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Sportstadion St. Lambrecht

Eindeutige Teile

Eva Guttmann
Erschienen in
Zuschnitt 17: Holz +
März 2005, Seite 8ff.

Eindeutige Teile - Sportstadion St. Lambrecht

Das Sportstadion von St. Lambrecht in der Obersteiermark liegt am östlichen Ortsrand, in unmittelbarer Nachbarschaft zu Schilift, Rodelbahn, Schwimmteich und Reitstall. Die Anlage wird aus zwei L-förmig zueinander stehenden Fußballplätzen und einem Clubhaus an der Westseite des Grundstücks gebildet. Das Gebäude ist zweigeschossig, besteht aus einem 45 Meter langen Rückgrat, einer davor liegenden, zum Großteil überdachten Tribüne und einem Kopfgebäude als nördlichem Abschluss. Das teilweise eingegrabene Erdgeschoss ist aus Stahlbeton und beinhaltet Kabinen, Duschen und Fitnessraum.

Öffentliche Zonen wie Hauptzugang, Lagerraum, Kassa, WCs und Buffet stehen als unbeheizte Aufbauten auf der Decke des Erdgeschosses. Sie bestehen ebenso wie die durchgehende Rückwand aus klh-Elementen und nehmen etwa ein Drittel der Tiefe des Baukörpers ein. Das Holzdach über den Einbauten geht über in ein Polycarbonat-Dach und wird von einer Stahlkonstruktion getragen.

Im Kopfgebäude befinden sich ein Fitness- sowie Technik- und Sanitärräume, Büro, Küche, Bar und Cafeteria. Es besteht ebenfalls aus tragenden Massivholzplatten, einer untergeordneten Stahlkonstruktion und hat große im Obergeschoss über Eck gehende Fenster, die sich zum Sportplatz hin öffnen.

Eva Guttmann im Gespräch mit Gerhard Mitterberger

Guttmann Das neue Sportstadion in St. Lambrecht besticht durch die Direktheit des Materialeinsatzes. Die Selbstverständlichkeit, mit der Beton, Stahl und Holz nebeneinander stehen und die Klarheit ihrer konstruktiven Entflechtung sind bemerkenswert. Vor welchem Hintergrund ist dieses Projekt so entstanden?

Mitterberger Es war der Wunsch der Bauherren, für das Stadion in hohem Maße Holz zu verwenden. Diese Vorgabe war ganz in meinem Sinn, weil das Material charakteristisch für die Gegend ist. Wir haben uns dann für klh-Platten entschieden, um einen regionalen Betrieb einzubinden, außerdem war es mir ein Anliegen, die Holzplattenbauweise auszureizen. In einem Bauwerk, das – zumindest teilweise – nicht gedämmt werden muss, weil im Winter kein Betrieb ist, kann man dann wirklich mit 6cm starken Holzplatten eine Außenwand herstellen. Das finde ich interessant, weil man zeigen kann, wie dünn die Platten wirklich sind und wie leicht man sie verarbeiten kann. Man muss sie nur wirklich als Platten behandeln. Davon ausgehend wurden Beton und Stahl, einer technisch-konstruktiven Logik folgend, verwendet, aber auch jeweils im Zusammenhang mit ihren atmosphärischen Eigenschaften.

Guttmann Wie schaut diese Logik beim Stadion in St. Lambrecht aus?

Mitterberger Das Erdgeschoss steckt in der Erde und muss beheizbar sein, seine Decke ist begehbar und teilweise im Freien. Daher bestehen diese Teile aus Beton. Die Aufbauten für den Spielbetrieb – Kassa, WCs, Ausschank etc. sind aus klh-Elementen. Diese übernehmen die Rolle des Raumabschlusses, des Witterungsschutzes und des statischen Haupttragwerks: Zwei der Trennwände, die im rechten Winkel zur langen Rückwand stehen, wurden mit der Betondecke verschraubt und fungieren als aussteifende Querschotten. Stahl kommt dort zum Einsatz, wo die Konstruktion das noch erfordert hat bzw. optisch leicht sein sollte, so etwa als Tragwerk für das Dach. Leimbinder hätten doppelt so hoch sein müssen und den Zuschauerbereich viel zu sehr gedrückt.

