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Nah bei den Bäumen

Gespräch mit Markus Faißt

Renate Breuß
Erschienen in
Zuschnitt 23: Holzarten
September 2006

Die Nähe zum Wald und seinen Bäumen klingt in Gesprächen, die ich mit Menschen aus dem Bregenzerwald im Zuge dieser Recherchen über Holzarten geführt habe, immer wieder an. Bäume wollen berührt und gelesen werden, sind charakterlich schwierig bis unbezwingbar. Sie haben eine eigene Identität und eine Biografie, mit den Menschen verbindet sie eine gerade Gestalt mit Fuß und Krone.

Diesem Erfahrungswissen liegt eine profunde Kenntnis von den in der Region wachsenden Hölzern, deren Eigenschaften und Verarbeitungstechniken zugrunde. Die regionale Vielfalt zeigt sich beim genauen Hinsehen, was hier schon in frühester Kindheit beginnt. So wie die Rehe die struppig stacheligen Jungtriebe einer Fichte vom zarten Leckerbissen einer jungen Tanne auseinanderhalten können, werden eckige Borkenschuppen von runden, dicke von dünnen, weiße von roten bereits im Kindesalter unterschieden.

Markus Faißt hat auf dem Roten Berg, seinem Mutterberg, die ersten Hütten gebaut und alle Bäume bekraxelt. Heute führt er hier in Hittisau, in Nussbaum, eine Holzwerkstatt mit neun Mitarbeitern, verarbeitet werden ausschließlich heimische Holzarten. Rund ums Haus und in der Werkstatt, in und um Hittisau lagern an die 400 Kubikmeter Holz. Für einen Tischler, der den Weg des Holzes vom Baum im Wald bis zum fertigen Möbel begleitet, ist dieses Lager die Vorratskammer schlechthin. Rund zwölf Holzarten sind in den Lufttrocken- und Reifelagern, im Klimaraum verteilt: Nadel-, Laub- und Obsthölzer.

Im folgenden Gespräch habe ich mich mit Markus Faißt in seiner Werkstatt und auf dem Roten Berg über seinen persönlichen Zu- und Umgang mit Holz unterhalten.

Was sind Ihre Beweggründe, ausschließlich mit heimischem Massivholz zu arbeiten?

Seit ich selbständig denken gelernt habe, sind mir Ökologie, Nachhaltigkeit und Kreislaufwirtschaft zentrale Werte. Schon mein Vater hat mit heimischem Bergholz gearbeitet und immer auf den Mond geschaut, das ist mir eindrücklich in Erinnerung. Doch am wichtigsten war mir herauszufinden, was im Bregenzerwald an Resonanz da ist und wie ich Holz und Raum zum Klingen bringen kann. Das schaffe ich auf der industriellen, internationalen Ebene nicht, weil wir viel zu wenig forstindustriell nutzbare Waldflächen haben. Bei uns wächst von allem etwas, das macht den Wald so gesund und schön. Sehr kleiner Forstbesitz macht die Sache auch nicht leichter. Wenn jemand 500 Festmeter Holz kaufen wollte, müsste er hier mit 28 Leuten sprechen. Aber für meine Art des Wirtschaftens ist das genau das Richtige. Kleine Geschichten, ein soziales, feingliedriges Netz, aus der Region heraus das Wissen aufbauen, was wo richtig eingesetzt ist. Das ist im Grunde ein Gegenprogramm zu den von der Industrie angesagten Moden.

Sie bauen doch Ihre Werkstatt aus, Konstruktion und Innenausbau sind aus Weißtanne. Materialisierungen in Weißtanne haben in letzter Zeit, gerade hier in Hittisau, viel Anerkennung bekommen. Woran liegt das?

Weißtanne war schon immer in meinem Programm. Ihre Qualitäten, die helle Farbe, das Harz- und astarme Holz sind momentan sehr nachgefragt. Die Weißtanne ist mithilfe intelligenter Maßnahmen für eine lokale Wertschöpfung in einer bestimmten Nische tatsächlich zu einer kleinen Welle geworden. International ist sie aber kein Thema. Kein standardisiertes Ausschreibungsprogramm sieht Weißtanne vor, weil es weltweit gesehen viel zu wenig von dieser Holzart gibt.

