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Gute Fügung

Wolfgang Pöschl
Erschienen in
Zuschnitt 29: Holz und Glas
März 2008, Seite 18f.

Glas und Holz sind in den letzten 20 Jahren von ausfachenden, sekundären Baustoffen zu eigenständigen, unverzichtbaren Stimmen im Konzert der Materialien geworden.

Die Architektur der Moderne hat nach dem Ersten Weltkrieg neben dem traditionellen Fenster, einem Loch in der Wand eines geschlossenen Raumes, die Vorstellung des »offenen« Raumes mit einem fließenden Übergang zwischen Innen und Außen formuliert; große Teile der Außenhülle sollten räumlich offen und klimatisch doch abschließbar sein. Erst gegen Ende des 20. Jahrhunderts konnte die Glastechnologie diesen Wunsch auch in unseren Breiten erfüllen; Glas wurde vom Rahmenfüller zum vielschichtigen und vielseitigen Raumabschluss. Diese stürmische Entwicklung hat das Bauen revolutioniert und in vieler Hinsicht das konstruktive Denken überholt.

Holz war lange Zeit das einzig praktikable Rahmenmaterial für öffenbare Fenster. In bewitterten Fassaden verschwand es hinter dicken Farbschichten und wurde zuletzt immer mehr von Kunststoff und Metall verdrängt. Beim Aufkommen von Glasfassaden war das konstruktive Denken noch ganz in der Vorstellung des Fensters als Loch in der Wand verhaftet. Eine Glasfassade funktionierte wie ein riesiges, fast zur Gänze fix verglastes Stahl- oder Alu-Fenster. Die schwierige Bearbeitung und die mit dem Einsatz von Metallwerkstoffen verbundenen thermischen Probleme führten zu komplex geformten, sehr dünnwandigen Metallprofilen und hoch komplizierten Kunststoffverbindungen. So sank die statische Belastbarkeit und es entstanden extrem teure, plumpe Systeme, die selbst immer mehr zum Problem wurden.

Durch thermisch taugliche und uv-beständige Glasrandverbunde erübrigen sich Halte- und Deckleisten inzwischen weitgehend; das Glas wird zur idealen geschlossenen Außenhaut. Die statische Verbesserung des Randverbundes ermöglicht problemlos großflächige Verglasungen ohne jede Aussteifung. Den Traum der klassischen Moderne von einem optisch fast verschwindenden klimatischen Raumabschluss kann Glas längst rahmenlos erfüllen.

Auf der Seite des Holzes hat sich in den letzten Jahrzehnten ebenfalls sehr viel getan; die technische Holztrocknung und insbesondere die Verleimung von Brettlamellen zu Brettschicht- und Brettsperrholz haben Holz zu einem belast- und berechenbaren Konstruktionsmaterial gemacht, das gleichermaßen als Stab und Fläche zu verwenden ist. Eine vertikale Tragstruktur aus Holz macht eine eigene Tragstruktur für die Glasfassade meist überflüssig. Die Holzstützen können direkt verglast werden; bei der Verglasung liegt Randverbund an Randverbund und es entsteht die thermisch optimierte, geschlossene Außenhaut. Die Tragkonstruktion verschwindet von außen hinter der spiegelnden Glasfläche und ist vor Bewitterung auch ohne Oberflächenbehandlung des Holzes perfekt geschützt.

In einigermaßen wettergeschützten Lagen besteht auch die Möglichkeit, die Verglasung der einzelnen freien Felder zwischen den Stützen mit Deckbrettern in der Breite der Stütze zu halten, sodass die Tragstruktur optisch von der Glashaut durchdrungen wird und außen sichtbar bleibt; dabei kann die tragende Stütze je nach beabsichtigter Wirkung außen oder innen liegen. Durch die thermischen Eigenschaften von Holz können Dächer aus Brettschicht- oder Brettsperrholz einfach über die Glashülle hinweg von innen nach außen geführt werden, was eine elegante Wiedergeburt des Vordaches mit sich bringt.

Wo es eine statische Primärstruktur gibt, die entweder überhaupt nicht in der Nähe der Fassade liegt oder die für eine direkte Verglasung zu große Felder aufweist, eröffnet sich ein weiteres Einsatzgebiet für Holz-Glas-Fassaden. Holzwerkstoffe können als Stäbe oder Flächen genau im notwendigen Ausmaß und an den richtigen Stellen als Aussteifung dienen. Es gibt keinen Zwang, Rahmen zu formen, wobei die leichte Bearbeitbarkeit von Holz Anpassungen und einfachste Befestigungen ermöglicht. Durch die bauphysikalischen Eigenschaften des Holzes entfällt die Kondensationsproblematik, wie sie bei Metallen auftritt. Von dieser minimalen, exakt der Notwendigkeit angepassten Aussteifung einer Glashülle führt der Weg weiter zu einer vielfältigen Differenzierung und Gestaltung der Raumzone zwischen Innen und Außen. Jeder kennt vermutlich aus seiner Kindheit die Besonderheit dieses Platzes am Fenster. Der Übergang von der Fassade(nkonstruktion) zum Möbel ist fließend. Das einfallende Licht wird durch ein »Fassadenmöbel« umgelenkt, abgeschattet, getönt und so in fast unerschöpflichen Variationen gestaltet. Ein eigenes Thema ist das öffenbare Fenster in einer Glasfassade. Da jede Art von Fensterflügel ihre Stabilität ausschließlich aus einer richtig verklotzten Verglasung bezieht, geht es beim Fensterrahmen eigentlich nur darum, die Dichtungen und Beschläge am Glas zu befestigen; eine Aufgabe, die im Idealfall auch der Glasrandverbund selbst übernehmen könnte. Viele Kunststoff- und Metallfenstersysteme erschweren bei aller Kompliziertheit einen simplen und direkten Einbau in eine Glasfassade, weil sie aus schließlich von den Anforderungen eines in einer massiven Wand eingeputzten Fensters ausgehen. In wettergeschützten Bereichen kann dagegen ein Holzfenster durch einfache, zusätzliche Fälze im Stock sehr gut in eine Glasfront integriert werden.

Auch eine Hebeschiebetür aus Holz kann durch Weglassen des umlaufenden Stocks als innen oder außen laufender Schiebeflügel funktionieren; statt des Stocks werden Leisten mit Dichtungen auf die vertikalen Kanten der angrenzenden Verglasung geklebt.

Holz ist als wertvolles Material mit natürlichen Hightechqualitäten dazu prädestiniert, in direkter Verbindung mit Glas die Lücke zwischen dem Glas als »Verschwindematerial« und dem Fenster als Loch in der Wand im wahrsten Sinne des Wortes »räumlich« zu schließen; nach vielversprechenden Anfängen liegt hier noch ein weites Feld vor uns.

links: Holzstütze direkt verglast, Glasstoß Randverbund an Randverbund
rechts: Holzstütze direkt verglast mit Deckbrett in Stützenbreite

Verglasung mit zusätzlichen Fälzen im Türstock

Hebeschiebetüre mit angrenzender Fassadenverglasung ohne eigenen Stock

Text: Arch. DI Wolfgang Pöschl
1971–80 Architekturstudium in Innsbruck
1972–76 Leiter der väterlichen Tischlerei
anschließend mehrjährige Mitarbeit bei Heinz-Mathoi-Streli und Zusammenarbeit mit Reinhard Honold
2001 Gründung der tatanka GmbH mit Joseph Bleser und Thomas Thum

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Wolfgang Pöschl
lebt und arbeitet als Architekt in Tirol.

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