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Atelier van Lieshout

Stefan Tasch
Erschienen in
Zuschnitt 26: Handwerk
Juni 2007, Seite 32

The Disciplinator

AVL– diese drei Buchstaben lassen jeden aus der Wirtschaft Kommenden zuallererst an die in Graz ansässige Anstalt für Verbrennungsmotoren denken. An dieser Stelle stehen sie jedoch für das Atelier van Lieshout, ebenfalls Erzeuger von Motoren, allerdings nicht technoider Bauart, sondern in gesellschaftspolitischem Sinne.

1995 von Joep van Lieshout gegründet, befindet sich das Atelier in der Hafengegend von Rotterdam und bildet dort eine Arbeits- und Lebensgemeinschaft, die sich über ein genau definiertes Regelwerk organisiert. Die vielschichtige Arbeitsweise dieses Atelierkollektivs lässt sich am besten dort beschreiben, wo Architektur, Design und Lebenskonzeption aufeinandertreffen. Hergestellt wird alles, was einer autonomen Lebensweise dienlich ist: von kleineren Einheiten wie Tischen, Regalen oder Küchenblöcken bis hin zu größeren Sanitäreinrichtungen inklusive komplexer Klär- und Biogasanlagen. Ziel ist die absolute Unabhängigkeit von außen, die aber nicht durch utopische Manifeste erreicht werden soll, sondern mittels reeller wirtschaftlicher Strategien.

Joep van Lieshout: »Der einzige Weg zur Freiheit ist viel Geld.« Den künstlerischen Durchbruch hatte van Lieshout schon 1989 mit seiner ersten Möbelserie, »Collection 1989«, geschafft. Die eingesetzten Grundmaterialien Holz und Polyester bilden auch heute noch die werkstoffliche Basis seiner Arbeiten. 1994 kam es zur international viel beachteten Zusammenarbeit mit Rem Koolhaas und dessen »Office for Metropolitan Architecture«. Für das Grand Palais Lille entwarf Joep van Lieshout Bars und Toilettenanlagen und legte damit den Grundstein für weitere Großaufträge im architektonischen Bereich. In weiterer Folge entstanden auch mobile Wohneinheiten, die sogenannten »Mobile Homes«, sowie Handbücher, in denen er die Herstellung von leichten Holzbauwerken und Objekten aus Polyester anschaulich erklärt. Höhepunkt der autonomen Zielsetzungen war die Gründung des Freistaates »AVL-Ville« im Jahr 2001.

Mit eigener Währung, eigener Verfassung und Stromerzeugung sowie funktionierendem Krankenhaus war »AVL-Ville« völlig autonom, bis es die Rotterdamer Stadtverwaltung ein Jahr später schließen ließ. Dieser externe Eingriff durch die Politik bedingte eine Zäsur im Werk des Ateliers van Lieshout. Nicht das Freiheitsideal war von nun an Inhalt der Arbeiten, sondern das Diktat der restriktiven Systeme sowie Repression und Unfreiheit. Vor diesem Hintergrund entstanden die 2003 und 2005 entwickelten Werkblöcke »The Disciplinator« und »The Technocrat«. »The Disciplinator« ist eine käfigartige Konstruktion aus Stahl und Holz, in der 72 Insassen arbeiten, schlafen, essen und dabei einem schroffen Zeitplan unterliegen, einzig zu dem Zweck, Sägemehl aus vier Baumstämmen herzustellen.

Durch die vorgegebenen Ressourcen (es gibt nur 36 Feilen und 24 Betten) sind die Arbeitsabläufe zwangsbestimmt und wird der Schichtbetrieb, der die Baumstämme rund um die Uhr bearbeiten soll, erzwungen. Das Atelier van Lieshout will diese Werkblöcke bewusst als Gegenstück zu seinem bisherigen Schaffen verstanden wissen, das durch selbstgewählte und selbstorganisierte Arbeitsteilung bestimmt war, ehe es durch den Staat unterbunden wurde. Thematisiert werden immanent auch die globalen Zwänge, die handwerkliche Qualität und arbeitsrechtliche Mindeststandards durch industrialisierte Arbeitsabläufe ohne soziale Absicherung ersetzen.

Atelier van Lieshout

1995 gegründet von Joep van Lieshout, Rotterdam
1980–85 Academy of Modern Art, Rotterdam
1985–87 Ateliers ’63, Haarlem
1987 Villa Arson, Nizza

Einzelausstellungen (Auswahl)

  • 2007 Gallery show at Gallery Bob van Orsouw, Zürich
    Atelier van Lieshout, MARCO, Rom
  • 2006 Atelier Van Lieshout, Central del Arte, Guadalajara/Mexiko
  • 2005 »Der Disziplinator«, MAK Wien

Gruppenausstellungen (Auswahl)

  • 2007 Contour, Museum Prinsenhof, Delft
  • 2006 Shanghai Biennale
  • 2000 »LKW«, Kunsthaus Bregenz
  • 1999 »Get together«, Kunsthalle Wien

Text

Stefan Tasch
Studium der Kunstgeschichte in Wien und Edinburgh, Arbeit in verschiedenen Museen und Galerien 

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