Doch wenn man sich fragt, was uns als Region überlebensfähig macht und worauf man sich besinnen kann, gehört die Weißtanne zum Käse, zur frischen Luft und zum guten Wasser einfach dazu. Viel dicker ist die Suppe nicht, aus der man bei uns etwas kochen kann, aber sie schmeckt gut.

Auch weil Sie genau wissen, wo die Zutaten herkommen und wie sie beschaffen sind.

Im neuen Werkstattgebäude kommen nur Tannen von der Lorena und vom Roten Berg zum Einsatz. Dieses Holz hat im Gegensatz zur Handelsware einen Stammbaum, eine Identität. Zudem bringe ich zwei historische Orte zusammen, die ich sehr gut kenne, denn hier auf den Schattseiten wachsen die besten Hölzer.

Die besten Hölzer, woran erkennt man sie?

Ich sehe das dem Gebiet schon an. Höhenlage, Gelände, Bodenbeschaffenheit, Himmelsrichtung, das alles hat Einfluss auf die Qualität. Hier heroben am schattseitigen Roten Berg ist es nicht richtig steil, relativ zart, eine weiche Rundung, nicht schroffig oder brüchig. Auf steileren Hängen, da hat man konstanten Winddruck, da muss der Baum Kraft entwickeln, damit er gerade hinaufkommt. Er muss genau auf der entgegengesetzten Seite Kraft machen und legt Buchsjahre an, wird sehnig. Die Bretter haben dann unterschiedliche Spannungen, fangen beim Sägen an zu klemmen und zu arbeiten, da sind Kräfte drinnen, die hat der Baum einfach im Programm. Dieser Baum hier hat beispielsweise ein schönes erstes Stammstück, dann macht er einen Schwung, für ein freistehendes, feines Möbelstück taugt er nicht mehr. Ich kann ihm nicht blind trauen, ich muss ihn in Verbindlichkeiten reinnehmen, stützen.

Sie schenken der Holzselektion und der Aufarbeitung vor Ort viel Aufmerksamkeit. Weshalb?

Hier im Wald oder später in der Säge entstehen die ersten Bilder und Vorstellungen. Das ist mir wichtig. Ab November wird geschnitten, das beste Zeichen ist Waage vor Neumond. Ich bin dabei beim Ablängen, denn viel erkenne ich am stehenden Baum, doch den größten Teil seiner Wahrheit offenbart der Baum, wenn er liegt, wenn ich das Schnittbild sehe. Dann kommt das Sägen. Wir sägen nur auf Bandsäge, nicht auf Gattersäge. Wenn ich Stück für Stück heruntersäge, dann kann ich, wenn sich eine Seite schlecht entwickelt, reagieren und etwas anderes sägen, deshalb kommt nur Bandsäge in Frage. Schnitt für Schnitt. Die Vor- und Nachwinterphase, das ist Chefsache, das mache ich selbst.

Die Plenterstruktur vereint jung und alt, Tannen mit Buchen und Fichten. Wie steht es um die produktive Fichte?

Der Fichte tut man eigentlich unrecht. Sie ist momentan wenig nachgefragt. Fichte ist ein tolles Holz und macht an bestimmten Orten sehr viel Sinn. Im Möbelinnenausbau, einem begehbaren Schrankraum in feiner Fichte, da riecht es einfach schon gut. Mit vielen großflächigen offenen Flächen bleibt lange, lange Jahre eine feine Geschmacksnote drinnen. Diese feine Beigabe hat die Weißtanne nicht. In bestimmten Verwendungen ist die Fichte nicht zu ersetzen, z.B. als Klangholz. Voraussetzung ist ein engjähriges, weißes Holz aus flach geneigten, mit Wasser gut versorgten Standorten und ungleichaltrigen Wäldern.

Welche Baumarten gehören noch zu Ihrem Repertoire?

