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Mit dem Stenz auf der Walz

Claudia Hubmann
Erschienen in
Zuschnitt 26: Handwerk
Juni 2007, Seite 27

Mit solchen Schlaghosen hätte man in Woodstock bestimmt Furore gemacht. Satte 70 Zentimeter misst die Cordhose, die den zünftigen Zimmerer auf der Walz bekleidet, im Durchschnitt an ihrem glockenförmigen Saum. Damit liegt die voluminöse Pracht eindeutig am entgegengesetzten Ende der aktuellen, von engen Jeansröhren regierten Beinweitenskala. Aber mit flüchtigen Modetrends braucht sich der Geselle auf seiner dreijährigen Wanderschaft ohnehin nicht herumzuschlagen, denn etwaige fashionable Verirrungen lässt die traditionelle Kluft der Handwerker erst gar nicht zu. Hat die Walz nämlich einmal richtig begonnen, ist man – ohne eigenes Fahrzeug – zu Fuß oder höchstens per Autostopp unterwegs, Bahnfahren gilt als verpönt. Und spätestens dann erweist sich eine knappe Garderobe als durchaus sinnvoll. Aus diesem Grund ist die Bekleidung seit jeher streng reglementiert.

So hat unter dem schwarzen Samtanzug mit Weste stets ein blütenweißes, kragenloses Hemd hervorzublitzen. Dass dieses »Staude« heißt, verwirrt nur die Uneingeweihten. Schließlich stützt sich der Zimmerer beim Gehen auf den »Stenz«
, einen gewundenen Stock, und trägt als wichtiges Accessoire seine »Ehrbarkeit«, ein schmales, krawattenähnliches Stück Stoff, um den Hals. Die paar mitgeführten Habseligkeiten werden, statt in einer Umhängetasche, in einer leinernen Reiserolle mit der schönen Bezeichnung »Charlottenburger« verstaut. Den Kopf des Wanderers schützt der charakteristische »Obermann«, ein breitkrempiger Schlapphut, an den Füßen sind mittlerweile sogar schwarze Laufschuhe erlaubt.

Als obligater Schmuck wird eine vor der Weste quergespannte Zunftuhrkette getragen, an der die an den verschiedenen Wegstationen gesammelten Wappen baumeln. Ein weiteres Schmuckstück ziert das linke Ohr des Zimmerers: Der goldene Ohrring sollte ursprünglich dazu dienen, dem Walzenden gegebenenfalls ein anständiges Begräbnis ausrichten zu können. Dass heute noch nach altem Brauch für das Loch ein Nagel durch das Ohrläppchen geschlagen wird, klingt barbarisch, bereitet den Gesellen allerdings auch recht adäquat auf die Entbehrungen seiner langen Reise vor.

 

Text

Claudia Hubmann
arbeitet als Journalistin im Bereich Musik/Kultur/Mode in Wien
seit 1998 Redakteurin bei www.hauptstadt.at
seit 2005 Moderedakteurin bei »INDIE Magazine«

Links
• Rechtschaffene auf Wanderschaft
• Wanderjahre auf Wikipedia

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