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Hand in Hand

Eis- und Minigolfhalle in Salzburg-Bergheim

Norbert Mayr
Erschienen in
Zuschnitt 25: Aber sicher
März 2007, Seite 14ff.

Vor wenigen Jahren entstand am Rande Bergheims – einer Speckgürtel-Gemeinde nördlich der Stadt Salzburg – das gestalterisch dürftige Freibad »Bergxi«. Direkt am Ufer der Fischach diente eine rund 20 mal 40 Meter große Asphaltfläche in warmen Jahreszeiten als Minigolfanlage. Die zusätzliche Verwendung als Eislaufplatz im Winter war ohne Sonnen- und Witterungsschutz nur eingeschränkt und betriebskostenintensiv möglich.

Die sinnvolle Überdachung der Eisfläche realisierte 2005 das Grazer Architektenbüro mfgarchitekten nach mehrmonatiger Planung in drei Monaten Bauzeit. Die beiden Architekten Friedrich Moßhammer und Michael Grobbauer entwickelten gemeinsam mit Tragwerksplaner Johann Riebenbauer eine einfache Holzkonstruktion mit teilweise ausgekreuzten Pendelstützenfeldern, Leimholzdachträgern und einer aussteifenden Dachplatte aus Brettsperrholz.

Die Eislaufplatz-Nutzung war entscheidend für die Wahl des wärmeträgen Materials Holz. Die Kondensatbildung wird durch die natürliche Durchlüftung der Konstruktionsteile bzw. des offenen Hallenraums verringert. Besonnung und abends Kunstlicht im Dachraum tragen dazu bei, dass die offene Holzkonstruktion möglichst trocken und schimmelfrei bleibt. Die sägeraue Behandlung der Deckenelemente aus Fichtenholz erhöht deren Sorptionsfähigkeit.

Die tatsächliche Höhe des Dachtragwerks bei der Querspannweite von 20 Metern ist hinter der rund eineinhalb Meter auskragenden Dachplatte kaum wahrnehmbar. Ein Holzlattenrost lässt ihre Untersicht homogen erscheinen. Die schwebende Wirkung des Daches fördern die statisch freigespielten Ecken und die Reduktion der Stützen auf 24 mal 24 Zentimeter. Diese Holz-Pendelstützen treten als tragende Elemente in den Hintergrund und wirken in die Wandstruktur integriert. Die drei der vier Außenwände mit Sonnenschutz-Elementen präsentieren sich im Duktus offener und geschlossener Flächen, wenn alle raumhohen Schieberahmen – wie manuell leicht möglich – geöffnet sind. Von innen erscheint die mit blaugrauem Polyestergewebe bespannte Hülle durchlässig, manchmal annähernd transparent, zum changierenden Raumeindruck trägt das zentrale Oberlichtfeld bei. Blendungen werden durch den Holzlattenrost als Deckenuntersicht vermieden. Die künstliche Belichtung erfolgt durch Strahler indirekt im Dachraum und direkt auf die Nutzfläche. Die reflektierenden Holzflächen tragen zur warmen Lichttemperatur bei.

Erhöhte Sicherheit durch Eliminierung potenzieller Fehlerquellen

Wenige Monate nach der Eröffnung – am 2. Jänner 2006 – ereignete sich in der Eislaufhalle in Bad Reichenhall im benachbarten Bayern eine Tragödie. Beim Einsturz des Hallendachs starben 15 Menschen. Das Unglück setzte eine Diskussion hinsichtlich der Gewährleistung der Sicherheit von Hochbauten in Gang, die Bevölkerung war sensibilisiert. Die Schneefälle mit entsprechenden Lasten auf den Dächern führten Anfang Februar 2006 auch zu besorgten Anrufen in der Gemeinde Bergheim. Die Dachränder der Halle wurden abgeschaufelt – »nicht wegen Einsturzgefahr«, wie der Amtsleiter der Gemeinde Anton Zitz betont, »sondern vorbeugend«.