Im Verhältnis zur Menge: Zunächst Tanne und Fichte, dann Buche und Bergahorn. Dann gibt es einen großen Sprung mit Rüster, Eiche und ganz wenig Esche, wenn, dann Kernesche, sie hat mehr Charakter als eine makellose 1A-Esche, ist dunkler und expressiver. Bleiben noch die Edelhölzer mit Nuss, Birne, ein paar Apfelbäume, ein wenig Eibe vom Pfänderstock. Dazwischen gibt’s auch noch hie und da einen Pflaumenbaum oder als Sonderfall eine Linde. Doch aus diesen widerspenstigen Obsthölzern ein gutes Möbel zu machen ist nicht einfach. Für das Vitrinenmöbel aus Birnenholz verbrauche ich fünf bis sechs Bäume, den kräftigen rötlichen Farbton erziele ich durchs Kochen.

Gekochtes Birnenholz, was ist darunter zu verstehen?

Das Verfahren stammt aus dem Furnierbereich, wo das Kochen ursprünglich die Schneide- und Schälverfahren erleichterte. In Dornbirn gibt es noch so ein Furnierwerk, ein kulturhistorisches Relikt, wo ich in der Nachwinterphase vor allem Birne und Buche in gemauerten Gruben tagelang kochen lasse. In erster Linie schätze ich die gleichmäßig erzielten Farbergebnisse. Das ist mit Dämpfen, wo es immer wieder Flecken gibt, manche Stellen nicht durch sind, nicht zu erreichen. Zudem wird das Holz durch das Kochen eine Spur zahmer, ruhiger. Das ist vor allem bei diesen charakterstarken Berghölzern, die aller Unbill ausgesetzt sind, ein Vorteil. Gerade die Buche, ein sehr unruhiges Holz mit dem größten Schwinden-Quell-Verhalten, wird durchs Kochen gezähmt. Wenn du massiv baust, musst du viele Fehlerquellen ausschalten und unwahrscheinlich gewissenhaft vorgehen, es gibt aber auch ungeeignete Stämme, die sich nicht bezwingen lassen. Für jeden Teil eines Holzes die richtige Verwendung zu finden, das sind Herausforderungen, die mich interessieren.

Der Weg vom Baum zum Bett ist lang, wird das von den Kunden gesehen und geschätzt?

Immer mehr. Kürzlich habe ich für ein Ehepaar eine Penelope, eine Bettstatt aus Bergahorn gemacht. Demnächst gehen wir zusammen in den Wald, an jenen Ort, wo der Baum gewachsen ist. Mich interessiert das qualitätsvolle Leben, und meine Arbeit verdichtet sich hin zu einer Gewissheit, dass das gut ist.

Markus Faißt, im Plenterwald des Roten Bergs in Hittisau. Hier wachsen Tannen neben Buchen und Fichten vereinzelt auch Eschen und Ahorn in allen Altersgruppen. Die kleinflächige Nutzung erfolgt regelmäßig und einzelstammweise.

Erstklassige Bretter und Schindeln lagern rund um die Holzwerkstatt Faißt im Freien, das Brennholz endet im örtlichen Biomasseheizwerk.

Für die Herstellung eines Vitrinenmöbels mit filigranen Frieskonstruktionen, feinen Querschnitten und Beschlägen ist das dichte und relativ harte Birnenholz ideal. Das edle Material rechtfertigt den edlen Zweck: die Aufbewahrung einer wertvollen Porzellansammlung.

Küche, heimischer Bergahorn, Wohnhaus Nenning, Holzwerkstatt Faißt. Das dichte, geschlossenporige und harte Ahornholz ist ein exquisites Küchenholz, das auch farblich gut zum modernen Ambiente im Wohnhaus Nenning passt.

Holzwerkstatt Markus Faißt
Nussbaum
A-6952 Hittisau
T +43(0)5513/62544
mail@holz-werkstatt.com
www.holz-werkstatt.com

Fotos
© Arno Gisinger

Text: Renate Breuß
  • Kunsthistorikerin
  • externe Lehrbeauftragte an der Fachhochschule Dornbirn, Studiengang
  • Intermedia Publikationen und Aufsätze zu alltagskulturellen Themen