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Mehr als ein Anstrich

Gespräch mit Marianne Burkhalter

Erschienen in
Zuschnitt 21: Schutz S(ch)ichten
März 2006

Pavillion im Park vom Stockalperpalast, Brig Pavillion im Park vom Stockalperpalast, Brig Pavillion im Park vom Stockalperpalast, Brig

Pavillion im Park vom Stockalperpalast, Brig

Zuschnitt: Sie haben bereits sehr früh begonnen, Holzbauten zu entwerfen, deren Farbigkeit eines ihrer wesentlichen Merkmale ist. Wem oder was verdanken Sie die »Entdeckung« der Farbe?

Marianne Burkhalter: Anfangs gab es den ganz pragmatischen Zugang, dass wir mit dem Anstrich die Holzkonstruktion schützen wollten. Bald aber begann eine konkrete Auseinandersetzung mit Farbe, deren Anlass der unwahrscheinlich inspirierende Pigmentfarben-Fächer von Le Corbusier war, der sich im Gegensatz zu anderen Farbkarten auf wesentliche Grundtöne beschränkt. Diese Farbkarten, die heute von der Firma kt.color in Uster hergestellt werden, und ihre Zusammenstellung haben uns sehr beeinflusst und sind nach wie vor unser wichtigstes Werkzeug bei der Auswahl.

Was bedeutet Farbe?

Die Bedeutung der Farbe geht weit über die eines bloßen Anstrichs hinaus. Farbe ist nicht nur Oberfläche, Farbe ist auch eine Art von Material, mit dem wir arbeiten. Es geht dabei um die Betonung von Räumlichkeit und Körperhaftigkeit, um Perspektive und Akzentuierung. Ganz am Anfang stand die Idee, die Körperlichkeit von Bauvolumen mit Farbe zu fassen, zu konkretisieren, zu betonen. Ein Beispiel dafür ist der Kindergarten in Lustenau aus dem Jahr 1994, dessen Fassaden generell rot, in den einspringenden Ecken jedoch weiß gestrichen sind. Mit Farben kann man Bauteile aber auch zusammenfügen oder trennen. Bei den Forstwerkhöfen in Rheinau, ebenfalls 1994 fertig gestellt, erkennt man im Grundriss drei Teile, die durch die Farbgebung zu einer Einheit zusammengefasst wurden, beim Altenwohnheim Multengut hingegen verleiht sie dem lang gestreckten Baukörper Struktur und Rhythmus.

Wann fällt die Entscheidung für eine Farbe?

Es gibt ein Farbkonzept, das immer im Zusammenhang mit der Umgebung und mit den eingesetzten Materialien steht. Die endgültige Entscheidung fällt aber meistens erst auf der Baustelle, kurz vor der Fertigstellung eines Gebäudes, wenn wir vor Ort unsere Vorstellungen überprüfen können. Es geht ja nicht um einen einfachen Anstrich, sondern um ein Gesamtkonzept, um die Auseinandersetzung mit Inhalten, Räumen und Körpern und da ist die gebaute Realität das richtige Maß für die richtige Farbe.

Wenn Sie Holzfassaden eine künstliche Farbigkeit geben – bleibt das Holz dann Holz oder wird es zu etwas anderem?

Das Holz bleibt Holz und transportiert nach wie vor die Ruhe, das Einfache und Unspektakuläre, das es in sich trägt. Aber wir verzichten ganz bewusst darauf, es in seiner Natürlichkeit zu zeigen und seine spezifische Materialität zu betonen, um stattdessen die Gebäude zu »entmaterialisieren« und ihnen dadurch eine vielschichtigere Bedeutung zu verleihen.

Es gibt Unterschiede in der Intensität der Verfremdung...

