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Außen hui und innen auch voll super

Esther Pirchner
Erschienen in
Zuschnitt 28: Papier ist Holz
Dezember 2007, Seite 13

Sitzen kann man darin nicht: eine Abendrobe aus schmalen weißen Papierstreifen, die sich wie große Luftschlangen um den Körper ringeln, entworfen vom brasilianischen Designer Rafael Gomes. Abgesehen davon erfüllt das Kleid jedoch nahe- zu alle Anforderungen, die an eine gute Verpackung gestellt werden: Sie muss ihren Inhalt schützen und nicht zu sehr beschweren, flexibel formbar und billig herzustellen sein, das Verpackte gut zur Geltung bringen, umweltschonend pro- duzierbar und nach Gebrauch wiederverwertbar sein–kurz: Sie muss alles können, was auch Papier kann.

Kein Zufall also, dass Papier bzw. Karton und Pappe zu den meistverwendeten Verpackungsmaterialen gehören, dass sie von rohen Eiern bis zu schwerem Gerät alles umhüllen, was an einem Ort gelagert oder an einen anderen verbracht werden soll. Angepasst an die zu verpackenden Güter und Transportbedingungen wird das Material gefaltet, geheftet, gegossen, gepresst, gewellt, geklebt, gebogen, geknickt, geschnitten, gestanzt oder mit anderen Materialien verbunden. Im Fall der erwähnten Eier beispielsweise kommen Faserformteile aus Altpapier zur Anwendung, die aus Papierbrei hergestellt werden. Dieser strömt durch einen geformten Siebkörper, die Fasern lagern sich am Sieb an und bilden ein feuchtes Vlies, das nur noch getrocknet werden muss. Seine glatte Oberfläche erhält der Eierkarton durch beheizte Pressen, seine Zähigkeit schirmt den Inhalt vor Stößen und Druck ab: Bis zu fünf Mal sechs Lagen von »Höckern« können übereinandergestapelt werden, ohne dass die wertvolle Einlage zu Bruch geht. Was dem Ei guttut, das kann auch anderen stoßempfindlichen Gütern nicht schaden. Deshalb finden Faserformteile auch zunehmend Verwendung, um Früchte, Flaschen, elektronische Geräte, Platinen, Tuben, Chemikalienbehälter u.Ä. beim Versand zu stabilisieren. Das Drumherum ist freilich meist von (Well)Pappe, die weltweit 70 Prozent der im Transportwesen verwendeten Papierverpackungen ausmacht. Das gewellte und durch Verkleben mit einer oder mehreren Papierschichten versteifte Material wurde bereits in den 1870er Jahren erfunden, weite Verbreitung fand es aber erst im und nach dem Zweiten Weltkrieg. Zuerst von den Alliierten als geschlitzte Schachtel für den Transport von militiärisch-technischem Gerät eingesetzt, wurde es in der Nachkriegszeit zum care-Paket. Seit den 1960er Jahren wird Wellpappe automatisch geschlitzt, gefaltet und verschlossen. Die Verwendung von Stanzen und die Möglichkeit, die Außenhaut in hoher Qualität zu bedrucken, haben die einst unauffällige Hülle zum Informations- und Werbeträger gemacht. 55 Prozent sind heute nicht mehr geschlitzte, sondern gestanzte Schachteln, als passendes Behältnis ummanteln sie alles – vom Schächtelchen mit 1,2mm Wandstärke bis zur tonnenschweren Ladung, die in Kisten aus mehrschichtiger Wellpappe mit einer Wandstärke von 13 bis 20mm Platz findet. Mit der Größe der Wellenamplitude wachsen die Polstereigenschaften und der Kantenstauchwiderstand, nur die Bedruckbarkeit verringert sich.

An ihre Grenzen stoßen Verpackungen aus Wellpappe erst dann, wenn sie dauerhaft der Nässe ausgesetzt sind. Auf heutigen Transportwegen geschieht dies zwar nur mehr selten, doch feuchte Gegenstände und Flüssigkeiten können in Wellpappe nicht transportiert werden – es sei denn, sie sind zuerst von einem anderen Bestseller der Papierverpackung umhüllt, dem Tetra Pak. Im Tetra Pak gehen Papier, Polyethylen und – bei aseptischen Modellen – Aluminiumfolie eine Verbindung ein, die Schutz vor Licht und Sauerstoff und eine große Bandbreite an Gestaltungsmöglichkeiten garantiert. Die schwedische Marke ist seit 1952 Synonym für die bunten Getränkekartons in Tetraederform, von denen bisher 145 Milliarden Stück verkauft wurden. Zum pyramidalen Milchbehälter gesellten sich mit der Zeit andere Formen und Inhalte. In die Ziegel und sonstigen Quader werden mittlerweile auch Säfte, Wein, Wasser, Fertigmahlzeiten, Eiscreme und Käse eingefüllt. Weitere Einsatzmöglichkeiten des Materials wurden 2003 in einem Designwettbewerb erprobt. Unter den Ergebnissen befanden sich ein Pannen-Set für Motorradfahrer, ein Spielzelt, Blumentöpfe, ein Mülleimer und ein Fahrradkorb – nicht aber ein Kleid. Auch in dem hätte man wohl nicht sitzen können.

Verpackte Details

Was man nicht sieht: So gut wie jedes Erzeugnis der österreichischen Autozulieferindustrie wird zum Transport verpackt – hauptsächlich in Wellpappe. Ähnlich verhält es sich mit vielen anderen Produkten: feinmechanische Geräte, Telefone, Computer, Gläser, Möbel, Sport- und Freizeitartikel, Haushaltsgeräte... Sie alle werden in Kartonschachteln, Faserformteile, Papiere etc. gewickelt, gehüllt und gepackt.

In Zahlen: Der österreichische Papier-Verpackungssektor erwirtschaftete 2006 einen Umsatz von 850 Mio Euro. 37,5% aller produzierten Verpackungen waren aus Papier, Pappe oder Karton, der Rest aus Kunststoff, Metall, Glas und Holz. Der Anteil des Wellpappe-Zweigs der papiererzeugenden Industrie betrug 26,5%. Gemeinsam mit anderen Verpackungsprodukten aus Papier ergibt sich ein Produktionswert von 52,8% der gesamten Papiererzeugung. Insgesamt wurden in Österreich 448.429t Wellpappe produziert, wovon 191.559t in den Export gingen. Der Importanteil betrug 93.361t. Wichtigste Wellpappe-Abnehmer in Österreich sind mit fast 40% die Nahrungs- und Genussmittel- sowie die Tabakproduzenten. Insgesamt wurde in Europa die unglaubliche Menge von 21,928.000t Wellpappe erzeugt.

Fachverband der Papier- und Pappe verarbeitenden Industrie Österreichs
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www.wellpappe.at

Text
Esther Pirchner
geb. 1967 in Innsbruck
seit 1990 freiberuflich Journalistin v.a. im Bereich Kultur, Lektorin und Autorin von Programmheften

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