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Holzschutz an den Bauernhäusern des Bregenzerwaldes

Johann Peer
Erschienen in
Zuschnitt 21: Schutz S(ch)ichten
März 2006

Vorbeugender Holzschutz beginnt bekanntlich bereits mit der sorgfältigen Auswahl des Holzes unter Bedachtnahme auf den Zeitpunkt der Schlägerung, die Dauer der Trocknung und schließlich die verwendungsgerechte Bearbeitung. Das während früherer Jahrhunderte durch Versuch und Irrtum erlangte Erfahrungswissen der Zimmerleute und Tischler wurde üblicherweise von Generation zu Generation weitergegeben und bildet auch heute noch die Grundlage des sachgerechten Umgangs mit dem Baustoff Holz. Unter Beachtung aller handwerklichen Regeln können Holzbauten ohne chemische Schutzmaßnahmen sehr lange Zeiträume überdauern, wovon erhaltene Beispiele – im Bregenzerwald etwa seit dem 17. Jahrhundert – ein eindrucksvolles Zeugnis ablegen.

Materialwahl und Zeitfaktor

Bekannt ist, dass die »Wetterseite« der Bregenzerwälder Einhöfe, aber auch der Vorsäßhütten und einfachen Scheunen (das ist in der Regel die gänzlich fensterlose oder nur mit kleinen Fensterchen bestückte Westfassade) mit dem Holz der Weißtanne verbrettert oder – seltener – verschindelt wurde, weil dieses witterungsbeständiger als Fichtenholz ist. Die Weißtanne war früher bei den Zimmerleuten deshalb nicht beliebt, weil ihr Holz als schwer zu trocknen und zu verarbeiten galt und wegen ihres hohen Wassergehaltes nach dem Schlägern ein wesentlich höheres Eigengewicht aufweist als beispielsweise die Fichte. Auf die richtigen Jahreszeiten, Mondphasen und Sternkonstellationen für den Zeitpunkt der Schlägerung jedweden Holzes zu achten, spielte deshalb eine große Rolle, weil davon dessen Verarbeitungsgewicht und Haltbarkeit abhingen. Abgesehen davon bestimmte der aus komplexen Regelwerken zu errechnende »richtige Zeitpunkt« auch die Resistenz des Holzes gegen Schädlingsbefall.

Konstruktiver Holzschutz

Die älteste und naheliegendste Methode des konstruktiven Fassadenschutzes bestand darin, das Dach so weit wie möglich überstehen zu lassen, womit der Regen von den Wänden der höchstens zweigeschossigen Bauten abgehalten wurde. Der weite Dachüberstand ermöglichte es zudem, trockenen Fußes um das Haus herum gehen zu können, womit auch die Fundamentmauern in der Regel ausreichend vor Verwitterung geschützt waren.

In ausgesetzten Lagen genügte es jedoch nicht, das Haus vor senkrecht fallenden Niederschlägen zu schützen, sondern es bedurfte des Schutzes gegen Schlagregen, der in die Fugen zwischen den nur grob zugehauenen Balken eindringen konnte. Eine sehr alte, konstruktiv aber aufwändige Methode, um Niederschlagswasser von der Fassade weg zu bringen, bestand darin, jedes Obergeschoss gegenüber dem darunter befindlichen um rund 8 cm vorkragen zu lassen. Diese Bauweise verlangte eine sehr präzise handwerkliche Ausführung, besonders wenn die Auskragung übereck stattfinden sollte und nicht nur an der Giebelfassade des Wohntrakts. Sie hatte den Vorteil, dass nur ein geringer Teil des an der Fassade abrinnenden Regenwassers auf die Mauerkrone des Fundaments gelangen und dieses mürbe machen konnte. Die auf dem Fundament aufliegenden Bundpfetten, in Bezug auf Feuchtigskeitseinwirkung die empfindlichsten Bauteile der ganzen Konstruktion, waren zudem aus Eichenholz gefertigt.

