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In den Wellen

Niklas Makk
Erschienen in
Zuschnitt 22: Wasserkontakt
Juni 2006, Seite 26

1966 war das Jahr, als Brian Wilson an »Good Vibrations« schrieb, ein durchschnittliches Surfbrett war mindestens 2,50 Meter lang und wog mindestens 15 Kilo, LSD galt noch nicht als illegale Droge, Pontiac brachte einen im Tigerlook lackierten Dragracer unter die Leute, und der Fotograf LeRoy Grannis stand mit einem salzverkrusteten Objektiv mittendrin und fotografierte den ganzen Wahnsinn, der sich hier abspielte. Er war einer der letzten Surfer der frühen Tage, die auf ihren gigantischen, fünfzig Kilo schweren Redwood-Planken fuhren wie einst der legendäre Duke Kahanamoku, der das Wellenreiten nach Kalifornien gebracht hatte: immer stur geradeaus.

Surfen ist die westliche Form des Zen – wobei der Beginn der amerikanischen Surfkultur nichts mit höheren Einsichten zu tun hatte, sondern eher mit Geldknappheit. Im kalifornischen San Onofre, kurz »Sano«, trafen sich nach der Weltwirtschaftskrise 1929 diejenigen, die keinen Job mehr hatten und es vorzogen, in Autos oder Zelten am Strand zu schlafen, ihr Essen selbst zu angeln, braun zu werden und die Krise einfach vorbeiziehen zu lassen wie einen schlechtgelaunten Hai. Später wurde der Strand zum Haupttreffpunkt der Surfbewegung, und Grannis hat all das fotografiert: die alten, vom Staub der Küstenstraßen überzogenen, vom Salzwasser halb zerfressenen Ford-Pick-ups und Chevrolet-Kombis, aus deren Heckklappen die Bretter herausragen wie aus dem Schlund eines Hais, der die Größe seiner Beute unterschätzt hat, die Männer und die Frauen am Strand, den Surfshop des legendären Greg Noll, der 1969 die furchterregende Jahrhundertwelle vor der hawaiianischen Küste fuhr.

Hier wiederholte sich die amerikanische Geschichte im Miniaturformat: Junge Männer verließen die Zivilisation und suchten ihr Glück in den unentdeckten Weiten des Westens – nur dass die Berge, die es zu bezwingen galt, jetzt aus Wasser waren. Sie lebten wie die Trapper auf dem Zug nach Westen: in Zelten oder in ihren Wagen am Strand oder am Lagerfeuer, und es ist kein Zufall, wenn Stacy Peralta, der Regisseur des großartigen Surffilms »Riding Giants«, Greg Noll einen großen Cowboy nennt. Es war, bei soviel Heldenverehrung, auch kein Wunder, dass bald alle Welt surfen wollte. Filme wie »Gidget«, die Geschichte eines wellenbegeisterten Mädchens, und Taschenbücher wie George Snyders »Surfside Sex – Living with Savage Passions and Raw Desire« machten das Surfen in den unterschiedlichsten Kreisen zur erstrebenswerten Lebenshaltung: Vor »Gidget« gab es etwa fünftausend Surfer auf der Welt, Mitte der sechziger Jahre schon zwei Millionen.

Damit wurde zum Massensport, was auf Hawaii einmal ein Privileg der Herrscher und Beweis ihrer Gotthaftigkeit war: Der hawaiianische König Kamehameha I. beeindruckte sein Volk vor allem durch seine Wendigkeit in den Wellen, und wenn man die Bilder sieht, die LeRoy Grannis von Greg Noll machte, dann sehen sogar die griechischen Götter im Vergleich verdammt blass aus.

Text
Niklas Maak

Dieser Beitrag wurde in einer längeren Version erstmals am 02.04.2006 in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung publiziert.

Literatur

LeRoy Grannis: Surf Photography of the 1960s and 1970s.
Taschen, Köln 2006
278 Seiten, ISBN 3-8228-5069-1, €350,-
limitierte und signierte Auflage

www.photosgrannis.com

Fotos
© LeRoy Grannis

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