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Daniel und die Gartenzwerge II

Pro und Contra Schrebergarten

Manfred Russo
Erschienen in
Zuschnitt 20: Holz urban
Dezember 2005, Seite 27

Die urbane Gegenwelt des kleinen Mannes

Zu Beginn der 1930er Jahre unternahm eine Berliner Journalistin einen Ausflug in die Welt der Kleingärtner im Stile einer ethnologischen Expedition, so als würde sie ein unbekanntes Naturvölkchen im Großstadtdschungel Berlins aufsuchen. Und was sie schrieb, klang wie der Bericht aus einer anderen Welt, in die sich Kleingärtner zurückgezogen hatten, um sich „gesund“ zu arbeiten. Inmitten der Stadt, vor dem Hintergrund der damaligen Wirtschaftskrise, versammelten sich Bürger, Arbeiter und kleine Angestellte zum Zwecke der Inszenierung einer Naturwelt und der Implantation von Lebensformen des Landbaus, deren Freuden schon von Vergil beschrieben worden sind. Und so endet der Bericht der Journalistin auch, als hätte sie an einem Ackerbauritual zu Ehren der Artemis der Kleingärtner teilgenommen. „Spät torkle ich aus dem Paradies fort. Voll des süßen selbstgebrauten Obstweines meines Gastgebers. (…) Auf den Armen selbstgewachsene Blumensträuße und Stachelbeertüten. Ich möchte nun auch pflanzen und lauben.“

Diese Bewegung der Kleingartenkultur hat zahlreiche Wurzeln. Viele Schrebergärtner verstanden sich als Kolonialisten, die der Zufall nicht gerade nach Afrika, sondern nur nach Berlin oder Wien geschickt hatte, um Land urbar zu machen. Zugleich aber waren sie letzte Nachhut, vielleicht auch das letzte Aufgebot der Lebensreformbewegung, die um die Jahrhundertwende ihren Höhepunkt im Monte Verità in Ascona gefunden hatte und die freies Körpergefühl und eine neue Natürlichkeit propagiert hatte, welche auch sexuelle Experimente einschloss. Bei dieser Bewegung beruhte vieles auf der missverstandenen Lektüre von Nietzsches Zarathustra, doch in den dreißiger Jahren hatten sich die dionysischen Konzepte ohnehin schon auf die Zucht von neuen Apfelsorten reduziert und die ehemaligen Protagonisten der Aristokratie waren durch brave Kleinbürger und Proletarier ersetzt worden. Viele ähnelten eher den Zwiebacknasen und Kohlrabiaposteln der vegetarischen Kultur aus dem 19.Jahrhundert, die sich von der carnivoren Kultur der Proletarier abgewandt hatten, um ihre kleinbürgerlichen Kolonien zu gründen.

Doch kann man ihnen und vor allem ihren Nachfahren der Gegenwart einen gewissen Heroismus nicht absprechen, wenn sie in ihren Gärtlein hocken, von Gartenzwergen bewacht, dem Vorbeirauschen der Autos oder Schnellzüge hinter ihren Hecken trotzen. Auch wenn die Stadt immer näher rückt, sie verteidigen ihre Parzellen und die Idee des Gartens mit Kunstdüngerrasen und Blumentapeten in ihren Häuschen. Die letzte Errungenschaft im Geiste der alten Freikörperkultur, der aufblasbare Swimmingpool, hat in den letzten Jahren zwar die Gartenflächen der meisten Parzellchen radikal dezimiert, doch vermag man angesichts der leidenschaftlichen Verteidigung des Prinzips der Entschleunigung kein anderes Gefühl als die reine Solidarität aufkommen zu lassen.

Text

Manfred Russo
Kultursoziologe und Stadtforscher. Er war zuletzt Professor an der Bauhaus-Universität Weimar. Langjährige Lehrtätigkeit an der Universität Wien und anderen Hochschulen, im Vorstand der ÖGFA, Sprecher Sektion Stadtforschung der österreichischen Gesellschaft für Soziologie, zahlreiche Studien und Ver­öffentlichungen zum Thema Stadt, zuletzt: Projekt Stadt. Eine Geschichte der Urbanität, 2016 bei Birkhäuser.

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