Nachdem beobachtet worden war, dass sich die 20 Meter überspannenden Träger um ca. 5 cm durchbogen, kontaktierte man Johann Riebenbauer:

»Die veränderlichen Lasten wurden nach den damals gültigen ÖNORMEN berechnet und mit insgesamt ca. 1,6kN/m² angesetzt. Damals war in den veränderlichen Lasten noch eine »Instandsetzungslast« enthalten, unter der sich das Tragwerk ca. 5 cm verformen darf. Die geltenden neuen ÖNORMEN ergeben eine Schneelast von ca. 1,8kN/m², eine Nutzlast für Instandsetzungsarbeiten ist nun mit der Schneelast nicht mehr zu überlagern. Das bedeutet gegenüber der Volllast eine nur ca. 9-prozentige Erhöhung.« Diese Überschreitung der zulässigen Lasten ist laut Riebenbauer für diese Tragstruktur bezogen auf das im Holzbau laut Norm vorhandene Sicherheitsniveau unbedeutend.

Generell gilt im Bauwesen ein Sicherheitsniveau von ca. 100 bis 150%, also mindestens das Doppelte der zulässigen Grenzwerte. Dieses Sicherheitsniveau deckt nicht genau bestimmbare Randbedingungen wie Unsicherheiten bei den Lastannahmen, Ausführungsungenauigkeiten, Materialfehler u.a.m. ab. Bei einer weitgehenden Reduktion dieser Fehlerquellen könnte im Extremfall fast die doppelte Schneemenge am Dach sein, ohne dass – so Riebenbauer – das Tragwerk einstürzen dürfte. Daher stellt ein nach den alten Lastnormen richtig bemessenes und auch richtig ausgeführtes Tragwerk bei nunmehr höheren Schneelasten (bis ca. 50% Überlast) kein Problem dar. Ein Tragwerk könnte sich nur etwas mehr als sonst üblich verformen und möglicherweise zu Rissen bei Gipskartonanschlüssen etc., nicht aber zum Einsturz des Tragsystems führen.

System, Herstellung und Montage

Übereinander gestapelte Bauelemente sind wesentlich fehlerresistenter als komplexe Tragstrukturen mit aufwändigen Knotenausbildungen und Anschlussdetails. Das Tragsystem der Halle in Bergheim verringert Fehlerquellen und Unsicherheiten: Die Dachplatte wurde auf die Träger gelegt, diese wiederum auf die Stützen aufgesetzt. Beim Aufeinanderlegen kann man bezüglich der Ausführung eigentlich keine Fehler machen. Bei richtiger Trägerdimensionierung ist – so Riebenbauer – das Bauwerk »mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit auch für höhere Schneelasten ausreichend sicher«.

Beim Hallendach in Bergheim würde z.B. das Versagen eines einzelnen Hauptträgers nicht zum Einsturz der Halle führen, da die darüber liegenden Brettsperrholz-Dachplatten als Durchlaufträger ausgebildet worden sind. Im Falle des Versagens eines Trägers oder einer Stütze würden sich die Dachlasten auf die Nachbarträger umverteilen. Der »gebrochene« Träger würde an den Dachplatten hängen bleiben und nur kleine Teile würden von der Decke fallen. Ein Gesamteinsturz der Halle ist damit sehr unwahrscheinlich. Somit erhöht auch die Wahl des Tragsystems die »Gesamtsicherheit«.

In manchen Ländern wie z.B. England ist bei mehrgeschossigen oder öffentlich genutzten Gebäuden beim Versagen von Einzelbauteilen eine Begrenzung des Einsturzbereichs vorgeschrieben. Auch in Bergheim wurde dieses Prinzip umgesetzt. Johann Riebenbauer verwendet es abhängig von der Wichtigkeit der Gebäude und den Realisierungsbedingungen: »Die Ausführungsqualität ist in Österreich leider sehr unterschiedlich. In Ausschreibungen oft geforderte Werk- und Montagepläne gibt es meist nicht oder werden aus Termin- und Kostengründen eingespart. Wie die Struktur aber vor Ort ausgeführt werden soll, ist den Monteuren dann nicht wirklich klar und sie arbeiten eher nach Gefühl bzw. wie sie es eben ‚schon immer gemacht‘ haben. Hier kann mit der Wahl der Bauelemente und des Tragsystems gegengesteuert werden. Auch bei Statikerleistungen werden häufig nur grobe Vorbemessungen bezahlt, um Honorar zu sparen. Die Verantwortung wird hier oft an Firmen übertragen (versteckt in den Vorbemerkungen von Ausschreibungstexten), die sich der Problematik und Verantwortung gar nicht richtig bewusst sind. Die Zimmermeisterausbildung ist viel zu kurz, um hier alle baupraktisch vorkommenden Fälle abdecken zu können, und wie oft ist der Zimmermeister selbst auch schon vor Ort, um die Ausführung zu kontrollieren?« Die Leichtigkeit der Tragstruktur lässt Fehler während der Ausführung nicht zutage treten, die Personen- oder Schneelasten sind aber oft ein Vielfaches des Eigengewichts. So zeigen sich manche Ausführungsfehler auch erst nach Jahren und bei gegenüber den Normen geringeren Lasten.

