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Artenreich – Geschichte(n) vom Holz

Werner Kitlitschka
Erschienen in
Zuschnitt 23: Holzarten
September 2006

Ein Lob des Holzes

Holz, der innere festere Gewebeteil der Nadelholzgewächse, Laubbäume, Sträucher und Halbsträucher, zählt zu den ältesten Werkstoffen und Energieträgern der Menschheit. Die faserige gewachsene Struktur und die je nach Pflanzenart stark divergierende Härte machen das Material Holz in unterschiedlichster Weise verwendbar. Große Festigkeit, günstiges Stabilitätsverhalten im Brandfall sowie gute Isoliereigenschaften lassen Holz auch in der Gegenwart und unter dem Konkurrenzdruck neuerer Baustoffe als hervorragendes Material für tragende und verkleidende Bauelemente erscheinen. Nach zeitweilig eher negativer Sicht tragen die reformierten Bauordnungen den günstigen Eigenschaften des Holzes nunmehr zumeist entsprechend Rechnung.

Neben Architektur, Bautischlerei und Möbelbau bedienen sich nach wie vor die bildenden Künste des Materials Holz in höchst differenzierter Weise. Holzdachstühle, Fenster und Türen aus Holz sowie Holzböden und Holzverkleidungen von Wänden und Decken sind auch in moderner Zeit von besonderer Aktualität. Ebenso verwenden in der Gegenwart viele und auch sehr prominente Künstler und Künstlerinnen Holz als formbaren Stoff oder als Trägermaterial für Bildgestaltungen. Bereits die antiken Autoren Vitruv (geb. etwa 84 v. Chr.) und Plinius der Ältere (23–79 n.Chr.) äußern sich mehrfach und ausführlich zu Fragen der Verwendung des Holzes für bautechnische und künstlerische Zwecke.

Das Grundmaterial der Bundeslade der Israeliten bildete eine bestimmte, nicht genau feststellbare Holzart (lignum setim), die in den neueren Bibelübersetzungen meist als Akazienholz verstanden wird. Nach den Angaben des alttestamentlichen Buches Exodus waren auch der Schaubrottisch, der Brandopferaltar und die Bohlen des Stiftszeltes aus dem gleichen Material gefertigt. In der Sakralkunst des Christentums bemühte man sich, möglichst diese nicht eindeutig abzuklärende und daher unterschiedlich interpretierte Holzart zu verwenden.

Hinsichtlich der Gepflogenheit der süddeutschen Bildschnitzer des 15. und 16. Jahrhunderts, ausschließlich Lindenholz zu verarbeiten, hat die kunsthistorische Forschung die Frage aufgeworfen, ob dieser Werkstoff lediglich wegen seiner technischen Eignung herangezogen wurde oder ob nicht vielleicht auch andere Gründe, wie etwa eine besondere Symbolik des Lindenbaumes, für diese Übung maßgeblich waren. So wies etwa der Wissenschafter Michael Baxandall bereits vor zweieinhalb Jahrzehnten auf die außergewöhnliche Bedeutung der Linde im religiösen und brauchtümlichen Leben hin. Die Meinung, man habe im Lindenholz ein Material mit spezieller Bedeutungsfunktion gesehen, findet eine interessante Bestätigung in der Auffassung der hl. Hildegard von Bingen (1098–1179), verschiedenen Teilen des Lindenbaumes käme heilende Wirkung zu. In Hildegards »Buch von den Bäumen« heißt es hierzu unter anderem wörtlich: »Denn die starke und scharfe Wärme der Linde beruhigt die schädlichen Säfte, die dem Herzen des Menschen schaden.«

Wird auch heute noch vor allem in den alpinen Gebieten mit Vorliebe Holz als Bau- und Ausstattungsmaterial verwendet, so kam diesem Rohstoff hinsichtlich der Wehr-, Sakral- und Wohnbauten in Mitteleuropa bis in die Zeit des Hochmittelalters überragende Bedeutung zu. In der um 1136/37 niedergeschriebenen Lebensbeschreibung des Bischofs Altmann von Passau wird berichtet, zu Beginn der Amtsperiode (1065–1091) dieses später heilig gesprochenen Kirchenfürsten seien fast alle Kirchen des Landes aus Holz errichtet gewesen und nun durch Steinbauten ersetzt worden. Für Holzkonstruktionen fanden von den einheimischen Nadelhölzern die Kiefer oder Föhre, die Fichte oder Rottanne, die Weiß- oder Edeltanne und die Lärche oder Schwarzkiefer Verwendung, von den einheimischen härteren Laubhölzern die Winter-, Trauben- oder Steineiche, die Sommer- oder Stieleiche, die Rotbuche und die Erle. Leider hat ein europaweites Baumsterben die Ulmen- oder Rüsterbestände weitestgehend vernichtet.

Neben den genannten Hölzern stellen Esche, Nussbaum, Pappel, Linde, Ahorn, Akazie und die amerikanische Pitchpine für Bauschreinerarbeiten geeignete Materialien dar, zu denen als ausländische besonders ihrer Farbe wegen geschätzte Holzarten noch Mahagoni, Palisander, Amarant und Ebenholz hinzukommmen.

Während Lindenholz zu den bevorzugtesten Schnitzhölzern überhaupt zählt, wählten die Möbeltischler des Barock und des 19. Jahrhunderts für ihre künstlerisch subtilen Schöpfungen mit Bedacht Hölzer mit besonders wirkungsvollen Farben und Strukturen aus. Effektvolle Wurzelfurniere sind in diesem Zusammenhang ebenso zu nennen wie etwa auch die einheimische Nuss und diverse Obstbaumhölzer, unter denen sich in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Kirsche besonderer Beliebtheit erfreute.

Bis in die Gegenwart kommt Bäumen allerdings nicht nur der Charakter wichtiger Werkstoff- und Energielieferanten zu, etwas von der in vielen alten Kulturen nachweisbaren Verehrung der Bäume als Wesen besonderer Art oder als Sitz überirdischer göttlicher Wesen lebt auch noch in unseren Tagen nach und äußert sich beispielsweise in der Pflanzung von Bäumen im Bereich von Sakraldenkmalen wie Wegsäulen, Heiligenskulpturen und Wegkapellen. Im volkstümlichen Brauchtum wurden Bäume bis ins 19. Jahrhundert mancherorts als personenhafte Geschöpfe angesehen, denen die Bauern in aller Form ein gutes neues Jahr wünschten, sie zum Weihnachtsessen einluden und um Verzeihung baten, falls sie Schlägerungen vornehmen mussten.

Auszug aus:
Ein Lob des Holzes
Denkmalpflege in Niederösterreich
, Band 35 »Holz«, Amt der NÖ Landesregierung, St. Pölten 2006

Literatur

Das Buch von den Bäumen
Hildegard von Bingen
Otto Müller, Salzburg 2001, 340 Seiten
ISBN 3-7013-1033-5
€ 36,-

Text
Univ.Doz. Dr. Werner
Kitlitschka

Kunsthistoriker und
Denkmalpfleger
Lange Zeit tätig als Landeskonservator für Niederösterreich im Bundesdenkmalamt
Lehrt jetzt an der Universität Wien und an der Akademie der bildenden Künste in Wien

Foto
© Gerald Kozicz