Inhalt

Marjetica Potrc

Stefan Tasch
Erschienen in
Zuschnitt 17: Holz+
März 2005, Seite 28

Hybrid House: Caracas, West Bank, West Palm Beach

Marjetica Potrc wurde 1953 in Ljubljana (Slowenien) geboren und studierte sowohl Architektur als auch Kunst an der dortigen Universität. Ihre Kunst entsteht aus der Beobachtung von globalen Entwicklungen im Bereich der Urbanistik, die sie zu dem Schluss kommen lassen, dass nicht die von der öffentlichen Hand regulierten Städtemodelle die erfolgreichsten sind, sondern die auf Eigeninitiative beruhenden Privatsiedlungen (Gated Communities) der Ersten Welt und die Elendsviertel (Shanty Towns) der Dritten Welt. Die Gründe hierfür liegen laut Potrc nicht zuletzt in dem tiefen Bedürfnis der Menschen, ihre Probleme (Energieversorgung, Wasser, Sicherheit etc.) selbst in die Hand zu nehmen, vor allem wenn die staatlichen Mechanismen zu zögerlich oder gar nicht funktionieren. Die Strategien, die dabei angewendet werden, bilden auch die Parameter, innerhalb derer Potrc ihre Kunst in Galerien und Museen zeigt. Dabei sieht sie sich keineswegs auf ihr eigenes originäres Schaffen beschränkt, sondern benutzt ihre Möglichkeiten freigiebig, um all dem eine Plattform zu bieten, was zur Verbesserung widriger Lebensumstände erdacht und erfunden wurde (Mobiltelefon oder Radio mit Handkurbel, Taschenlampe mit Handbetrieb etc.). Das zentrale Projekt ihrer Ausstellungen ist aber meist der Nachbau bzw. die Neuzusammenstellung von Bauten, exemplarisch für die urbanen Ballungsräume, vor allem der Dritten Welt. Dabei handelt es sich um selbstfabrizierte Mischbauten, die als selbstversorgende Systeme Unabhängigkeit und Freiheit garantieren sollen. Hightech und Lowtech sind gleichgestellte Instrumentarien, wenn es darum geht, im Einklang mit lokalem Know-how Lösungen zu erzielen, die einfach, aber effizient sind. Im Rahmen der Ausstellung »Urgent Architecture« (pbica, 2003) zeigte Marjetica Potrc das »Hybrid House: Caracas, West Bank, West Palm Beach«. Diese Akkumulation individueller Wohnstrategien aus drei unterschiedlichen Gegenden, veranschaulicht das globale Phänomen der Gated Communities und Shanty Towns. Jedes dieser Units wurde aus Materialien gefertigt, die am Herkunftsort üblicherweise verwendet werden, wie Betonblöcke, Wellblech oder einfache pvc-Getränkekisten. Dem Holz als Trägerelement und Fassadenverkleidung kommt, meist in gebrauchter Form, eine ebenfalls elementare Rolle zu. Signifikant ist, dass die meisten Fenster dieser einzelnen Baukörper vergittert sind und auch sonst die gesamte Baueinheit einer kleinen Festung gleicht. Diese Zitate sind wiederum eine Referenz auf die Gated Communities, stehen aber auch partiell für die Shanty Towns, in denen das Sicherheitsbedürfnis ebenfalls starke bauliche Formen annimmt. Dieser Mischbau aus unterschiedlichsten Materialien ist zugleich Ausdruck eines individuellen Gestaltungswillens, den die Bewohner solcher Wohneinheiten als identitätstiftend empfinden, vorausgesetzt, die Grundanforderungen wie Wasser, Elektrizität und Abwasserkanal sind gegeben. Es gibt eine Reihe von Projekten – Barefoot College in Indien, Rural Studio in Alabama, Burning Man Festival in Nevada und Leidsche Rijn in den Niederlanden –, so genannte »case studies«, die Potrc anführt, um gleichsam didaktisch auf die Machbarkeit vieler ihrer Ideen und künstlerischen Ansätze hinzuweisen. Als ein Beispiel für eine konstruktive Zusammenarbeit zwischen Stadtbehörden und den Bewohnern einer Barackensiedlung ist East Wahdat in Indonesien zu nennen. Den Bewohnern wurden auf legalen Baugründen Kerneinheiten mit Wasser, Abwassersystem und Elektrizität angeboten, unter der Bedingung, dass sie ihre wild gewachsenen Siedlungen aufgeben. Dieses Angebot wurde angenommen und gemeinschaftlich verwirklicht. Für Marjetica Potrc gibt es fünf Wege zur urbanen Unabhängigkeit. Der erste führt über eigene Energiequellen, die selbsterhaltend das Haus und seine Bewohner, unabhängig von äußeren Anbietern, mit Strom versorgen. Der zweite Weg führt über die Symbiose von Hightech und Lowtech bzw. lokalem Wissen. Der dritte Weg sieht den Typus des »urbanen Nomaden« vor, der sich innerhalb einer Siedlung frei bewegt und seinen Wohnsitz emotionslos ändern kann. Sicherheit und Privatsphäre sind die Hauptfaktoren des vierten Weges und werden sowohl von den Bewohnern der Gated Communities als auch von denen der Shanty Towns angestrebt. Der letzte Weg befasst sich mit der Schönheit von Bauten und Architektur und impliziert für Potrc oft auch einfach Farbe, die sie bunt auf ihre Häuser aufträgt. »We all seek the same things – shelter, food, water and beauty.«

Marjetica Potrc

1953 geboren in Ljubljana, Slowenien
1977 Abschluss des Architekturstudiums, Ljubljana
1986 Abschluss an der Akademie der Bildenden Künste, Ljubljana
2004: »Urgent Architecture« prämiert von der International Association of Art Critics als zweitbester Beitrag in der Kategorie architecture and design in den USA

Ausstellungen (Auswahl)

  • 2003: Einzelausstellung Salzburger Kunstverein
  • 2002: Designs for the Real World, Generali Foundation Wien
  • 2001: Einzelausstellung Guggenheim Museum, New York

Text

Stefan Tasch
Studium der Kunstgeschichte in Wien und Edinburgh, Arbeit in verschiedenen Museen und Galerien 

Dieser Artikel ist abgelegt in: