für den Konsumenten darstellen, diese komponierten Holzmerkmale zu akzeptieren.

Text

Alfred Teischinger
Professor für Holztechnologie an der BOKU Wien 

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