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Jenseits der Farbe

Gespräch mit Quintus Miller

Erschienen in
Zuschnitt 21: Schutz S(ch)ichten
März 2006

Volta Schulhaus, BaselVolta Schulhaus, Basel

Volta Schulhaus, Basel

Zuschnitt: Im letzten Zuschnitt haben wir die Markthalle in Aarau vorgestellt, wobei der Fokus in erster Linie auf die städtebauliche Situation und die Bedeutung eines »Stadtmöbels« im historischen Kern Aaraus gerichtet wurde. Heute interessiert uns die spezielle Oberfläche der Markthalle und Ihre Haltung zum Thema Oberfläche, auch Farbe, generell.

Miller: Im Wettbewerb hatten wir die Markthalle Aarau noch aus unbehandeltem Holz gedacht. Wir wollten ein Gebäude schaffen, ein Volumen, und haben uns für die Lamellenstruktur aus Holz entschieden, die zwischen Materialität und Immaterialität kippt. Zwischen dem Wettbewerb und der Realisierung sind fünf Jahre vergangen, in denen wir Versuche gemacht haben, die natürliche Verwitterung der Holzoberfläche zu beeinflussen, und feststellen mussten, dass einfach ein Zeitraum von zehn, zwanzig, dreißig Jahren für eine gleichmäßige Verwitterung nötig ist. Bis dahin wäre der Charakter des Gebäudes ein völlig falscher gewesen, daher haben wir nach Möglichkeiten gesucht, die Verwitterung vorwegzunehmen oder eine Verfremdung in unserem Sinne zu erzielen.

Haben Sie auch an einen Farbanstrich gedacht?

Nein, denn es war klar, dass ein Farbanstrich aus Gründen der kurzen Wartungsintervalle nicht in Frage kommt. Im Rahmen der Recherche sind wir dann auf die Tatsache gestoßen, dass man z.B. Fensterläden schon vor zweihundert Jahren mit Leinöl behandelt hat, um ihnen Haltbarkeit zu verleihen, und dass man das Leinöl auch pigmentieren bzw. firnissen kann. Daraus entstand die Idee, eine Beschichtung auf Leinölbasis zu finden, die keinen dichten Film bildet, sondern ein gewisses Maß an Offenporigkeit hat, die das Holz schützt und die Wartungsintervalle deutlich dehnt.

An wen konnten Sie sich wenden, um die nötigen Informationen zu erhalten?

Wir haben mit RestauratorInnen gesprochen, die sich ja laufend mit historischen Technologien beschäftigen und uns gut beraten konnten. Es war hingegen relativ schwierig, eine Firma zu finden, die bereit war, diese Technologie auch anzuwenden, und es war auch schwierig herauszufinden, welche Art von Pigmentierung eine Wirkung hervorruft, die uns für die Markthalle richtig erschien. Wir wollten dem Gebäude einen Charakter verleihen, der zwar Assoziationen an die ehemaligen Gewerbebauten an dieser Stelle hervorruft und auch seiner Nutzung entspricht, der aber nichts Schmuddeliges oder Abgegriffenes transportiert, sondern etwas Feines, fast Elegantes. Nach ungefähr fünfhundert Musterproben haben wir uns für eine Kupferpigmentierung entschieden, was einerseits mit der Farbigkeit am Ort zu tun hat und andererseits einen metallischen Effekt, ein Irisieren und Oszillieren, eine Abstraktion und Verfremdung des Holzes hervorruft.

Warum bedienen Sie sich in Ihrer Architektur der Methode der Verfremdung, der Irritation?

Wir sind immer auf der Suche nach Aspekten der Verfremdung, weil wir glauben, dass die Architektur dadurch gewinnt, dass sie reicher und lesbarer, vielleicht auch gültiger wird. Wir wollen kontextuell gedachte Architektur schaffen, einen übergeordneten Zusammenhang herstellen und dadurch eine Vielschichtigkeit erreichen, die – über kulturelle und zeitliche Grenzen hinweg – mehrere Zugänge zu einem Bauwerk möglich macht. Vielschichtigkeit erhöht die Wachsamkeit und damit auch die Wahrnehmung. Man glaubt, etwas zu sehen, was man kennt. Gleichzeitig sind bestimmte Dinge aus dem Vertrauten »herausgeschoben«. So etwas irritiert, eröffnet aber auch Möglichkeiten in der Rezeption. Beispiel Markthalle: Man sieht eine Holzkonstruktion, erkennt aber zugleich, dass daran etwas ungewöhnlich ist. In diesem Augenblick ist die Wahrnehmung geschärft und bereit für viele Arten von Eindrücken und Erkenntnissen.

