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Essay

Hellhörigkeit

Wolfgang Pauser
Erschienen in
Zuschnitt 18: Schallschwellen
Juli 2005, Seite 6

Meine beste Tat vollbrachte ich im Dunklen. Auch wenn es keine gute Tat im Sinne des Christentums war, das ja den guten Willen zum Guten für eine solche verlangt, war die beste Tat, die ich in meinem Leben vollbrachte, ganz auf sündiges Tun gegründet und auf Eigennutz zielend. Erst ihre Wirkung erwies sie, wie ich später merkte, als dem Heil meiner Nächsten dienlich: Ich habe die Ehe meiner Nachbarn gerettet!

Diesen durchaus christlichen Effekt konnten meine nächtlichen Schandtaten freilich nicht allein bewerkstelligen. Nicht einmal im Verein mit meiner leidenschaftlich lauten Geliebten hätte ich dies Wunder der Nachbarschaftshilfe vollbringen können, wäre da nicht die hellhörigste aller Wände so dazwischen gestanden, dass eine unsichtbare Verbindung entstand, die den Funken übertrug und das »Eheleben« drüben erneut entflammte. Und erst im Rückblick, als es diesseits der Wand leise und jenseits laut wurde, ging mir auf, was bisher nie von drüben hörbar gewesen war und wie es um die Beziehung der mir nächst wohnenden Menschen gestanden hatte. Etwas hatte gefehlt. Alles Unerhörte war verstummt gewesen. Doch nun, da es gefunkt hatte, brach eine neue Ära der Nachbarschaft an. Stumm wurden die Beschwerden über meine nächtlichen Ruhestörungen und aller Zwist im Hause ist eingeschlafen, seit harmonische Lautheit die Wände erzittern lässt.

Trennwände verbinden auf eine ganz besondere Art: Dem Licht sperren sie den Weg, Schall aber leiten sie (wenn auch verzerrt, gedämpft, gefiltert). Im Kopf des Menschen wirkt jede äußere Wand wie eine Mauer zwischen Aug und Ohr. Der Kopf will sich das nicht so recht gefallen lassen. Er reagiert auf die Entkoppelung seiner beiden wesentlichsten Sinnesorgane, aus deren Reizen er sich normalerweise die sogenannte »Welt« zusammenkonstruiert, durch Ergänzung: er denkt sich sein Teil und phantasiert den fehlenden Rest hinzu.

Die beste Zeit der Hellhörigkeit ist die Dunkelheit. Nie sind einem die Ohren wacher, als wenn man den Schlaf sucht. Erfreulich und erotisch ist das nur selten, am ehesten noch im Hotel. In der Fremde ist man ohnehin neugierig auf Fremdes eingestellt. Langeweile hebt die Toleranz, während der vorübergehende Charakter der Störung den Ärger beschwichtigt. Vor allem im Urlaub vermögen auch noch die unschuldigsten Geräusche nebenan erfreuliche Bilder vor Augen zu zaubern.

Doch Urlaub ist selten. Viel häufiger machen einem nächtliche Geräusche »einen schlechten Film«. Kaum schließt man die Augen, fährt der Tonmeister den Regler hoch, die Projektion kann beginnen. Knauern, Knacken, ein Knistern im Gebälk, schon haben wir den schönsten Soundtrack für den inneren Horrorfilm. Pan, der unsichtbare Gott der Ohren, kennt weder Raum noch Richtung, sondern durchdringt und umfängt uns ganz und gar. Der Schrecken, den er verbreitet, ist vom lieblichen Laut seiner lockenden Flöte nicht zu trennen. In der griechischen Mythologie wird er laut in der Mittagshitze, wenn Hirt und Herde ruhen und es still wird, ganz still.

Gegen die von der Klangwelt provozierten Trugbilder wehrt man sich, indem man Licht macht, die Augen öffnet, selbst Lärm macht oder den Geräuschpegel der Umgebung anhebt. Die Einseitigkeit des Sehsinns rückt die Dinge an ihren rechten Ort, stellt die Welt wieder übersichtlich und gerahmt vor uns, bringt Licht in undurchsichtige Verhältnisse und vertreibt erfolgreich alle bösen Geister. Die Grenze zwischen Ich und Welt wird vom wachsamen Auge gesichert, während das ganzheitliche Ohr sie allzu gern verschwimmen lässt. Vor unsern Augen eröffnet sich ein kontrollierbarer Raum mit klar begrenzten Gegenständen, so wird es uns leicht, das zu vergessen, was wir im Rücken haben. Und im Rücken haben unsere Augen nicht nur das, wo wir gerade nicht hinsehen, sondern auch das eigene Gehirn. Dort wohnt jenes Gedächtnis, das jede Leere, Dunkelheit und Stille mit Ungewolltem füllt.

Das Ohr hingegen hört rundum, man muss es nicht von einem Gegenstand zum anderen bewegen. Man kann es nicht schließen wie das Auge. Weghören geht nicht, wehren kann man sich nur durch noch mehr Lärm, damit sich die Wahrnehmungsschwelle wieder hebt. Weil Klang aus allen Richtungen kommt und einen in sein Zentrum stellt, kann man in eine Hörwelt eintauchen, wie man nie ins Sehfeld eintauchen könnte. Störgeräusche sind so unangenehm, weil nicht nur das Ohr, sondern auch und vor allem die Ichgrenze der totalitären Grenzenlosigkeit des Klangs und dessen Durchdringungs-Potential ausgeliefert ist.

»Im Vergleich zu anderen Sinnesbereichen ist der Gehörsinn von Halluzinationen am häufigsten betroffen« (Lexikon der Psychiatrie). Wo nicht das Haus, sondern der Mensch »hellhörig« ist im pathologischen Sinne, wird heute das vermeintlich Vernommene nicht mehr Dämonen, sondern Antennen zugeschrieben. In seiner Studie über »Das Unheimliche« hat Sigmund Freud dessen Entstehung aus dem Heimlichen des Heimeligen, aus dem Verdrängten des einst allzu Nahen hergeleitet.

Daran sollte man denken, wenn einem die Welt zu laut ist. Wenn bei den lieben Nachbarn wieder einmal Autorennen und Baby überbrüllt werden müssen, um den Streit weiterführen zu können. Es gibt etwas noch Schlimmeres als höllischen Lärm: die Totenstille. Ihr ist es vorbehalten, alle Dämonen der Hölle gleichzeitig zu uns ans Bett zu rufen. Dann wehe Dir!

Text

Wolfgang Pauser

ist als Konzeptionist, Autor und Berater spezialisiert auf kulturwissenschaftliche Produkt- und Markenanalysen
www.pauser.cc