Färbelungen

Die vornehmeren der ursprünglich bis ins 19. Jahrhundert herauf unverkleideten Blockbauten weisen Färbelungen auf, die gemeinhin als »Ochsenblutmalerei« bezeichnet werden. Es handelt sich dabei entweder um einen einfachen Anstrich in einem dem Bordeauxrot nahekommenden Farbton, der die ganze Wandfläche bedeckt, oder um eine Art Dekorationsmalerei auf rotem Grund, die nur die Giebelfassade oder bestimmte Fassadenteile schmückt. Diesen Anstrichen wird eine gewisse Schutzwirkung gegen Schädlingsbefall zugeschrieben. Die Frage, ob für diese Anstriche tatsächlich Ochsenblut verwendet worden ist, kann für die Region Bregenzerwald nicht eindeutig beantwortet werden. Dem Autor sind zumindest keine Forschungsergebnisse bekannt, die auf Grund von Materialanalysen Blutbestandteile in den Farben nachgewiesen hätten, wiewohl in der mündlichen Überlieferung von der Verwendung von Rinderblut als Bindemittel die Rede ist. Ein aus dem schwäbischen Siedlungsraum erhaltenes Rezept etwa lautet: »Rindern- oder Ochsen-Blut wird mit saurem Eßig vermischet und in etlichen rothen Farben gebrauchet.«1 Aus heutiger Sicht ist die Verwendung von Ochsenblut in früheren Jahrhunderten wohl eher auszuschließen. Forschungsarbeiten an Fachwerkbauten in Hessen kommen jedenfalls zu folgendem Ergebnis: »... Wenn Blut verarbeitet wird, dann nur innerhalb eines Tages, weil es sich sonst zersetzt. Das getrocknete Blut ist im bewitterten Bereich nicht nur schimmelanfällig, sondern auch wenig lichtecht, verbräunt und ist wenig deckend. Die äußerst haltbare, historische Fachwerkfarbe ,Ochsenblut‘ ist somit also nur die Bezeichnung für einen tiefen, rotbraunen Farbton (genauso wie ,Blutrot‘ für feurigere rotbraune Farbtöne) und besteht nicht aus Blut. Dieser Farbton wurde zumeist mit rotem Ocker oder verwandten Eisenoxidprodukten hergestellt.«2 Generell hat es sich bei historischen Fassadenmalereien um offenporige Anstriche auf Leinölbasis gehandelt, die dem Holz die »Atmung« erlaubt und Fäulnisbildung verhindert haben. Als Wetterschutz im heutigen Sinne scheinen sie nur begrenzt tauglich, weil die heiklen Fugenbereiche, durch die Niederschlagswasser zwischen den einzelnen Balken des Strickverbands eindringen konnte, ausgespart blieben.

Verkleidungen

Die relativ flachen Satteldächer der Bregenzerwälderhäuser waren ursprünglich mit Legschindeln bedeckt, wie dies auch bei Bauernhäusern andernorts der Fall war. Erhaltene Beispiele für derartige Dächer gibt es keine mehr. Mit dem Aufkommen von industriell gefertigten Eisennägeln im 19. Jahrhundert wurde die Wandverschindelung der Blockbauten möglich und auch rasch populär, weil damit nicht nur ein effizienter Wetterschutz verbunden war, sondern auch eine zusätzliche (wenn auch geringfügige) Wärmedämmung. Im Bregenzerwald spricht man von einem »Schindelkleid« oder auch »Schindelpanzer«, womit der Wohntrakt verkleidet wurde, während der Wirtschaftstrakt des Einhofes meist unverschindelt blieb oder verbrettert wurde. Die Kunst des Spaltens und Verarbeitens der aus Weißtanne oder Fichte (wegen des geringen Vorkommens selten Lärche) hergestellten Schindeln entwickelte sich rasch zu einem eigenen Berufszweig. Dabei galt: je kleiner die abgerundeten oder eckigen Schindeln waren, desto größer waren der Arbeitsaufwand und damit das Ansehen des Hausbesitzers.

