Inhalt

Gordon Matta-Clark

Stefan Tasch
Erschienen in
Zuschnitt 19: warum stabil?
September 2005, Seite 28

Anarchitecture

Gordon Matta–Clark, Sohn des surrealistischen Malers Roberto Matta, wurde 1943 in New York geboren. Er studierte Architektur an der Cornell University sowie französische Literatur an der Sorbonne. Bekannt wurde Matta-Clark durch seine geometrischen Einschnitte in bestehende Architekturen, die meist kurz vor dem Abriss standen und ihm so die Möglichkeit gaben, seine Vorstellungen von Raumschaffungen außerhalb bestehender Architekturdogmen zu verwirklichen.

Seine Intentionen lagen aber nicht nur im Aufbrechen überholter Architekturansichten oder der Schaffung eines neuen dreidimensionalen Raumes, sondern vor allem auch im Sichtbarmachen des soziopolitischen Aspekts von Architektur. Durch seine sogenannten »Cuttings«, Schnitte durch Böden und Decken der Ge­bäude sowie Entfernen von ganzen Gebäudeteilen, zeigte Matta-Clark alle Schichten eines Architekturorganismus. Er wollte damit das Innenleben der Gebäude freilegen, um die verlorengegangene Dimension der Individualität zurückzugewinnen, die durch konventionelle Architektur verdeckt und verschüttet wurde. Dieser sehr vehemente und drastische Eingriff, den Matta-Clark mittels Kettensäge und Schlag­bohrer vornimmt, verdeutlicht den anarchistischen Aspekt seiner Arbeiten.

Für Gordon Matta-Clark sind die Elemente der Ordnung und Unordnung sowohl in der Natur als auch in der Gesellschaft einander bedingende Faktoren, die gleichberechtigt nebeneinander bestehen sollten. Daraus ableitend sieht er die anarchistischen Strömungen innerhalb einer Gesellschaft als gewinnenden Beitrag und organisiert 1974 die »Anarchitecture Show« zusammen mit Laurie Anderson, Tina Girouard, Suzanne Harris, Jene Highstein, Bernard Kirschenbaum, Richard Landry und Richard Nonas. Eine seiner berühmtesten Gebäude­interventionen unternahm Gordon Matta-Clark in Antwerpen, wo er die Möglichkeit erhielt, ein fünfstöckiges Bürogebäude in zentraler Lage zu bearbeiten. »Office Baroque«, 1977, so der Titel dieser Arbeit, spielte sich zur Gänze innerhalb des Gebäudes ab, nachdem es Matta-Clark von der Stadtverwaltung untersagt worden war, seine Cuttings an der Außenhaut des Bürohauses vorzunehmen. Statik und Fragilität sind Begrifflichkeiten, die einem unweigerlich zu dieser Arbeit einfallen, wenngleich sie auch nicht die bestimmenden Faktoren der Intention des Künstlers sind.

Vielmehr ist es die Schaffung eines dynamischen Volumens und räumlicher Rhythmus: »I wanted to work out an almost musical score in which a fixed set of elements played their way up and down throughout the layers.« Das immer wiederkehrende Motiv in dieser Arbeit sind zwei Halbkreise unterschiedlichen Durchmessers, die Gordon Matta-Clark durch alle Ebenen des Gebäudes durchspielt respektive durchschneidet. Bedingt durch die unterschiedlichen Räume in den einzelnen Geschossen und auch durch den unterschiedlichen Verlauf von Stahlträgern entsteht eine den jeweiligen Gegebenheiten entsprechende Übersetzung des Halbkreismotivs. Für Matta-Clark unterscheidet sich diese Arbeit von allen anderen Interventionen vor allem durch das Umgehen der »snap-shot«-Interpretation, womit das Erfassen mit einem Blick gemeint ist. Matta-Clarks Arbeit verlangt nach der Begehung der transformierten Gebäude durch das Publikum und dessen Auseinandersetzung mit den neu geschaffenen Zwischen- und Hohlräumen.

Für Gordon Matta-Clark ist das Temporäre seiner Arbeiten Teil des Konzepts, mit dem er bewirken will, dass der Betrachter das Gesehene und Erfahrene in sein Bewusstsein aufnimmt, wo es von Zeit und Raum unabhängig gespeichert werden soll. Matta-Clarks umfangreiches Werk, das in nur wenigen Jahren entstanden ist, umfasst architektonische und soziale Interventionen ebenso wie Performances, Zeichnungen, Fotografien und Filme. Der architektonische Verfall, aber auch der soziale Wandel waren die bestimmenden Inhalte seiner Arbeiten.

Gordon Matta-Clark

1943–1978 geboren in New York
1962–1968 Architekturstudium an der Cornell University, Ithaca, New York
1963–1964 Französische Literatur an der Sorbonne, Paris

Einzelausstellungen (Auswahl)

  • 2003 Galerie Thomas Schulte, Berlin
  • 1997 Generali Foundation, Wien
  • 1992 Musée Cantini, Marseilles
  • 1987 Kunsthalle, Basel
  • 1986 Stedelijk Museum, Amsterdam
  • 1985 Museum of Contemporary Art, Chicago

Text

Stefan Tasch

Studium der Kunstgeschichte in Wien und Edinburgh, Arbeit in verschiedenen Museen und Galerien

Dieser Artikel ist abgelegt in: