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Bumerangs - Rückflug inklusive

Eva Guttmann
Erschienen in
Zuschnitt 19: warum stabil?
September 2005, Seite 25

Es ist nicht mehr nachvollziehbar, welche Zufälle zur Erfindung des Bumerangs geführt haben, wie viele Generationen von Menschen eigentümlich gewachsene Stöcke bearbeitet und geworfen haben, spielerisch oder auch mit der Absicht, jemanden oder etwas zu treffen, bis daraus ein kalkulierbares Gerät wurde. Sicher ist, dass Wurfhölzer ab ca. 5000 v. Chr. in vielen Regionen der Erde wie etwa in Ägypten, Indien oder im südlichen Nordamerika entstanden sind und entweder als Waffen, als Spielzeug und⁄ oder als spirituelle Artefakte verwendet wuden. Voraussetzung dafür waren neben einer gewissen kulturellen Entwicklungsstufe auch das Vorhandensein von gekrümmtem Holz mit ausreichender Härte und Elastizität. In Australien entwickelten die Ureinwohner mit den Rückkehrbumerangs eine ganz spezielle Form des Wurfholzes. Diese sind mehrfach faszinierend: Sie existieren in unzähligen Formenvarianten, sie lassen sich leicht selber bauen, ihre Flugbahn ist einerseits absehbar und unterliegt andererseits vielen komplexen Einflüssen, ihr Flugverhalten ist zugleich labil und überraschend sicher und sie kehren – sofern sie richtig behandelt werden – zum Werfer zurück.

Das labile Gleichgewicht, das sich in der Flugphase eines Bumerangs einstellt, unterliegt im Wesentlichen der Schwerkraft, der Auftriebskraft und der Kreiselkraft. Der Auftrieb entsteht vor allem durch das Profil der Flügel, das dem von Flugzeugen ähnelt, und ist dann am größten, wenn der Flügel rechtwinklig angeströmt wird. Die asymmetrische Bauweise sowie die beim Abwurf erzeugte Vorwärts- und Rotationsbewegung bewirken, dass die Resultierende der Auftriebskräfte nicht im Rotationsmittelpunkt, sondern leicht außerhalb liegt. Diese Exzentrizität lässt sich über die Bauform steuern und ist ausschlaggebend für die Flugbahn des Geräts. Ein Bumerang mit starker Omega-Form hat etwa ein völlig anderes Flugverhalten als einer mit geraden Armen.

Die Kreiselkräfte haben zur Folge, dass die Achse des beim Abwurf fast senkrecht gehaltenen, rotierenden Wurfholzes kippt, dieses sich stetig flacher legt und gleichzeitig immer mehr an Schwung verliert, bis es nach Vollendung seiner Flugbahn langsam und in horizontaler Stellung zum Werfer zurückkehrt.

Mit vielen Tricks und Feinheiten kann das Verhalten von Bumerangs beeinflusst oder verändert werden, unendlich viele Formen, Farben und Eigenschaften können dem Holz eingeschrieben werden – das Resultat bleibt gleich: Jeder gelungene Wurf ist eine neue, befriedigende Überraschung – und das seit über siebentausend Jahren.

Text

Eva Guttmann
2004 – 09 Chefredakteurin der Zeitschrift Zuschnitt, 2010 – 13 Geschäftsführerin des HDA, Haus der Architektur in Graz. Freischaffende Autorin, Herausgeberin, Redakteurin und Verlagsrepräsentantin für Park Books Zürich; lebt und arbeitet in Graz und Wien.
www.park-books.com

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