Wie haben Sie andere Oberflächen behandelt?

Es geht ja nicht direkt um die Oberfläche, uns interessiert die Anmutung einer Materialität. Es geht nicht um die oberste Schicht, sondern um die Gesamtheit. Es gibt Beispiele wie das Projekt »Villa Garbald«, wo es gar keine Farben gibt, nur Material. Dann gibt es etwa den Wohnbau Schwarzpark, wo eine perfekt fugenlose Betonstruktur gestrichen wurde, um den reinen Betoncharakter zu brechen und einen Bezug zur Baumrinde herzustellen.

Sie arbeiten »jenseits« der Farbe?

Beim Volta-Schulhaus in Basel gibt es Unterschiede in der Oberflächengestaltung der Klassenzimmer, der Erschließungsflächen und der vier Höfe, die in das Gebäude eingeschrieben sind. Dabei geht es um Stimmungen und innere Räumlichkeit, die wir nicht mit »Buntheit« totschlagen wollten. Wir haben uns in den Erschließungszonen für eine Farbe entschieden, die nicht bunt ist, sondern Material. Auf den grauen Grundton wurde zuerst ein silberpigmentierter und dann ein goldpigmentierter Lack aufgebracht, wobei die unterschiedliche Verarbeitungsrichtung der beiden Lasuren dem Anstrich einen textilen Effekt verleiht. Die Farbe wird zum Material, entfernt sich von jeder Art von Buntheit und verändert sich je nach Licht und Bewegung. Die Wände der Innenhöfe – eine hinterlüftete Fassadenkonstruktion mit Holzwerkstoffplatten – wurden mit Goldpigmentfarbe gestrichen und hochglanzlackiert. Wenn man in die Höfe schaut, hat man das Gefühl, als würde jeden Moment die Sonne durch den Nebel brechen, als würde die Wand sich auflösen, und auch hier wird die Farbe zum Material, zur Stimmung.

Für Holzschutz interessieren Sie sich nur im pragmatisch-technischen Zusammenhang des Bauens?

Da gibt es zwei Aspekte: Es gibt technische Randbedingungen und jede Idee muss durch die Kontrolle der Angemessenheit überprüft werden. In diesem Sinne betreiben wir natürlich auch Holzschutz und achten z.B. darauf, dass Teile aus Holz auch beim fertigen Gebäude erreicht und bei Bedarf ausgewechselt werden können. Holzschutz interessiert mich aber vor allem dann, wenn ich beeinflussen will, wie schnell ein Gebäude altert. Wir arbeiten mit Material, Proportion, Licht und wollen Emotionen auslösen. Da spielen Vergänglichkeit und Patina eine große Rolle und durch den mehr oder weniger sichtbaren Alterungsprozess eines Hauses kann eine übergeordnete Grundstimmung erzeugt werden, die wesentlich für den Charakter von Architektur ist. Das hat nichts zu tun mit historisierenden Elementen – wir bedienen uns nur zeitgenössischen Formenvokabulars –, sondern es hat zu tun mit Erinnerung, Vertrautheit, Assoziation und mit den kulturellen Wurzeln jedes einzelnen von uns.

Markthalle Aarau

Markthalle Aarau

Quintus Miller
geboren 1961 in Aarau
Architekturstudium an der ETH Zürich, Diplom 1987
1990–94 Bauleiterassistent an der epf Lausanne und der ETH Zürich
Seit 1994 Zusammenarbeit mit Paola Maranta in Basel
2000–01 Gastprofessor an der epf Lausanne
Seit 2004 Mitglied der
Stadtbaukommission der Stadt Luzern
Seit 2005 Mitglied der
Denkmalpflegekommission der Stadt Zürich

Miller & Maranta
Quintus Miller und Paola Maranta
Dipl. Architekten
ETH BDH SIA
Schützenmattstrasse 31
CH-4051 Basel
T +41(0)61/ 2608000
info@millermaranta.ch
www.millermaranta.ch

Fotos
© Ruedi Walti

»Das Verfahren der Analogen Architektur besteht darin, die Aufmerksamkeit nicht nach außen, auf die Dinge zu richten, sondern nach innen, auf die Spiegelung der Dinge in unserer Vorstellung. In dieser Spiegelung werden sie zu Dingen, an denen wir hängen.«
Martin Steinmann

»Es geht nicht direkt um die Oberfläche, uns interessiert die Anmutung einer Materialität. Es geht nicht um die oberste Schicht, sondern um die Gesamtheit.«
Quintus Miller

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