Selbstverständlich wurden ab dem 19. Jahrhundert nicht nur ältere Blockbauten nachträglich verschindelt, sondern auch Neubauten von vornherein als verschindelte Einhöfe konzipiert. Eine sehr effiziente Art des Wetterschutzes im Fensterbereich entstand in diesem Zusammenhang mit den sogenannten »Klebedächern«, wobei es sich um gleichsam an die Konstruktion angeklebte Dachvorsprünge über dem Fensterstock handelte, über die das auf den Strickverband genagelte Schindelkleid nahtlos gezogen werden konnte. Diese Klebedächer, die einzeln über den Fenstern sitzen oder wie ein Gesims den Wohntrakt umlaufen konnten und deren Vorsprung gegenüber der Fassade ursprünglich nur etwa 10 cm betragen hat, wurden rasch zu einem eigenständigen Gestaltungsmittel weiter entwickelt. Weit ausladende und mit einer bemalten Hohlkehle versehene Vordächer wurden im Barock häufig als Gliederungs- und Schmuckelemente eingesetzt und verliehen den Fassaden eine starke Plastizität.

Mit der Erfindung von Asbestzement als Baustoff zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde im Bregenzerwald bald der Einsatz von Eternitschindeln gebräuchlich, die als Dachdeckungsmaterial die Holzschindeln rasch ablösten und auch zur Fassadenverkleidung herangezogen wurden. Die rautenförmigen, sich schuppenartig überlappenden Eternitplatten mit einer Stärke von wenigen Millimetern und einer Seitenlänge von 15–20 cm vermittelten wegen ihrer hellgrauen Farbe, die verwitterten Holzschindeln durchaus ähnelt, in ihrer äußeren Erscheinung ein vom traditionellen Holzbau her vertrautes Bild. Dem Schmuck- und Gliederungsbedürfnis konnte dadurch Rechnung getragen werden, dass zwischendurch Reihen oder geometrische Figuren von grün oder blau eingefärbten Schindeln eingefügt wurden. Eternitschindeln konnten allerdings ihrer Größe und Steifigkeit wegen nicht einfach über Klebedächer gezogen werden, weshalb diese Form des Witterungsschutzes durch vorgeblendete Verdachungen über den Fenstern ersetzt wurde. Fenster und Fensterrahmungen waren neben den Haustüren die einzigen äußerlich sichtbaren Holzelemente dieser Bauten (das Gesagte gilt selbstverständlich nur für den Wohntrakt, nicht für den kaum stilistischen Schwankungen unterworfenen Wirtschaftstrakt der Bregenzerwälderhäuser), sodass sich das Bedürfnis nach Selbstdarstellung der jeweiligen Generation auf sie konzentrierte.

Schutzfunktion und Gestaltungsbedürfnis auf ein und dieselbe Art zu lösen, setzt »ganzheitliches Denken« und immense Erfahrung voraus. Die alten Bauernhäuser des Bregenzerwaldes zeigen, dass sich beides zwar dem jeweiligen Zeitgeist angepasst hat, aber nie voneinander getrennt worden ist. Im Nachhinein sehen wir an den alten Bauten natürlich nur das »Richtige«, das die Jahrhunderte überdauert hat, die Auswirkungen von Fehlversuchen früherer Bauepochen bleiben uns dank des natürlichen Verfalls des »Falschen« weitgehend erspart. Was wir heute angesichts der Wertschätzung anonymer »Baukunst« in der Denkmalpflege einen »gewachsenen Zustand« und im Städtebau ein »harmonisches Ortsbild« nennen, ist aus Sicht der Erbauer möglicherweise nur die Summe klug umgesetzter Alltagserfahrungen.

