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Tapetenwechsel

Elke Krasny
Erschienen in
Zuschnitt 28: Papier ist Holz
Dezember 2007, Seite 11

Wer kennt sie nicht, die Reise von Florian und seinen drei Begleitern Wurschtl, Dackel, Papagei. Ort ihrer Reise ist die Tapete. »Florians wundersame Reise über die Tapete« begann 1931, als der ehemalige k.u.k. Offizier und Kartograph Franz Karl Ginzkey Räuber Deinistmein, Ritter Tunichtgut und Drache Saufeblut entlang des Tapetenkosmos zum Leben erweckte.

Der Tapete ist das Performative in den papierenen, heute öfter vinylenen oder vliesstoffenen Leib geschrieben. Vorgekleistert, abwaschbar oder abziehbar signalisiert die Tapete Aufbruchstimmung, Veränderung des Gewohnten. Mit der Tapete traut man sich zu, die eigenen vier Wände zu individualisieren, da auch das minimalistische Weiß bereits wieder zum Ornament erklärt wurde. Individualisierung auf den eigenen vier Wänden. Ob eine Tapete ein anderes Material nachahmen, also Sein mit Schein vertauschen darf, das sorgt seit der Aufklärung für moralisch aufgeladene Geschmacksdiskussion.

Das verführerische Als-ob, mit dem die Tapete die Wände einkleidet, begründete ihre populärkulturelle Massenkarriere, die sie im 20.Jahrhundert mit allen Höhen und Tiefen durchlief. Ihr unentschiedener Status zwischen Kunst und Dekoration geriet ihr in der designtheoretischen Positionierung zum Verhängnis.

Doch zu Beginn des 21.Jahrhunderts, in der Vermählung von Massenindividualität und Digitalisierung, macht die Tapete erneut Furore und wurde von Designern wie Gucci oder Firmen wie Benetton als potenzieller Lifestyleartikel entdeckt.

Wandverkleidung, was Tapete bedeutet, wurde im 16.Jahrhundert vom lateinischen Wort tapeta entlehnt. In der Tapete steckt etymologisch der Teppich, der begrifflich aus dem südasiatischen Bereich über das Griechische ins Lateinische eingewandert ist. In den nomadischen Kulturen des Orients leistete der multifunktionale Teppich auch eine bedeutende ideengeschichtliche Transposition. Der Teppich galt als Ersatz für den blühenden Garten. In den monotheistischen Religionen Christentum und Islam verbindet sich mit dem abgeschlossenen, bewässerten Stück Erde die Vorstellung vom Paradies. Dieses hängt noch ein wenig im Teppich und wandert begrifflich vom Teppich zur Tapete weiter. So ist es nur konsequent, dass Landschaft, Natur, Gärten und Blumen in der Motivwahl der Tapetenkunst an erster Stelle rangieren.

Wird das Paradiesische massenkulturell verbreitert, dann wird es ambivalent. Kitsch, Geschmacklosigkeit oder abwertend gedachte Dekorativität verbinden sich mit der Tapete. Ob Vordergrund oder Hintergrund, diese Frage stellt Papiertapetenexpertin Lesley Hoskins an den Anfang des von ihr herausgegebenen einschlägigen Grundlagenwerks über die Kunst der Tapete. Bereits im 18.Jahrhundert wurden mehrere Papierblätter zur wandfüllenden Gesamtansicht von Landschaften zusammengefügt, um schließlich zu den ikonischen Sandstrandpalmen und Gebirgsbächen der nicht minder wandfüllenden Fototapeten der 1970er Jahre zu werden. In jeder Tapete steckt also ideengeschichtlich ein Stück vom verlorenen Paradies. Jeder Tapetenwechsel wird zur nächsten Runde im dekorativen Glücksversprechen, das die gewohnten Wände neu verkleidet.

Literatur

Tapete. Geschichte, Gestaltung und Techniken des Wanddesigns 
Lesley Hoskins (Hg.)
Parkland, Köln 2005 (1994)
ISBN 3 89340 077 X
ca. € 30,–

Text
Elke Krasny
Kulturtheoretikerin, Autorin und Ausstellungskuratorin
unterrichtet an der Akademie der bildenden Künste Wien
schreibt für »architektur aktuell«
Österr. Kinder- und Jugendbuchpreis 2006 für »Warum ist das Licht so schnell hell?« 
Ausstellungen und Kunstprojekte im öffentlichen Raum 
Schwerpunkte: Räume des Alltags und der Fiktion, Repräsentation und Gender, Museum und Ausstellungen, Urbaner Raum und partizipative Arbeitsweisen

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