Guttmann Das sind dann schon die atmosphärischen Eigenschaften…

Mitterberger Ja, da geht es um die Wahrnehmung. Eine Sportanlage soll für mich immer eine Art »Würstelbudenatmosphäre« haben, ich arbeite da bewusst auf einem materialtechnischen Lowlevel. Ich mag es, wenn beim Ausschank eine Klappe aufgemacht wird, ich mich dazu stellen kann, und das war es dann. Der rohe Beton, die Holzelemente mit ihrer Sichtoberfläche, die Stahlträger, alles unverkleidet, können das. Es hängt natürlich stark mit der Bauaufgabe zusammen, aber solche Oberflächen vertragen es, dass einmal jemand dagegen tritt, ohne dass etwas passiert, oder dass in der Kabine mit dem Ball herum geschossen wird, ohne dass eine weiß verputzte Wand gleich entsetzlich ausschaut.

Guttmann Was in St. Lambrecht auffällt, ist die Art und Weise, wie die Materialien aufeinander stoßen, aneinander gefügt sind, ohne sich zu durchdringen. Welcher Anspruch steht da dahinter?

Mitterberger Da ist einerseits der Anspruch, Übergänge wirklich auf das Notwendige zu reduzieren. Dort etwa, wo die Stahlkonstruktion, die das Dach trägt, an die Holzwand stößt, ist nur ein kleiner Flansch angeschweißt und ins Holz versenkt und das reicht. Andererseits gibt es auch ganz praktische Gründe: Wir wollten zum Beispiel unbedingt vermeiden, dass das Holz der Einbauten die Betondecke des Erdgeschosses berührt, weil die ja nass ist, wenn sie nach dem Spiel abgespritzt wird. Es gibt zwar ein Gefälle Richtung Spielfeld, aber wenn das Holz im Beton steckt und feucht wird, dann kann das Haupttragwerk einen unkontrollierbaren Schaden erleiden. Zugleich muss die ganze Horizontalkraft über zwei Schotten in die Betondecke abgeleitet werden. Daraus ist diese fast unsichtbare Lösung entstanden, die Querwände über Zugstäbe und Schubanker mit der Betondecke zu verspannen und damit den Abstand zwischen Holz und Beton halten zu können.

Guttmann War es Absicht, nicht zu zeigen, wie Kräfte abgeleitet werden?

Mitterberger Nein, überhaupt nicht. Deshalb mag ich auch diese Bauaufgaben so gern, bei denen man direkt arbeiten kann, wie eben Sportanlagen, deren Beanspruchungsgrad ein höherer ist. Wenn man etwas anschrauben muss, dann wird es eben angeschraubt und man muss überhaupt nicht so tun, als gäbe es keine Schrauben. Wichtig dagegen ist, dass die Schrauben richtig sitzen. Was ich grundsätzlich nicht mag, ist die Überinszenierung von Dingen. Eine Kraft gehört abgeleitet, was soll man sonst damit machen? Ich baue aber kein Haus, um zu zeigen, wie toll ich Kräfte ableiten kann, ein Haus hat für mich wirklich einen anderen Sinn.

Guttmann Auch der Teil des Daches, der mit Kunststoff gedeckt ist, liegt einfach auf dem Holzdach auf...

Mitterberger Ja, das ist ebenfalls ein völlig eindeutiges Element: Über den Holzboxen ist das Holzdach, der Übergang zur Rückwand ist ganz klar. Die Holzkonstruktion übernimmt damit die komplette horizontale Aussteifung der gesamten Dachfläche; Stahlkonstruktion und Polycarbonat sind daran angehängt. Vorne, über der Tribüne, und dort, wo sich die Zuschauer aufhalten, ist das Dach leicht, transparent und auch wieder aus einem billigen Industrieprodukt, einem »unveredelten« Material. Es liegt am Holz auf, das Wasser rinnt nach hinten ab. Hier gibt es also Holz, Polycarbonat und Stahl mit einer jeweils deutlich ablesbaren, konsequent getrennten Aufgabe, der optimal gerecht geworden wird.

