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Papierosophie eines Papierophilen

Helmut A. Gansterer
Erschienen in
Zuschnitt 28: Papier ist Holz
Dezember 2007, Seite 7f

<cite>Bei der nächsten Sintflut wird Gott nicht Wasser, 
sondern Papier verwenden.</cite>

Romain Gary

I Um mitten hinein zu springen: Wir erkennen am Titel dieses Essays den größten Nachteil des Papiers – es ist unendlich geduldig. Als vermeintlich seelenlose Materie lässt es alles mit sich geschehen. Es lässt grenzwertige Wortschöpfungen (Papierosophie, Papierophilie) zu. Es stellt sich in den Dienst schlechter wie guter Texte. Man hat aus Packpapieren Neonazi-Plakate gemacht, auf Offizialpapiere Todesurteile geschrieben. Neureiche Lübecker haben Heringe in handgeschöpftes Bütten gewickelt und Zeitungen wie »Sun«, »Bild« und »Blick« verfinstern täglich unseren Stern.

Das Medium Papier eignet sich also nicht zur Vergötterung. Wirklich nicht? Um es gleich zu gestehen: ich bin längst in diese Falle gegangen. Ohne ein Wunderkind gewesen zu sein, erinnere ich mich doch daran, schon als Säugling jedes beschreibbare Blatt als Verheißung empfunden zu haben. Ich krabbelte nicht Hunden nach, sondern Papierln. Man musste mir keinen Mohnschnuller in den Mund schieben, um mich ruhigzustellen. Ein Blatt Papier und ein Buntstift genügten. Man hörte dann stundenlang ein ergriffen schnaufendes Kind. Die besorgte Mama musste mich, so wird gesagt, zum Stillen an ihre prächtigen Brüste zwingen. Das ist später, in der Adoleszenz, besser geworden.

Seit der Kleinkindzeit lade ich Papier mit einem Mythos auf. Das ist entschieden infantil, wie ich zugebe, muss freilich egal sein, solang es wahrhaftig ist. Es ist auch mein gutes Recht, in einem Essay die merkwürdigste Subjektivität einzubringen. Sie wird hoffentlich durch den Vorzug der Authentizität ausgependelt. Diese verlangt, von einer extrem frühen Wahlverwandtschaft zu sprechen. Unklar ist lediglich, ob ich das Papier suchte oder das Papier mich suchte; wie Dr. Faust scheitere ich in der Kunst der Magie.

II Was mich ermuntert, die Entwicklungsgeschichte eines Papierophilen weiter zu entrollen: im Magnetfeld von proHolz vermute ich ausschließlich sinnliche Menschen, bis hin zu den klassen Holzbau-Architekten, die wir in Zuschnitt 27 kennen lernten. Die haben ja auch nicht erst mit Dreißig die Erotik des Papiers, der Skizze und der Zeichnung entdeckt. Sie werden sich in meiner Geschichte wiederfinden.

Die Wahlverwandtschaft zum Papier führte zunächst zu reinem Glück und stolzen Eltern. Das Kindermädchen Sofie, ein pädagogisches Ur-Talent, in dessen Hügelland ich behaglich saß wie in einem Ohrensessel von Mackintosh, lehrte mich mit fünf Jahren lesen und schreiben, mithilfe faszinierender Magazine wie »Stadt Gottes« und dem »100-jährigen Bauernkalender«.

Die Liebe zum Papier und dessen kreative Verheißungen machte die Volksschule zu einer Triumph-Arie. Umso schrecklicher die Niederlagen in der htl, wo ich zwischen Holztechnik und Maschinenbau schwankte. Erstens wählte ich das falsche Fach. Dem Eisen fehlte der Duft und die Natur des Holzes. Zweitens zwang mich die sehnsüchtige Bindung an Papier&Schreiben in freiwillige Nebenkurse für Stenografie und Maschinschreiben. Die Mitschüler riefen mich »Helmine«.

