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Holz, Gummi, Draht und Steine

Willi Hengstler
Erschienen in
Zuschnitt 17: Holz+
März 2005, Seite 27

Meine Bekanntschaft mit dem »Hooke’schen Gesetz« begann damit, einen Streifen Löschpapier einzurollen, den Papierwulst zu krümmen und ihn anschließend über den 12-er-Gummi zu legen. Dieser Gummiring, über Daumen und Zeigefinger gespannt, verwandelte meine Hand in eine Schleuder. Ich ließ das Geschoss hinaus in den pädagogischen Raum flitzen, wo es gegen die Tafel prallte und Dr. Weinmeister seinen gediegenen Frontalunterricht unterbrechen ließ: »…Ja, bitte, meine Herren... das Hooke’sche Gesetz, von dem englischen Physiker Robert Hooke 1676 formuliert, beschreibt die lineare Beziehung zwischen der Dehnung und der Spannung, wobei die Konstante E das Elastizitätsmodul bezeichnet... Und, Hengstler, wenn Sie jetzt bitte freiwillig zur Prüfung herauskommen.«

Als nächstes auf der Stufe der waffentechnischen Evolution rangiert die Steinschleuder, genauer gesagt die Zwille (verwandt mit »Zwiesel«, Baum mit gegabeltem Stamm und zwei Kronen). Sie gehört zu den Insignien ferner, unbekümmerter Jungenstreiche und war außerdem unverzichtbares Accessoire der Lederhose, in deren Seitentasche sie getragen wurde. Die Steinschleuder besteht aus einer handlichen Astgabel, durch die hindurch das Geschoss mittels Gummi ins Ziel (oder daneben) katapultiert wird.

Wie die ursprüngliche Steinschleuder aus der Zeit vor der Erfindung des Gummis, ist auch die Zwille eine Guerillawaffe. Mit einer Steinschleuder tötete der Hirte David, zweifellos ein militärischer Amateur, den hoch gerüsteten Berufssoldaten Goliath. Und Anhänger der Zwille wie wir zählten nicht nur wegen der Geräuschlosigkeit dieser Waffe zu den Guerilleros. All das Material – Holz, Gummi, Draht und Steine – in der damals herrschenden Mangelwirtschaft zu beschaffen, erforderte einiges Geschick. Maos Rat folgend, sich im Volk wie der Fisch im Wasser zu bewegen, requirierten auch wir die Rohstoffe für unsere Schleudern aus nächster Umgebung. Das Hightech-Herzstück der Schleuder ist ihr Gummi, wobei der Rex-Gummi auf den Kompottgläsern erzürnter Mütter leider über eine zu geringe Konstante E verfügte. Der breite Gummi ließ sich nur schlecht spannen und neigte zum Reißen. Besser war da schon das von Lastwagenschläuchen geschnittene Material. Und runde oder eckige Gummischnüre, Importware aus einer größeren Welt, galten als kostbare Exoten.

Dann wurde noch ein Lederfleckchen benötigt, das, auf den Gummi gefädelt, das Halten des Geschosses erst ermöglichte. Mein Wunsch war Vater des Gedankens und verwandelte das fremde Schuhpaar im Flur in eine herrenlosen Sache, deren Laschen, die ideal für Steinschleudern waren, ich mir daher durchaus mit Recht aneignen konnte. Bedauerlicherweise war der für Kriegs- und andere Verbrechen so versöhnliche Begriff des »Kollateralschadens« noch zu wenig bekannt, als dass ich von ihm profitieren hätte können.

Ein technisches Problem bestand in der Verbindung des Gummis mit der Zwille. Die Gabel aus Rohholz – Haselnuss, Esche, Birke, fast jedes Laubholz ist geeignet – ließ sich mit unseren Taschenmessern keine Bohrlöcher beibringen. Darum wurden die Gabelenden gekerbt und der Gummi mittels feinen Spagats oder weichen Drahtes fixiert. Als Munition sammelten wir Steine, schön glatt und nicht zu groß oder zu klein. Aber auch Kastanien, Kronenkorken, Schweizerkracher oder die Kügelchen aus ruinierten Kugellagern wurden gern genommen.

Damals gab es den Marshallplan, über den man Milchpulver und schauerliche Quittenmarmelade in Dosen bezog. Wie in den Wildwestfilmen stellten wir diese Dosen zum Zielschießen auf Mauern und Zäune. Die schließlich erreichbare Treffsicherheit entsprach durchaus der von Handfeuerwaffen – bis zu 30 Meter. Schwer zu sagen, ob eine Steinschleuder noch Spielzeug ist, Waffe oder nur Jagdgerät. Ich selber erinnere mich nur, wie mein Freund einmal seine Schleuder hochriss, um auf einen Specht im Flug anzulegen und diesen zu seiner größten Verblüffung tatsächlich traf. Die väterliche Züchtigung, die ihm der Vogel zu seinen Füßen einbrachte, war dann die wirklich beabsichtigte Gewalt.

Die letzte Schleuder habe ich in Nepal gekauft. Sie war – rein optisch – der Traum meiner Jugendtage, bestehend aus einem unglaublich leichten Holz und mit Brandmuster verziert. Aber das Tollste war der Gummi: zwei vierkantige Stücke, die an allen ihren vier Enden durch raffinierte Schlaufen mit Leder verbunden waren. Auf einer Seite verbreiterte sich das Leder natürlich zum unverzichtbaren Lederfleck. Auf der anderen Seite liefen die Lederschnüre durch Löcher in der Holzgabel und wurden mittels Knoten fixiert. Löcher in der Gabel! Genau das, was wir nie zustande gebracht hatten! Es stellte sich dann allerdings heraus, dass das Designerstück nicht funktionierte, weil seine Arme zu knapp nebeneinander lagen. Unseren Zwillen hatte zwar jeder Chic gefehlt, aber bei hinreichender Wartung – der Draht löste sich immer wieder, der Gummi riss gelegentlich – waren sie von einer makellosen Funktionalität gewesen. Und mir ist seither unklar, ob ich diese Designerzwille an die jüngere Generation weiterreichen darf.

Text

Willi Hengstler
1944 geboren. Dr.jur., Filmregisseur und Schriftsteller
„Die letzte Premiere“ (Suhrkamp), „Fare“ (Droschl)
Preise u.a. 2004 Manuskripte-Preis
1989 Wiener Filmpreis (Viennale) für „Fegefeuer“

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