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Essay

Die vielen Gesichter der N.

Michael Freund
Erschienen in
Zuschnitt 24: vorläufig nachhaltig
Dezember 2006

Es ist ein altes Lied, und es wird mit immer neuen Strophen gesungen. Es handelt von dem Wunsch zu wachsen und dem gegenläufigen Wunsch, die Dinge zu erhalten, wie sie sind. Um den Appetit auf immer mehr geht es und zugleich um die Sehnsucht nach Ruhe. Auf den Fortschritt will es eine Hymne anstimmen, aber ganz andere Töne erinnern an ein Kindheitsparadies.

Es ist nicht irgendein Lied. Wer es singt, dem geht es um mehr als ein persönliches Anliegen, da schwingt etwas mit, das will die Welt erklären und durch die Erklärung neu sehen. Ein hoher Anspruch. Aber immerhin reden wir hier von einem Phänomen, das tatsächlich in der Rangliste der großen Herausforderungen einen der vorderen Plätze einnimmt – eine so hochphilosophische wie zutiefst wirtschaftliche Angelegenheit, mit der sich ein Privatier in seinen vier Wänden ebenso herumschlägt wie Staatenlenker auf ihren Gipfeln. Wir reden von „Nachhaltigkeit“ und von „nachhaltiger Entwicklung“. Gerade in dieser Kombination ist die Spannung beschrieben zwischen dem Drang nach Expansion und dem Wunsch, sich nicht selber die Wurzeln abzugraben.

Irgendwann in den letzten zwanzig Jahren hat es für die meisten unter uns ein erstes Mal gegeben, dass wir auf diese Begriffe gestoßen sind. In meinem Fall war es ein asiatischer Geschäftsmann, der mir irgendwann in den Neunzigern, während wir am Gate in Schwechat warteten, begeistert von „sustainable business“ und „sustainable economy“ erzählte, und dass er dafür um die Welt jette und bestens von dem neuen Ansatz profitiere.

Dabei war der Terminus keineswegs neu. Vor fast 300 Jahren führte Hans Carl von Carlowitz ihn in die Forstwirtschaft ein, um eine vernünftige Nutzung des Waldes zu beschreiben: Wird derhalben die größte Kunst ⁄ Wissenschaft / Fleiß und Einrichtung hiesiger Lande darinnen beruhen / wie eine sothane Conservation und Anbau des Holtzes anzustellen / daß es eine continuierliche beständige und nachhaltende Nutzung gebe / weiln es eine unentberliche Sache ist / ohne welche das Land in seinem Esse (Wesen) nicht bleiben mag.

„Sustainability“ im Englischen hingegen wird als systemischer Begriff verstanden, der sich auf die Kontinuität ökonomischer, sozialer, institutioneller und Umweltaspekte der Gesellschaft bezieht. Auch die englische Verwendung aber bezieht sich in der Etymologie auf von Carlowitz (siehe en.wikipedia.org).

Nach einer griffigen Definition gefragt, was eine nachhaltige Entwicklung ausmache, antwortet Alfred Strigl, Chef des Österreichischen Instituts für Nachhaltige Entwicklung: „Die Welt unseren Kindern besser zu übergeben, als wir sie selbst von unseren Vätern bekommen haben.“ Damit möchte Strigl eine „babylonische Sprachverwirrung“ auf etwas so Einfaches wie Grundsätzliches reduzieren. Die Übergabe an die Kinder, das ist das Erbe, das über unsere Gene Hinausgehende, das Bestand haben soll. In der Tat, wer ist schon dagegen, dass es den Kindern bzw. der Welt, in der sie leben werden, besser gehen soll? Allerdings ist damit noch nicht die Frage beantwortet, was „besser“ ist. An ihr scheiden sich die Geister, die von Nachhaltigkeit hören. Denn besser für wen und wann und wodurch nachgewiesen, das will man wissen, wenn man zu Gunsten eines höheren Ziels sich beschränkt und in verschiedener Hinsicht einbremst.

„Nachhaltigkeit“ kam, so Strigl, Ende der achtziger Jahre in Gebrauch, als die Brundtland-Kommission eine „nachhaltige Entwicklung“ einmahnte. 1992 dominierte der Begriff fast den un-Weltgipfel für Umwelt und Entwicklung in Rio, der Summit zehn Jahre danach bezog sich schon im Titel „on Sustainable Development“. Und so kam es, dass bald jeder, der auf sich hielt, den Begriff auf seine Fahnen schrieb. Nicht nur der Forstwirt, dessen Familie tatsächlich seit von Carlowitzens Zeiten auf den Gedeih seiner paar Hektar Natur achtet, spricht davon. Auch Ölkonzerne oder Autobauer verweisen gerne darauf, wie sustainable ihre Unternehmensziele sind.

Wir wollen einmal beiseite lassen, dass ihre pr-Budgets in dieser Angelegenheit manchmal größer geraten als die Investitionen in nachhaltigeres Wirtschaften. Auch wenn nachhaltige Entwicklung ernst genommen wird, die Frage, wie man die beiden Welten vereinigen will, bleibt bestehen. Strigl antwortet darauf mit Enthusiasmus: „Nachhaltigkeit, Zukunftsfähigkeit ist Dramatik, Spannung und Abenteuer pur.“ Man schaffe es „mit neuen Lösungen, hoher Lebensfreude und -qualität, mit Witz, Esprit, Phantasie und Lebenslust. Nur so.“

Für Carlo Petrini, den Gründer und Chef von SlowFood, ist nachhaltige Entwicklung möglicherweise ein Widerspruch in sich. Er veranschaulicht es anhand seiner Branche: „Wenn man Landwirtschaft nachhaltig betreibt – wofür ich ja bin –, dann darf man sie nicht der Maxime dauernder Ertragssteigerungen unterwerfen.“ Was dabei herauskomme, seien genau die Lebensmittelskandale, die man vorhersehen konnte.

Optimismus oder Skepsis: Wie wir „Nachhaltigkeit“ sehen, das spiegelt unseren Zugang zur Umwelt überhaupt. Begriffspaare fallen einem dazu ein, die, wie alle Vergleiche, ein wenig schief liegen, aber doch einen Teil der Wirklichkeit erfassen: östliche oder westliche Philosophie, Zukunftsglaube oder Kulturpessimismus, Aktion oder Meditation. Diese Pole zu vereinen, das haben sich Forscher und Wirtschaftstreibende vorgenommen. Natürlich wünscht man sich, dass sie gute Wege finden und sich dafür Zeit nehmen. Darum möchte man ihnen eine schöne „östliche“ Verdrehung einer „westlichen“ Maxime mitgeben: Tu nicht einfach was – sitz da!

Kontakt

DI Dr. Alfred Strigl
Österreichisches Institut für Nachhaltige Entwicklung
Lindengasse 2/12, A-1070 Wien
T +43 (0)1/5246847
office@oin.at
www.oin.at

Text

Michael Freund
  • geboren 1949 in Wien
  • Studium der Psychologie und Soziologie in Wien, Heidelberg und New York
  • Professor für Medienkommunikation an der Webster University Wien
  • Redakteur der Tageszeitung „Der Standard“