Sicher, denn wir wollen ja auch Unterschiedliches bewirken. Zum Beispiel ist der Pavillon im Park vom Stockalperpalast außen unbehandelt, denn er soll als Teil des Parks, als Teil der natürlichen, sich verändernden Umgebung gelesen werden. Die Farbe kommt erst im Inneren zum Einsatz und verleiht dem Raum die Tiefe und die Atmosphäre eines Futterals. In der Nacht wird das Gebäude selbst unsichtbar, es verschmilzt mit seiner Umgebung, während der Innenraum durch das künstliche Licht wie eine Laterne strahlt. Beim Expo-Pavillon Onoma in Yverdon-les Bains hingegen wurde die Oberfläche deckend silbrig gestrichen, um einen möglichst hohen Abstraktionsgrad zu erreichen. Die Körperhaftigkeit der Fassade trat in den Hintergrund, sie wurde kaum mehr als Holzkonstruktion wahrgenommen, sondern war in erster Linie neutrales Trägermaterial für die Beschriftung. Zudem wurde damit der Übergang ins Innere, das richtig bunt war, betont.

Zwischen diesen beiden Extremen gibt es unzählige Abstufungen und Varianten. Es bedeutet z.B. ganz was anderes, ob man eine vertikale oder eine horizontale Schalung färbt – das ist wie der Einsatz eines vertikalen oder horizontalen Striches in der Malerei. Wir arbeiten auch oft damit, dass große Flächen durch Farbe eine neue, abstrakte Dimension bekommen, sie werden zugleich tiefer und weiter – das kann mit einer natürlichen Holzoberfläche nicht erreicht werden.

2002 wurden mit dem Wohnbau Wehrenbachhalde in Zürich, dem Wohnbau Ziegelwies in Altendorf und dem Zweifamilienhaus Kind in Küsnacht drei Holzbauten fertig gestellt, deren Oberflächen unterschiedliche Färbungen und unterschiedliche Arten der Gliederung aufweisen. Welche Voraussetzungen haben zu diesen Ergebnissen geführt?

Für die Farbgebung war in erster Linie das jeweilige Umfeld ausschlaggebend. Der Wohnbau Wehrenbachhalde befindet sich zwar im Grünen, allerdings innerhalb eines urbanen Quartiers. Wir haben uns für das Rot als Komplementärfarbe zum Grün der unmittelbaren Umgebung entschieden, dazu kommt das Silber der Erschließungsteile. Damit wird ein Gegensatz betont, die Baukörper heben sich ab und sind in ihrer Signalhaftigkeit eindeutig identifizierbar.

Beim Wohnbau Ziegelwies gibt es eigentlich den umgekehrten Zugang: Die Anlage liegt am, fast im Wasser, im Schilf. Das Grün kann als Annäherung an diese natürliche Umgebung gesehen werden, als ein Sich-Anschmiegen an das Vorhandene, als ein Eins-Werden mit der Natur. Einen ähnlichen Chamäleon-Effekt gibt es beim Zweifamilienhaus Kind, das in einem sehr dicht bebauten, städtischen Gebiet steht und das wir mit seiner silbrigen Hülle zum Schweben bringen wollten, zum Verschwinden oder dazu sich aufzulösen, indem sich der Himmel und die Umgebung darin spiegeln. Und das funktioniert auch sehr gut: Obwohl ein Holzhaus an dieser Stelle ursprünglich schwer vorstellbar war, wirkt es durch die silberne Farbe edel und urban. Eine Verwitterung wurde vorweggenommen, die Oberfläche changiert mit den Tageszeiten und dem Wetter zwischen allen möglichen Blau-, Rosa- und Silbertönen. Im Inneren gibt es dann kräftiges Orange und auch wieder den Silberton, der das Orange widerspiegelt.

