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Werkstück statt Stückwerk – Zwei Initiativen des werkraum bregenzerwald: »handwerk im unterricht« und »kinderbaustelle«

Gabriele Kaiser
Erschienen in
Zuschnitt 26: Handwerk
Juni 2007, Seite 18f.

Zwei Initiativen des werkraum bregenzerwald:
»handwerk im unterricht« und »kinderbaustelle«

 

Es ist immer ein gutes Zeichen, wenn die Fürsprecher der Dinge die Dinge selbst sind: Das bekanntlich hohe Niveau der Handwerkskultur im Bregenzerwald lässt sich vielleicht auch daran ermessen, dass man sich hier vor allem über qualitative Erzeugnisse und nicht so sehr über ideologische Abgrenzung gegenüber dem Feindbild »anonyme Massenproduktion« definiert. Auf die Gefahr hin, aus »östlicher« Perspektive das kollaborative Produktionsmilieu im Bregenzerwald zu beschönigen: Das Zusammenspiel zwischen Architektur und Handwerk, Konzeption, Konstruktion und Umsetzung scheint in dieser Region (noch oder wieder) auf Basis eines profunden Werk- und Materialverständnisses auf beiden Seiten zu funktionieren. Was anderswo die Ausnahme ist, kann dann als Regelfall gelten: Weder müssen sich Handwerker mit werkstoffwidrigen Phantasien von Architekten oder Designern herumschlagen, noch die Architekten mit schlecht ausgebildeten, schematisch agierenden Handwerkern. Dieser kooperative und zugleich eigenverantwortliche Umgang mit dem herzustellenden Produkt ist Teil einer Handwerkskultur, die es gilt, mit anderen Fertigkeiten der Profession an die nächste Generation weiterzugeben. Die Förderung des Nachwuchses in handwerklichen Lehrberufen zählt daher auch zu den zentralen Anliegen des werkraum bregenzerwald, einer 1999 gegründeten, derzeit rund 80 Mitglieder umfassenden Branchenplattform für das Neue Handwerk, die mit überregional rezipierten Aktivitäten (Ausstellungen, Wettbewerben, Publikationen) auf die Produktivität der Region hinweist. Noch vor wenigen Jahren waren Jugendliche scharenweise ins Rheintal abgewandert, wo die Berufsaussichten günstiger schienen, doch inzwischen können viele Betriebe im Bregenzerwald wieder ein auch für den lernleistungsstarken Nachwuchs interessantes Betätigungsfeld bieten. Auch wenn man angesichts von jährlich sinkenden Lehrstellen eine Krise des Handwerks konstatieren kann (siehe Interview mit Egon Blum), haben sich viele Sparten im Bregenzerwald – allen voran die holzverarbeitenden Betriebe – ein breites Kompetenzspektrum zwischen Low- und Hightech erarbeitet, das ohne hochqualifizierte Fachkräfte nicht zukunftsfähig wäre.

Unter dem Titel »handwerk im unterricht« hat der werkraum bregenzerwald 2004 daher ein Workshopprogramm gestartet, im Zuge dessen Jugendliche der 3. und 4. Klasse Hauptschule in lokalen Handwerksbetrieben eigenhändig Werkstücke (Stifteboxen, Kerzenständer, Weinregale, Sitzsäcke, Klapphocker, Nussknacker, Stelzen, Wanduhren, Holzböcke etc.) herstellen können. Kern dieses Vermittlungsprogramms ist die Güte und Brauchbarkeit der Werkstücke, die kostengünstig und im definierten Zeitrahmen herstellbar sein, aber auch ein hohes gestalterisches und handwerkliches Niveau aufweisen sollen.