Guttmann Große Teile der Anlage sind im Freien – hat das diesen unmittelbaren Umgang mit den Materialien erleichtert?

Mitterberger Ja schon, weil man die Dinge zeigen kann, wie sie sind. Eine Wand ist eine Wand, eine dünne Platte und nicht ein Produkt, das aus vielen Schichten besteht. Wo ich Glas brauche, klebe ich es hinein und der U-Wert ist uninteressant. Das hat mich an die Betonbauten aus den 30er Jahren erinnert, als 7 oder 8cm dünne Betonwände hergestellt wurden. Heute geht so etwas nicht mehr. Trotzdem war das »Raumklima« schon ein Thema, und da hat das Holz große Vorteile: Erstens sind die Massivholzplatten schalltechnisch günstig – da kann noch so laut herumgeschrieen werden, die unbehandelten Holzoberflächen absorbieren den Schall sehr gut. Zweitens bieten sie ausreichend Wärmeschutz weil sie nicht kalt abstrahlen. Die Behaglichkeit des Holzes spürt man sogar im Freien.

Guttmann Die Holzplatten, die nicht durch das auskragende Dach geschützt sind, haben eine Lärchenholzstülpschalung erhalten. Das hat mit dem Ort zu tun?

Mitterberger Genau. Mit der Lärchenholzschalung an der langen Rückwand und am Kopfgebäude kommt eine gewisse regionale Sprache ins Spiel. Mir war wichtig zu zeigen, das ist ein Holzgebäude, das sollte man von weitem sehen. In St. Lambrecht, zwischen den riesigen Wäldern, den Schluchten und Bergen, ist Holz das richtige Material und es ist zwar skurril, aber gerade dort, wo Holz so eine große Rolle spielt, muss man die ländliche Baukultur wieder ins richtige Licht rücken. Beim Sportstadion Bad Waltersdorf zum Beispiel, das völlig anders liegt, übernimmt Polycarbonat die Rolle des Witterungsschutzes für die Holzteile, hier osb-Platten. Da gibt es als Nachbarn eine Tennishalle mit Blechhaut, daneben fährt die Bahn vorbei, alles ist ganz eben, steppenhaft, gelb. Dort passt die Farbe der osb-Platten genau und damit das auch sichtbar bleibt, wurde das ganze Gebäude mit einer Kunststoffhaut überzogen. Der Reiz liegt in der Kombination billiger, industrieller Produkte, die genau ihre jeweilige Aufgabe erfüllen und in ihrem Zusammenspiel viel mehr können, nämlich auf den Ort eingehen. Der Kunststoff verleiht den Holzplatten einen Glanz, den man aus der Ferne überhaupt nicht deuten kann. Die Sonne spiegelt sich darin, die Haut korrespondiert ganz stark mit der Umgebung. Und auch das ist für mich Materialgerechtigkeit: den richtigen Baustoff am richtigen Ort einzusetzen. Da geht es um viel mehr als nur um Witterungsschutz. Auf der Tribüne ist das Holz dann wieder da. Trotz der Plastiksessel und der Blechverkleidung rundherum. Da brauche ich es wieder, damit eine angenehme Atmosphäre herrscht. Und das Atmosphärische, das ist ja eine der riesigen Stärken von Holz – das muss man auch sagen, logischerweise.


Untersicht Tribünendach, Stadion St. Lambrecht

Sportstadion Bad Waltersdorf. Aussenhaut aus Polycarbonat

Text

Eva Guttmann
2004 – 09 Chefredakteurin der Zeitschrift Zuschnitt, 2010 – 13 Geschäftsführerin des HDA, Haus der Architektur in Graz. Freischaffende Autorin, Herausgeberin, Redakteurin und Verlagsrepräsentantin für Park Books Zürich; lebt und arbeitet in Graz und Wien.
www.park-books.com

Sportstadion St. Lambrecht

Planung

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