Was die Gliederung betrifft, so sind es drei Themen, die hier umgesetzt wurden: Das Thema des Schleiers beim Wohnbau Wehrenbachhalde, das Thema der Konstruktion beim Wohnbau Ziegelwies und das Thema der Hülle beim Zweifamilienhaus Kind. Der Schleier hat mit Offenheit und Geschlossenheit zu tun, mit dem Übergang zwischen öffentlich und privat und wird vor allem durch die langen Rollläden und die durchscheinenden Begrenzungen und Brüstungen aus horizontalen Holzlamellen definiert. In Altendorf sind Schichtung und Gliederung der Konstruktion deutlich herausgearbeitet. Dabei ist auch die Farbgebung in sich gegliedert und reicht vom künstlichen Weiß der Geschossdecken, über das der Umgebung angepasste Grün der Fassaden und – fast komplementär dazu – bis zum natürlichen Braun der Fenster- und Türrahmen.

Die Hülle des Zweifamilienhauses ist ruhig, großflächig, zurückhaltend, nur einfach gegliedert, um die Materialität des Gebäudes so weit wie möglich aufzuheben und es zum Schweben zu bringen.

Hat die Farbigkeit der Fassaden auch mit dem Thema der Vergänglichkeit von Holz zu tun?

Ja, das denke ich auf jeden Fall. Es gibt – besonders in der Stadt – Angst vor dem Verfall und die Künstlichkeit von Farbe ist ein Mittel, diesen Verfall nicht augenfällig zu machen. Vor kurzem haben wir das Haus Schwarzenbach gebaut, dessen Bauherrschaft zwar eine natürliche Holzoberfläche, jedoch keine natürliche, unregelmäßige Verwitterung wollte. Wir haben auf das Haus daher eine Nanobeschichtung aufgebracht, ich weiß aber noch nicht genau, wie sich die Oberfläche im Lauf der Zeit verändern wird, da das unsere erste Erfahrung mit Nanotechnologie ist.

Welche Aspekte der Farbgebung sind zur Zeit für Sie besonders interessant?

Nachdem wir viel mit allen möglichen Arten von Spiegelungen und Silbrigkeit gearbeitet haben, sind wir jetzt dazu übergegangen, künstliches und natürliches Licht durch farbige Glasflächen zu leiten und Innenräumen damit ganz besondere Stimmungen zu verleihen. Ein Beispiel dafür ist das Hotel, Restaurant und Theater Rigiblick in Zürich, das 2004 fertiggestellt wurde. Dort gibt es Naturholzoberflächen ebenso wie farbig gestrichene Bauteile, aber eben auch eine immaterielle Art von Farbe, die über Spiegelung hinausgeht, nämlich farbiges Licht, das über gelbe und rote Fenstergläser ins weiße Stiegenhaus dringt und sich über den Tag hinweg wunderbar verändert.

Sie verleihen Ihren Gebäuden und Räumen über die Farbgebung eine starke Charakteristik und Determiniertheit.

Ja, dafür sind wir bekannt, der sinnliche Zugang zur Architektur ist ein wichtiger Teil der Qualität unserer Arbeit.

Wohnbau Ziegelwies, Altendorf

Haus Schwarzenbach, Erlenbach

Zweifamilienhaus Kind, Küsnacht

Zweifamilienhaus Kind, Küsnacht

Marianne Burkhalter
aufgewachsen in Thalwil, CH
Lehre als Hochbauzeichnerin in Zürich
1973–75 Fachhörerin an der University of Princeton, USA
1970–78 selbständige Architektin und Mitarbeiterin verschiedener Architekturbüros
1981–83 Assistentin an der ETH Zürich
Seit 1984 gemeinsames Büro mit Christian Sumi in Zürich
1985 Assistentin an der
ETH Zürich
1987 Gastprofessur am Southern Institute of Architecture, Los Angeles
1999 Gastprofessur an der EPF Lausanne

burkhalter sumi architekten Gmbh ETH/BSA/SIA
Münstergasse 18a
CH-8001 Zürich
T +41(0)44/2589010
office@burkhalter-sumi.ch
www.burkhalter-sumi.ch

Fotos
© Heinrich Helfenstein

Literatur

2G N.35 Burkhalter Sumi
Gustavo Gili, Barcelona 2005
144 Seiten, zahlreiche farbige Abbildungen,
ISBN 84-252-2027-0, ca. EUR 29,-

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