Für die konzeptuelle Vorbereitung von »handwerk im unterricht« erweist sich auch hier das vernetzte Know-how von Handwerksbetrieben und Architekten als solide Basis. Schülerinnen und Schüler nehmen das Angebot mit Begeisterung auf: Sie können in einer Art Schnupperlehre praktische Erfahrungen in einem bestimmten Berufszweig sammeln, in die spezifische Atmosphäre eines Betriebs eintauchen, dessen Struktur kennenlernen und eigene Fertigkeiten unter den kundigen Augen eines »Meisters« erproben. Und sie nehmen schließlich einen eigenhändig hergestellten Gebrauchsgegenstand mit nach Hause, mit dem sie sich in hohem Maße identifizieren.

Diese positive Erfahrung kann nicht nur ausschlaggebend sein für die Berufsentscheidung der Jugendlichen, sondern auch von Nutzen für den Handwerksbetrieb, da Lehrlingsausbildner in der direkten Arbeit am Werkstück mit motivierten Talenten Kontakt knüpfen. Dass diese Workshops wichtige Impulse setzen, beweist die hohe Nachfrage – mit rund 60 Veranstaltungen bilanzierte der werkraum bregenzerwald allein im ersten Jahr. Und nicht selten hört man einen Schüler, eine Schülerin am Ende eines Workshops sagen: »Das war super. Da möchte ich die Lehre machen.«

Mit großem Eifer gingen im Frühjahr 2007 auch Schülerinnen der Hauptschule Alberschwende ans Werk, als sie in der Tischlerwerkstatt Raimund Dür in Alberschwende (sowie in drei anderen Betrieben der Region) einen Hocker bzw. Beistelltisch fertigten, unterstützt von ihrer engagierten Lehrerin (die Schnupperlehre fand in diesem Fall im Rahmen des Religionsunterrichts statt), der Architektin Heike Schlauch/raumhochrosen und nicht zuletzt vom werkstückbetreuenden Tischler. Die Grundform des Hockers/Tischchens ist einem Blütenblatt nachempfunden, das als Einzelstück ebenso funktioniert wie als »Blume« im Klassenverband. Art des Holzes und Details der Konstruktion bzw. der Ausschmückung konnten die Mädchen selbst bestimmen, und so nahmen die »artverwandten« Einzelstücke nach und nach Gestalt an. Das Ergebnis kann sich sehen lassen – hier wurde nicht gebastelt, sondern in richtiger Handwerkstechnik gefertigt. Es wurde zugeschnitten, geschliffen, geleimt, geölt. Und in der prüfend über die gehobelte Oberfläche streichenden Hand blitzte hier und dort das Geschick einer werdenden Tischlerin auf.

Für den jüngeren Nachwuchs, für Kinder von fünf bis zwölf Jahren, wo es naturgemäß noch nicht um Hilfestellung bei der Berufsentscheidung, sondern um den spielerischen Umgang mit den Werkstoffen Erde, Holz, Metall, Wasser und Farben geht, bietet der werkraum bregenzerwald zudem die von Heike Schlauch konzipierte »kinderbaustelle« an. Auch diese Element-Werkstätten schöpfen spielend/spielerisch aus der profunden Handwerkskultur des Bregenzerwaldes. Beleg dafür sind nicht zuletzt die soliden, den jeweiligen Werkstätten beigestellten Holzkisten, die sämtliches Werkzeug und die wiederverwendbaren Materialien enthalten. Der Umgang mit dem richtigen Werkzeug am richtigen Material kann schließlich gar nicht früh genug erprobt werden.

Text:
Gabriele Kaiser
geboren 1967
Architekturpublizistin in Wien
1996–2000 Redakteurin bei architektur aktuell
2000–2003 Lehrauftrag an der Universität für angewandte Kunst in Wien
seit 2002 Redaktion des »Architektur Archiv Austria«, der online-Datenbank des Architekturzentrum Wien
seit 2003 Mitarbeit am Band III/3 des Führers »Österreichische Architektur im 20. Jahrhundert« von Friedrich Achleitner
zahlreiche Textbeiträge in Ausstellungskatalogen und Fachmagazinen mit Schwerpunkt österreichische Architektur nach 1945


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