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Repetitive Movement

Bootshaus am Mississippi

Eva Guttmann
Erschienen in
Zuschnitt 22: Wasserkontakt
Juni 2006

Bootshaus

Das neue Bootshaus des Minneapolis Rowing Club liegt etwas abgelegen am Fuß der »Lake Street Bridge« zwischen Minneapolis und St.Paul, am flachen, stark bewaldeten Ufer des Mississippi. Planungsbeginn war 1998, das Raumprogramm umfasste einen 600m² großen Lagerraum für Boote, ca. 325m² als Trainings- und Umkleideräume sowie einen Gemeinschaftsbereich.

Von Anfang an im Vordergrund des Entwurfskonzepts standen der Prozess und die Erfahrung des Ruderns als repetitive, dynamische und stark richtungsorientierte Bewegung. Diese Vorstellung mündete in Ideen über Struktur, Materialität, Rhythmus und räumliche Wahrnehmung und im Versuch ihrer Übersetzung in gebaute Architektur.

Am Beginn der Auseinandersetzung mit diesen Inhalten stand für Vincent James und seine MitarbeiterInnen die Beschäftigung mit Arbeiten der Pioniere der Bewegungs- und Chronofotografie Eadweard Muybridge und Etienne-Jules Marey (beide 1830–1904). Diese hatten mit Hilfe von Reihenfotografien und Serienaufnahmen Studien menschlicher und tierischer Bewegungsabläufe betrieben und statische Rahmen dazu verwendet, die Komplexität der Bewegungen aufzeichnen und verstehen zu können. In Analogie dazu interpretierten die ArchitektInnen das Bauen als statische Ansammlung von Material in einer gewissen Ordnung und zugleich als zielgerichtete Animation dieser Materialvielfalt. So betrachtet hat die Wiederholung einer Tragstruktur das Potenzial, eine Art von Dynamik, von mehrdimensionalem Raum und Bewegung zu erzeugen, wie sie auch dem Rhythmus des Ruderns innewohnt, und betont die ökonomische Wiederholung eines einfachen Trägers die Balance zwischen impliziter Bewegung und notwendiger statischer Festigkeit eines Baukörpers. Also wurden die konstruktive Struktur des Baus sowie die daraus resultierende, wellenartige Dachform, die sich aus der zunehmenden Drehung der Leimholzträger rund um eine zentrale Achse parallel zur Längsseite des Gebäudes ergibt und aussteifende Wirkung hat, inspiriert vom sich wiederholenden Wesen des Ruderns und dem Ein- und Auftauchen des Riemens. Als weitere Aussteifung wurden diagonale Streben in regelmäßigen Abständen zwischen den Trägern angebracht, die seitliche Stabilität kommt im Wesentlichen von der Konstruktion des Zwischengeschosses, das in die Außenwände eingebunden ist und von Leimholzstehern getragen wird.

In der Umsetzung kamen die Wiederholung einfacher konstruktiver Details sowie die Verwendung von heimischem Douglasienholz dem geringen Budget entgegen. Da der Vorgängerbau des Bootshauses Brandstiftern zum Opfer gefallen war, standen auch Vandalensicherheit und unkomplizierte Erhaltung bzw. Wartung im Mittelpunkt der Überlegungen hinsichtlich Ausführung und Materialwahl. Die Hülle des Gebäudes besteht nun aus schwarz gestrichener Stülpschalung, kupferbeschichteten Schiebetüren und kupferfolierten Dachflächen, die Fenster befinden sich, für Vandalen schwer erreichbar, am oberen Rand der Außenwände.

Das Bootshaus, das 2001 fertiggestellt wurde, hat 2003 den nordamerikanischen »Wood Design Award« gewonnen und soll demnächst durch ein zweites Gebäude ergänzt werden.

Bootshaus Innenansicht

Bootshaus bei Nacht

Planung

VJAA – Vincent James and Associates
400 First Avenue North, Suite 120
Minneapolis, Minnesota 55401, USA
e-mail@vjaa.com
www.vjaa.com

Ausführung

Flannery Construction
1375 St.Anthony Avenue
St.Paul, Minnesota
55104, USA
jflannery@flannerycon- struction.com
www.flanneryconstruction.com

Fotos
© Mary Ludington

Text

Eva Guttmann
2004 – 09 Chefredakteurin der Zeitschrift Zuschnitt, 2010 – 13 Geschäftsführerin des HDA, Haus der Architektur in Graz. Freischaffende Autorin, Herausgeberin, Redakteurin und Verlagsrepräsentantin für Park Books Zürich; lebt und arbeitet in Graz und Wien.
www.park-books.com

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