»In Bergheim ging die Zusammenarbeit aller Beteiligten bis ins Detail Hand in Hand und man konnte sich mit dem Statiker auf gute Lösungen einigen, ohne das architektonische Konzept zu verlassen«, betonen die Architekten, und Riebenbauer ergänzt: »Bei einem ordentlichen Planungsablauf mit richtig verteilten Verantwortungen können gravierende Fehler mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit vermieden werden.« Daher sollten bei großen Tragwerken von der ausführenden Firma nicht gleichzeitig die statischen Berechnungen durchgeführt werden, auch wenn dies für den Auftraggeber finanziell am günstigsten zu sein scheint, weil die nötige fachkundige Kontrollinstanz fehlt. Es ist sogar sinnvoll, bei komplexeren Tragstrukturen einen dritten Fachmann beizuziehen, denn es gilt einen Aspekt zu minimieren: »Absolut sicher ist im Bauwesen leider nichts!«

Die Sichtbeziehungen zu Umfeld und Landschaft werden von der flexiblen Anordnung der textilbespannten Schieberahmen bestimmt.
Preisträger: Architekturpreis des Landes Salzburg 2006

Planung

mfgarchitekten
Fritz Moßhammer und
Michael Grobbauer
Hilmteichstraße 13
A-8010 Graz
T +43 (0)316/890382
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www.mfgarchitekten.at

Statik

DI Johann Riebenbauer
JR-Consult ZT GmbH
Wastiangasse 1
A-8010 Graz
T +43 (0)316/720377
office@jrconsult.at
www.jrconsult.at

Holzbau

Natur Holzbau GmbH
Schober Holzhaus
Frauscherberg 8
A-5211 Friedburg
T +43 (0)7746/2486
office@schoberhaus.at
www.schoberhaus.at

Normen
www.on-norm.at

 

  • ÖNORM EN 1991-1-3
    Eurocode 1: Einwirkungen auf Tragwerke – Teil 1-3: Allgemeine Einwirkungen – Schneelasten, 2005-08-01
  • ÖNORM B 1991-1-3
    Eurocode 1 – Einwirkungen auf Tragwerke – Teil 1-3: Allgemeine Einwirkungen – Schneelasten – Nationale Festlegungen zur ÖNORM EN 1991-1-3, nationale Erläuterungen und nationale Ergänzungen, 2006-04-01
  • ÖNORM B 4000
    Einwirkungen auf Tragwerke – Allgemeine Berechnungsgrundlagen für den Hochbau und Anwendungsregeln für Eigengewichte, Lagergüter, Nutzlasten im Hochbau, Schnee- und Eislasten, 2006-01-01
  • ÖNORM B 4013 Belastungsannahmen im Bauwesen – Schnee- und Eislasten, (zurückgezogen mit 2006-01-01)

Fotos
© Paul Ott

Text

Norbert Mayr
  • Studium der Kunstgeschichte, Archäologie und Philosophie
  • freier Architekturhistoriker und -publizist, Stadtforscher
  • seit 1984 Aufbau eines Architekturarchivs mit Schwerpunkt Salzburg
  • Forschungs-, Publikations-, und Kuratorentätigkeit
  • Vorträge, Lehrtätigkeit, Kommentare und Beiträge in Fachzeitschriften und Büchern
  • Zuletzt erschienen: »Stadtbühne und Talschluss–Baukultur in Stadt und Land Salzburg«, Otto Müller, 2006