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Alles paletti

Fabian Wallmüller
Erschienen in
Zuschnitt 24: vorläufig nachhaltig
Dezember 2006, Seite 31

Temporäre Bühne in Augsburg im Rahmen der Bewerbung Augsburgs um die Kulturhauptstadt Europas 2010, Architekt: Andy Brauneis 

 

Pavillon im Rahmen des Wettbewerbs und der Ausstellung »handwerk + form« in Andelsbuch (Bregenzerwald); Entwurf: Andreas Mohr

Manche Dinge sind eben genauso wie das Rad: so gut, dass sie nicht noch einmal erfunden werden müssen. Und so selbstverständlich, dass man auch nicht mehr präzise sagen kann, wer nun hinter der genialen Idee steckt. Das ist zum Beispiel bei der Palette der Fall. Aller Wahrscheinlichkeit nach vom schwedischen Transportunternehmen BT entwickelt, begleitet dieses unscheinbare, dabei überaus intelligente Ding aus Holz unseren Alltag seit Ende der 1940er Jahre. Und seit damals setzt die Palette Maßstäbe. Sei es im Transportwesen, wenn es um die Größe von Ladefläche oder Kofferraum geht, sei es bei Erzeugnissen aller Art, die auf Paletten transportiert werden sollen. Ob Getränkekiste, Papier oder Möbel: Klug ist, wer die Maße seines Produkts auf die der Palette abgestimmt hat. Seit einiger Zeit ist die Palette aber auch von Amts wegen das Maß zumindest aller transportablen Dinge. Ihre Abmessungen – 120x80x14,4cm – wurden zur europäischen Norm erhoben und das Ding aus Holz bekam auch einen neuen Namen: Europalette.

Bei all ihrer Bedeutung gibt sich die Europalette nach wie vor bescheiden. Gefertigt zumeist aus Fichtenholz, ist sie leicht herzustellen, stellt keine besonderen Ansprüche an ihr Äußeres und erträgt dennoch viele Jahre bis zu 1000 Kilogramm. Und weil sie neuwertig ab 8 Euro, gebraucht bereits ab 2,50 Euro zu erstehen ist, hat sie nicht nur das Zeug zum Massenprodukt, sondern wird auch gerne anderwärtig eingesetzt. Als luftige Unterkonstruktion für Studentenbetten dient sie ebenso wie im Dammbau, wo Europaletten nach einem schwedischen System gegen Hochwasser rasch zu einem schräg geneigten Wall aufgestellt werden. In Augsburg wiederum schaffte es die Europalette zuletzt sogar zum Kunstwerk. Im Rahmen der Bewerbung Augsburgs um die Kulturhauptstadt Europas 2010 errichtete Architekt Andy Brauneis am Augsburger Rathausplatz aus über 4500 Europaletten eine temporäre Bühne, die der Stadt drei Monate als öffentlicher Kunstraum diente. Eine Idee, die beim Deutschen Holzbaupreis 2005 mit dem 3. Preis ausgezeichnet wurde. Die derart geehrten Paletten freilich sind längst wieder als Lastenträger im Einsatz, ebenso wie die 800 Stück, die Andreas Mohr vergangenen Oktober zur Errichtung eines Pavillons im Rahmen des Wettbewerbs und der Ausstellung »handwerk + form« in Andelsbuch im Bregenzerwald verwendet hat.

Text: Fabian Wallmüller
geboren 1974 in Graz
Lebt und arbeitet als Architekt und freier Redakteur in Graz

Fotos
© Peter Goerke, Roswitha Natter

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