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Unter Strom

Holzbau für die neue Passerelle des Bahnhofs Bern

Christian Holl
Erschienen in
Zuschnitt 25: Aber sicher
März 2007, Seite 10f.

Holzbau für die neue Passerelle des Bahnhofs Bern

Mit dem neuen Taktfahrplan, der im Dezember 2004 im Rahmen des Projekts »Bahn 2000« in der Schweiz eingeführt wurde, musste mit einer Verdoppelung der Fahrgäste für den Bahnhof Bern gerechnet werden. Längere Züge im rascheren Wechsel erforderten die Verlängerung der Bahnsteige, weshalb auch der zweite Zugang zu den Gleisen westlich des Hauptbahnhofs, dort, wo die Gleise unter der Bebauung und der Schanzenbrücke ans Tageslicht kommen, nicht mehr das bleiben konnte, was er bislang war: ein schmaler, unattraktiver Notzugang, ungemütlich beleuchtet, mit dem Charme einer Unterführung. Mit der neuen Passerelle gelang es den Architekten, ihn zu einem großzügigen, hellen, übersichtlichen und eleganten Raum zu nobilitieren.

Die Welle

Den vor dem Bahnhof abgebremsten Verkehrsfluss in einer sich aufwölbenden Welle symbolisierend, verbindet nun ein Dach aus geschwungenen Holzträgern mit Aluminiumeindeckung die verlängerten Bahnsteige mit einer neuen, quergelagerten Brücke, von der aus die Bahnsteige erschlossen werden. Insgesamt wurden sechs Bahnsteige unterschiedlicher Länge und variierender Breite überdacht, jeweils gegliedert in einen Bereich der Welle, also des tatsächlich geschwungenen Trägers über der Passerelle, und einen flachen Abschnitt auf dem Bahnsteig. Die Konstruktion der Dächer und deren Abstützungen sind weitgehend durch die Geometrie der Gleisanlage bestimmt. Jeder Bahnsteig hat eine andere Form, außerdem sind die verschiedenen Höhen auf der Schanzenbrücke dafür verantwortlich, dass auch im Schnitt kein Dach dem anderen gleicht. Um die Klarheit der Form beizubehalten, vollständigen Witterungsschutz zu gewährleisten und gleichzeitig den durch die Holzuntersicht atmosphärisch angenehmen Raum offen und übersichtlich zu gestalten, wurden die Zwischenräume auf der Brücke mit Glas überdacht.

Montage unter Spannung

Aufgrund der zur Verfügung stehenden Bauzeit von lediglich neun Monaten wurde während des laufenden Bahnbetriebs umgebaut. Die meisten Bauteile wurden vorgefertigt und in kurzer Zeit, oft während der Nacht und teilweise zwischen fahrenden Zügen und stromführenden Leitungen, montiert. Unter diesen Umständen musste das Risiko für einen Unfall durch Stromschlag aus Sicherheitsgründen minimiert werden, weshalb man sich für eine Konstruktion aus Holz entschied.

 

Holzbau für die neue Passerelle des Bahnhofs Bern

Holzbau für die neue Passerelle des Bahnhofs Bern

Planung

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Neuengasse 41
CH-3011 Bern
T +41(0)31/312 96 00
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Statik

Conzett, Bronzini, Gartmann AG
Bahnhofstrasse 3
CH-7000 Chur
T +41(0)81/258 30 00
cbg@cbg-ing.ch
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Holzbau

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Schlossstrasse 3
CH-4133 Pratteln
T +41(0)61/826 86 86
info@haring.ch
www.haring.ch

Holzbau für die neue Passerelle des Bahnhofs Bern - Planskizzen

Fotos

© Dominique Uldry (Bild2), Thomas Jantscher

 

Literatur

Die Welle von Bern – Ein Westportal für den Bahnhof; Hubertus Adam; Fotos von Dominique Uldry; 56 Seiten; Niggli, Sulgen 2006; ISBN 978-3-7212-0606-7; €24,70

Holz – Große Tragwerke; Konstruktion, Architektur, Detail; Christian Holl, Klaus Siegele; DVA, München 2006; 192 Seiten; ISBN 3-421-03584-9, €92,50

 

Text

Christian Holl
  • Autor und Partner von frei04 Publizistik
  • Studium der Architektur in Aachen, Florenz und Stuttgart
  • zahlreiche Lehraufträge
  • seit 2007 Kurator und Mitglied der architekturgalerie am weißenhof
  • seit 2010 Geschäftsführer des BDA Hessen

www.frei04-publizistik.de

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