1 Farbebelustigung 1741, II,
S. 12. Im Einzelnen beschreibt die Rezeptur aber die Verwendung des sich absondernden Blutwassers als Bindemittel, nicht die des roten Blutfarbstoffs.

2 Matthias Stappel, Caput mortuum, Ochsenblut – Rotpigmente, Eigenschaften, Verwendung; Aus den Arbeiten des Freilichtmuseums Hessenpark, Vortrag 2004.
Ulrich Schießl, Ochsenblut – ein Farbbindemittel und ein Farbname, Denkmalpflege in Baden-Württemberg 1981, 10, No. 3, S.122–126.

Einhof (Egg, Hub 78)

Einhof (Egg, Hub 78) aus dem 17. Jh. mit erneuerten Fenstern. Während der unter den Fenstern des Erdgeschosses befindliche Kragbalken einer rein optischen Lastenverteilung gemäß gegliedert ist und in seinen Auflagerpunkten von Konsolen unterstützt wird, ist der auf Fußbodennähe des Obergeschosses befindliche nur grob behauen. Die Vorkragung beträgt 8cm.

Alberschwende (Bühel 221) Giebelfassade mit umlaufenden Klebedächer

Gasthof Adler

Der »Gasthof Adler« in Schwarzenberg ist das bekannteste Beispiel der Färbelung mit »Ochsenblut«. Die heute sichtbare Fassung stammt nicht aus der Bauzeit von 1765

Eternit Fassade

Bezau (Kriechere 62), mit dem Aufkommen des neuen Werkstoffs Eternit zu Beginn des 20. Jh.s wurden Wohntrakte oft eternitverschindelt, während Wirtschaftstrakte in der Regel ihre Verbretterungen behielten.

Vorziehen der Verschindelung über Fensteröffnungen

Alberschwende, »Mesmers Stadel« (Rekonstruktion): Das geringfügige Vorziehen der Verschindelung über Fensteröffnungen gewährleistet bereits einen effizienten Schutz gegen eindringendes Wasser.

Fotos
© Johannes Peer

Literatur

Bezau – Dokumentation der Kulturlandschaft
Johann Peer
Medienverlag Mag. (FH)
Norbert Fürst, Riefensberg 2005, 148 Seiten, zahlreiche farbige Abbildungen und Kartenausschnitte
ISBN 3-9502034-1-9
EUR 36,90,-

Bezau ist seit Jahrhunderten der Hauptort des Bregenzerwaldes. Die Prosperität hat es Bezau ermöglicht, sich den immer wieder neu gestellten Aufgaben als Gerichtssitz, Drehscheibe des öffentlichen Verkehrs, Tourismusort und Wirtschaftsstandort kontinuierlich anzupassen. Dies hat in Bezau zu einer Vielzahl unterschiedlicher Baustile geführt, die insgesamt ein homogenes Ortsbild ergeben. Das andere Bezau sind die Vorsäße, die als Teil der Landwirtschaft einem geringeren Veränderungsdruck unterliegen. Die verstärkte Nutzung der Vorsäßhütten für den Sommertourismus erfolgt behutsam genug, um den Charakter dieser Siedlung zu bewahren.

Text

Johann Peer
  • Architekturstudium an der Universität Innsbruck
  • Arbeit in Architekturbüros in Wien
  • Teilnahme an archäologischen Ausgrabungen in Salzburg, Ägypten und im Iran
  • Mehrere Jahre Grabungsleiter im Kloster St.Johann in Müstair, Graubünden/Schweiz
  • Mitarbeit am Dehio Vorarlberg
  • Assistent am Institut für Städtebau an der Akademie der bildenden Künste in Wien
  • Mitarbeit beim Bundesdenkmalamt in Wien, Innsbruck und Bregenz
  • seit 1991 Leiter der Abteilung Stadtplanung im Amt der Stadt Feldkirch