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Editorial

Eva Guttmann
Erschienen in
Zuschnitt 17: Holz +
März 2005

Wer baut mischt. Kein Gebäude mit annähernd konventioneller Nutzung kann errichtet werden, ohne dass verschiedene Materialien neben- und miteinander zum Einsatz kommen. Notwendige Eigenschaften wie Tragfähigkeit, Dichtheit, Transparenz etc. erfordern die Verwendung von dafür geeigneten Baustoffen. Darüber hinaus verfügen alle Materialien über spezifische Merkmale und es ist eine Frage der Perspektive, ob diese in einem bestimmten Zussammenhang für wünschenswert erachtet werden oder nicht. 

Man kann sich für oder gegen Holz entscheiden, weil es schwingt, man kann sich für oder gegen Glas entscheiden, weil es transparent ist, man kann sich für oder gegen Beton entscheiden, weil er Wärme und Kälte speichert, man kann jenseits materialdogmatischer Präferenzen entwerfen. Das Zusammenspiel von Materialien, die verteilten Rollen, die unterschiedliche Baustoffe übernehmen, lassen im Idealfall Bauwerke entstehen, die um vieles selbstverständlicher, harmonischer und »authentischer« sind als solche, bei denen unter Aufbietung aller technischen Möglichkeiten auf »Materialreinheit« hingearbeitet wurde.

Die vier Projektbeispiele, die in diesem Heft vorgestellt werden, decken völlig unterschiedliche Themen ab, gemeinsam ist ihnen der materialgerechte Zugang: 

  • Mit dem Neubau des Sportstadions in St. Lambrecht von Gerhard Mitterberger zeigen wir ein formal, technisch und bauphysikalisch sehr reduziertes Bauwerk, das durch die Eleganz und Exaktheit des Materialeinsatzes besticht. 
  • Beim Altenheim in Landeck sanieren gharakhanzadeh sandbichler architekten eine bauphysikalisch mangelhafte Struktur aus den 1970er Jahren mit Hilfe von Holzmodulen, die in die tragende Betonstruktur des Bestandes eingeschoben werden. 
  • Die Niedrigenergie-Fertigteilhäuser aus der Reihe »Standard Solar« von Driendl*Steixner bzw. Gerhard Steixner basieren funktional und formal von »Standard Solar I« aus dem Jahr 1987 bis zum »art for art«-Haus, das 2004 fertig gestellt wurde, auf dem Einsatz unterschiedlicher Baustoffe und der Erarbeitung von Details, in denen jedes Material punktgenau verwendet wird. 
  • Schließlich stellen wir den Um- und Zubau der ID-Werkstatt in Traun von Raimund Dickinger vor, wo eine scharfe Trennung von Holz, Beton und Glas vorgenommen wird und zwar sowohl in konstruktiver als auch in sinnlicher Hinsicht. 

Eine Übersicht über Holz und Holzwerkstoffe, deren Eigenschaften durch Hinzufügen anderer Materialien spezifiziert werden, vervollständigt den Themenschwerpunkt dieses Heftes, das mit der Beschreibung eines Produkts (beinahe) endet, welches exemplarisch ist für effizientesten Materialeinsatz auf Lowtech-Basis: der Steinschleuder als Bild für die intelligente Kombination und Anwendung verschiedener Bestandteile gemäß ihren Eigenschaften und gegen engstirnigen Materialfetischismus. Denn Holz ist zwar einzigartig, aber durchaus gesellschaftsfähig.