Inhalt

Daniel und die Gartenzwerge I

Pro und Contra Schrebergarten

Mia Eidlhuber
Erschienen in
Zuschnitt 20: Holz urban
Dezember 2005, Seite 27

Wenn schon, dann aber richtig!

An sich ist gar nichts einzuwenden gegen die Idee, Gärten für arme, kinderreiche Familien zur Verfügung zu stellen. Daniel Schreber hieß der Leipziger Arzt, der dieses Konzept so forcierte, dass die kleinen Parzellen bis heute seinen Namen tragen. Er lebte Mitte des 19. Jahrhunderts, also im Zeitalter der Industrialisierung, und da hatte es noch seine Berechtigung, strapazierte Lungen von Fabriksarbeitern auszulüften und mit selbst angebautem Gemüse die Ernährung von Arbeiterfamilien zu verbessern.

Aber was vielleicht einmal als Idee der Gesundheit förderlich war, kränkelt heute in seinen zahllosen Realisierungen – und ist dennoch nicht umzubringen. Geschrebert wird heute mit Vorliebe auf Plastikschalensesseln, mit Dosenbier in der Hand, nebst angebrachter Sat-Schüssel. Die berühmten Schrebergärten stehen für Heckenschnittverordnungen, Vereinsvorschriften und Nachbarschaftsstreitigkeiten, für Gartenzwergkolonien, kleinbürgerliches Denunziantentum und Gartencenter-Schnäppchen. Da hilft es auch nichts, dass die Feuilletons die neue Spießigkeit hochhalten und deswegen seit kurzem die Renaissance des Schrebergartens ausrufen, Jungarchitekten eine Marktlücke entdecken und extravagante Wohnboxen mit großen Fensterflächen zwischen den Holzlauben und Häuschen mit Wellblechdächern aufstellen und dass mit der Generation Golf und ihrer verwöhnten Brut der Schöner-Wohnen-Chic in die Kolonien eingezogen ist – gemeinsam mit Massivholzstühlen, Leinenschirmen und Terrakotta-Töpfen. Was immer noch bleibt, solange es um Schrebergärten geht, sind: kleine Parzellen, kleine Leute und kleine Geschichten.

Nein, hier wird nicht gegen Mensch und Natur angeschrieben – ganz im Gegenteil. Aber was bitte haben Substral und Nacktschneckenpestizide, Rasenmähermotoren und verkohlte Grillsteaks mit Naturverbundenheit zu tun? Wer als Stadtmensch im Grünen sitzen will, hat den Prater. Wer unbedingt Tomaten und Salat selbst anbauen möchte, soll sich um eine Öko-Parzelle bemühen, denn es ist nicht gesagt, dass man dem Gemüse beim Wachsen auch zuschauen muss. Wem das alles nicht reicht, der sollte sich tatsächlich nach einem Häuschen im Grünen umschauen – aber das bitte auf dem Land. Und nicht seine Zeit, Energie und Ressourcen in lange Wartelisten auf ein „Klein, aber Mein“-Grundstück und horrende und obendrein illegale Ablösen investieren, um den wohl verdienten Platz an der Sonne dann möglicherweise unter dem Autobahnzubringer zu finden.

Also, wenn schon Sommerhaus, dann später – aber richtig.

Text

Mia Eidlhuber
  • geboren 1971
  • arbeitet seit 2004 für die Tageszeitung Der Standard, Album

Dieser Artikel ist abgelegt in: