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Faltungen

Von traditionell bis experimentell

Eva Guttmann
Erschienen in
Zuschnitt 28: Papier ist Holz
Dezember 2007, Seite 26

Man nehme ein Blatt Papier und falte daraus: eine Brücke, eine Blume, Paul McCartney, King Kong, einen Schwan und ein Schwein, einen Hut, ein Schiff, ein Flugzeug, ein Haus, den Eiffelturm, ein Kuvert, die ganze Welt und tausend andere Dinge.

Ganz klassisch

Die wohl bekannteste Art des Papierfaltens entstand zuerst in China und wurde von den Japanern zur Kunst des Origami weiterentwickelt. Die Grundausstattung besteht aus einem quadratischen Blatt Papier, ein- oder zweiseitig gefärbt bzw. gemustert. Ohne zu schneiden oder zu kleben werden je nach Modell mehr oder weniger aufwändige Figuren geformt und wer tausend mal den »Kranich« faltet, dem ist ein langes, friedvolles Leben angeblich sicher. Weniger bekannt ist die Tatsache, dass auch in Japan die Kunst des Origami am Verschwinden war, ehe Ende des 19.Jahrhunderts der Kindergarten nach deutschem Vorbild eingeführt wurde. Dessen Begründer, Friedrich Fröbel, hatte das Papierfalten als erzieherische Maßnahme in sein Konzept integriert, wodurch es auch in Japan wiederbelebt wurde. Heute gibt es auf der ganzen Welt Vereine, die sich dem Origami verschrieben haben und nicht nur die überlieferten Figuren falten, sondern ständig neue Techniken und Formen erfinden, mit denen vom Hamster über das Telefon bis zum Jedi-Meister Yoda alles gefaltet werden kann.

Nicht gar so klassisch, dafür beweglich

Wer Schere und Klebstoff nicht von vornherein ablehnt, dem öffnet sich ein weiteres Feld des Papierfaltens: die Erzeugung von Papierautomaten. Dabei handelt es sich um bewegliche, dreidimensionale Figuren, Gebäude oder Maschinen wie zappelnde Fische, radelnde Weihnachtsmänner, feuerspeiende Drachen, hüpfende Pinguine, Mühlen, Grammophone etc. Im 19.Jahrhundert wurden Papierautomaten als Modelle, Anschauungsobjekte und Spielzeug modern. So produzierte etwa der 1831 gegründet Schreiber-Verlag in Esslingen bis in die zweite Hälfte des 20.Jahrhunderts zahlreiche Bastelbögen für Papierautomaten. Als Antrieb dienten damals wie heute warme, aufsteigende Luft (»Ofenbilder«), Kurbeln, Faden- und Zugsysteme, aber auch Sand, der durch eine Öffnung im Papierautomaten auf eine Welle rieselte.

Mathematik für Saurier

Neue Übung: Faltet man einen langen Papierstreifen in die Hälfte, in die Hälfte, in die Hälfte usw. und stellt man ihn dann so auf, dass alle Falze rechte Winkel bilden, so erhält man einen Teil der »Drachenkurve«, eines fraktalen, also selbstähnlichen Objekts, das unendlich weitergedacht werde kann. Mit Hilfe von Fraktalen werden mathematische Sachverhalte aus dem Bereich der Chaosforschung grafisch dargestellt, was wiederum Grundlage für die Untersuchung geometrischer Aspekte von Selbstähnlichkeit, Symmetrie, Dimension etc. ist. Charakteristisch ist dabei die Abfolge von Links- und Rechtsfalten, aus der sich ein Faltenbildungsgesetz ableiten lässt. Der Grenzwert der Faltungsfolge wird »Papierfaltungszahl« genannt. Sie ist weder endlich noch periodisch, also irrational. Berühmtheit erlangte die Kurve durch das Buch »Dino Park« von Michael Crichton, in dem jedes Kapitel mit einer weiteren Stufe des Drachenfraktals als Symbol für den Einfluss scheinbarer Kleinigkeiten auf komplexe Gebilde beginnt und das von Steven Spielberg unter dem Titel »Jurassic Park« verfilmt wurde.

Und noch ein Experiment

Egal wie groß und wie dünn ein Blatt Papier ist – es kann höchstens acht Mal über die Mitte gefaltet werden. Denn mit jeder Faltung wird die Seitenlänge halbiert, die Anzahl der Papierlagen jedoch verdoppelt. Der Hebel schrumpft also in dem Maß, in dem die Steifigkeit innerhalb der Papierlagen zunimmt. Um ein Blatt neun Mal zu falten, müssten also 256 Lagen Papier über die bereits vorhandenen Fälze geknickt werden, und das ist definitiv unmöglich.

Papierwelten

»Salzkammergut« – so lautet der Name der oberösterreichischen Landesausstellung 2008. An vierzehn verschiedenen Orten werden Geschichte und Gegenwart des Salzkammerguts unter verschiedenen Gesichtspunkten präsentiert. Das Papiermacher Museum in Steyrermühl ist einer dieser Standorte. Die schon bisher beeindruckende und vielfältige Ausstellung in den Hallen der ehemaligen Papierfabrik Steyrermühl wird neu gestaltet und unter dem Titel »Papierwelten« zwischen 29.April und 2.November 2008 geöffnet sein.

Kontakt

Österreichisches Papiermacher-Museum
Museumsplatz 1, A-4662 Steyrermühl
T +43 (0)7613-3951
papier.druck@aon.at
www.papiermuseum.at

Text
Eva Guttmann
Leitende Redakteurin der Zeitschrift »zuschnitt«
redaktion@zuschnitt.at

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