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Papier für die Baumschule

Wolfgang Weisgram
Erschienen in
Zuschnitt 28: Papier ist Holz
Dezember 2007, Seite 17ff

Papier ist ein so alltägliches Ding, dass kaum einer fragt, wo es denn herkommt. Dabei ist gerade diese Frage nicht bloß eine interessante. Sondern eine brisante.

Wer einen Gutteil seiner Zeit mit den Worten verbringt – und wer tut das nicht? –, der verbringt, spätestens seit das Pergament aus der Mode gekommen ist, diesen Gutteil an der Zeit mit dem Papier. Das von allen Zukunfts- und Computerexperten als sozusagen unumgänglich in Aussicht gestellte papierlose Büro hat sich seinen Weg in die Wirklichkeit ja mit einem spürbaren Mehrverbrauch an Papier gebahnt. Und so lässt sich, allen Bits und Bytes wie zum Hohn, immer noch sagen, dass wir geradezu in einer Welt aus Papier leben.

Papier zählt also zu den alleralltäglichsten Dingen. Und weil das so ist, denkt kaum jemand daran, wo es herkommt. Dass Papier nicht auf den Bäumen wächst, hat sich zwar durchaus schon herumgesprochen. Nicht aber der Umstand, dass es sehr wohl in den Bäumen wächst. Der naheliegende Hinweis, dass beides – sowohl das Scheit Holz als auch das Blatt Papier – brennt, wird zumeist übersehen. So wie in weiterer Folge auch alles andere, das sich daraus ergibt. Dabei ist diese Sache eine nicht nur interessante, sondern in vielerlei Hinsicht eine ziemlich brisante, weil auch politische.

Seit vielen Jahrzehnten hat sich, so versichern es die daran beteiligten Unternehmungen, eine Wertschöpfungskette entwickelt, die vom Wald ins Sägewerk und von dort weiter in die veredelnden Industrien geht. In Zahlen ausgedrückt, bedeutet das, dass von jedem Festmeter Holz nur rund 60Prozent als Produkt der Säge gelten können, der Rest geht im Verhältnis 70:30 zur Weiterveredelung in die Papier- bzw. in die Plattenindustrie. Und dann aber entdeckte man die Biomasse. Und die brachte die eingespielte Abfolge ein wenig – oder eben nicht bloß ein wenig – durcheinander.

Zwar will in diesem Zusammenhang niemand das Wort »Kampf um Rohstoffe« in den Mund nehmen, aber alle Umschreibungen der deutlichen Kostensteigerung beim Holz laufen letztlich auf das Wort Kampf hinaus, auch wenn jeder eingesteht, dass die Preissteigerungen des Rohstoffs Holz nichts anderes sind als der normale Mechanismus des Marktes. Aber natürlich stimmt das nicht ganz. Denn der Wettbewerb um die Nebenprodukte der Sägeindustrie und das auffallende Durchforstungsholz – wertvolle Rohstoffe für Papier, Platten, Pellets und Biomassekraftwerke gleichermaßen – ist durch massive Förderung der Biomasseanlagen doch einigermaßen verzerrt worden. Mit durchaus löblicher Absicht: Immerhin geht es ums Erreichen der sogenannten Kyoto-Ziele, also um die Reduktion der Kohlendioxydemissionen.

Andererseits, so wollen die Vertreter der Papierindustrie schon auch festgehalten haben, geht es um die volkswirtschaftliche Bedeutung der heimischen Papiererzeugung. Denn immerhin erwirtschaften rund 10.000 Beschäftigte in 23 Unternehmen an 27 Standorten einen Umsatz von mehr als 3,5 Milliarden Euro. Das Brisante am Einstieg der Biomasse in den Wettbewerb um den Rohstoff Holz ist nun aber, dass knapp 3Milliarden davon sich dem Export verdanken. Höhere Rohstoffpreise gegenüber den Konkurrenten am Weltmarkt beeinträchtigen naturgemäß die Exportchancen.