Es dauerte dann fünf Jahre, ehe mich die Welt des Papiers endgültig umschlang, raumgreifend, zeitgreifend, vollendet und wohl für immer. Zwei Berufsziele waren in dieser Zeit versunken. Die Ford Motor Company in Dearnborn wollte den htl-Ingenieur als Rennmotorenkonstrukteur. Dieser aber studierte Nationalökonomie, um ein Alan Greenspan zu werden. Man darf sagen: ich scheiterte in den Journalismus, weil ich durch glücklichen Zufall innert drei Wochen zum Chefredakteur und Herausgeber der Universitäts-Zeitschrift wurde, bald danach zum jüngsten Chefredakteur einer namhaften Publikation (»trend«). Seither fließt nur noch Zellstoff in meinem Blut: aktiv in Form von Manuskriptpapier, passiv in Form der Weltliteratur und ausgewählter, meist ausländischer Presseprodukte: »South China Morning Post«, »Economist«, »New Yorker« und »art«.

III Seither sehe ich endgültig Papier als größte Menschenerfindung, Gutenbergs Druck-Revolution durch beweglich setzbare Lettern gleich danach. Ich begreife heute auch die negativen Beispiele (siehe erstes Kapitel) als gewichtslos. Alle Todesurteile, die je geschrieben wurden, werden aufgewogen durch die Herzensbildung der Werke von Antoine de Saint-Exupéry und Khalil Gibran. Alle Scheidungspapiere sind nichtig gegen die Liebesbriefe. Und die Gedichte von Rilke und Wystan Hugh Auden überwachsen alle Kriegserklärungen.

Dieser Essay wäre indes unvollständig, stellte man das Papier nicht wägend neben die High-Tech, deren Schreibhintergrund der Bildschirm ist. Ich erlaube mir da ein Urteil, da ich auch High-Tech-Freak bin. Mir hilft ein Dualismus, den ich in vielen Asien-Reisen aufgriff. Als Beispiel nenne ich in sympathischer Eigenwerbung mein jüngstes Büchlein im Pichler Verlag:

»Darf man per E-M@il kondolieren?« Antwort: ja, um schnell sein Mitgefühl kundzutun. Vorausgesetzt, man schickt ein mit Füllfeder auf Bütten geschriebenes und mit Petschaft und Siegel versehenes Kondolenzschreiben nach. Fazit: Papier und Bildschirm sind einander ergänzend zu nützen.

Im Zweifelsfall freilich mit deutlichem Vorrang des Papiers. Warum das so ist, erkannte ich erst, als ich einen Vortrag für den Zeitungsherausgeberverband entwarf. Da begriff ich die höhere Glaubwürdigkeit des Materiellen vor dem Virtuellen. Es passiert etwas Haptisches, wenn du Papier in die Hand nimmst. Die Qualität der Botschaft geht im Wege der Osmose durch die Haut ins Herz und ins Hirn. Zeuge: Bill Gates. Der Microsoft-Boss präsentierte sein erstes Buch »A Road Ahead« mit CD-ROM, sein zweites Buch »Digital Business« nur noch auf Papier.

Abgesehen davon kam ich gestern dahinter, dass ich meine tausend ersten Digitalfotos verlor. Die Speicher-CDs sind schon nach zehn Jahren verblasst und tot. Meine alten Manuskripte, einst mit IBM-Kugelkopf auf säurefreies Papier geklopft, leben noch 1000 Jahre.

Ob ich, auf Anregung von Georg Binder und Alexander Eder, den nächsten Essay »Das Holz in meinem Leben« mit Füllfeder auf Bütten schreibe und als Handschrift drucken lasse, weiß ich noch nicht. Sagen wir: ja. Papier ist geduldig.

Text
Helmut A. Gansterer
Studium der Technik (HTL Mödling), der Nationalökonomie (WU Wien) und der Werbung (Ogilvy International) 
Seit 35 Jahren dem Wirtschaftsmagazin »trend« verbunden – früher als Chefredakteur und Herausgeber, heute als Co-Herausgeber.
Kolumnist von »profil« und freier Publizist zu den Themen Politik, Wirtschaft, Erfolgspsychologie, Motor-Luxus, Hi-Tech und Kunst
Preisträger mehrerer Publizistik-Auszeichnungen.
Zuletzt erschienen: »Darf man per E-M@il kondolieren? Der Knigge des 21.Jahrhunderts«

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