Dabei ist die Papierindustrie jener Wirtschaftszweig, der seit langem schon auf die Wiederverwertung der eigenen Produktion setzt. Im Durchschnitt aller Papier- und Kartonsorten beträgt der Anteil des Altpapiers rund 46Prozent. Österreich ist in dieser Hinsicht weltweit führend. Seit einigen Jahren übersteigt der Altpapieranteil in der Produktion die in Österreich selbst anfallende Menge deutlich. Zuletzt betrug die Recyclingquote der heimischen Papierindustrie 110Prozent. 1,2 Millionen Tonnen mussten also importiert werden.

Gleichwohl ändern diese Bemühungen nichts an der Bedeutung des Holzes als Rohstoff für die Papierindustrie. Die an der Wertschöpfungskette Holz hängenden Bereiche haben deshalb in der Kooperationsplattform Forst-Holz-Papier eine mittelfristige Intensivierung der Waldnutzung konzipiert. Eine diesbezügliche Studie hat errechnet, dass die forstliche Bearbeitung von Kleinwäldern bis zum Jahr 2010 rund 3Millionen Festmeter zusätzlich bereitstellen könnte.

Freilich wird auch das deutlich zu wenig sein, um den Bedarf zu decken. Zwar berechnet die Papier- und Plattenindustrie ihren eigenen Mehrbedarf bis 2010 mit insgesamt nur 2Millionen Festmetern, parallel dazu wird sich allerdings ein zusätzlicher Bedarf von 2,9Millionen Festmetern bei der Wärme- und 3,8Millionen bei der Ökostromerzeugung ergeben haben. Leicht absehbar also, wie sich die Sache entwickelt, wenn nicht gegengesteuert wird. Denn dem Mehrbedarf bis 2010 von insgesamt 11,7 Millionen Festmetern steht eine mögliche heimische Kapazitätssteigerung um 6,7 Millionen Festmetern gegenüber.

Eine denkbare Strategie im Umgang mit dieser Situation wird auf gesamteuropäischer Ebene überlegt: Anstatt das Brachliegen landwirtschaftlicher Flächen zu fördern, wie es zur Zeit der Fall ist, könnte man Plantagen schnell wachsender Hölzer fördern, um daraus die energetische Verwertung zu speisen. Damit bliebe der klassischen Wertschöpfungskette, an deren Beginn die Forstwirtschaft steht, der klassische Rohstoff. Also hochwertiges Holz, das in der Säge weiterverarbeitet wird.

Deren Abfälle wären dann weiterhin günstige Rohstoffe sowohl für die Platten- als auch für die Papierindustrie. Es mag sein, dass sich irgendwann einmal tatsächlich das papierlose Büro verwirklichen lässt. Die Zeichen freilich deuten in eine andere Richtung. Das gilt übrigens auch für die Zeitungen, deren nahes Ende ja auch verkündet wurde, als die sogenannte Dotcom-Blase sich zur Weltkugel aufplusterte.

Irgendwo im Kosmos der geheimnisvollen Datennetze ist dieser Text mit Sicherheit digital – also reduziert auf das leicht verständliche Begriffspaar 0 und 1 – abgelegt (oder verschwunden). Um einen Zeitschriftenartikel daraus werden zu lassen, bedarf es allerdings mehr: einer Druckmaschine, der Farben Cyan, Yellow, Magenta, Black. Und jenes Zellstoffverbundes, den man gemeinhin Papier nennt. Und dessen alltägliches Vorkommen kaum noch die Frage zulässt, wo es denn eigentlich herkommt.

Nun ja, wie gesagt: Auf Bäumen wächst es nicht.

[Papier für die Baumschule - druckbare Fassung (pdf 960KB)]


Text

Wolfgang Weisgram
  • geboren 1957
  • Journalist bei »Der Standard« und »Die Zeit« sowie Autor, zuletzt erschienen: »Im Inneren der Haut«, »Marcos EinSatz«

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