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Im übertragenen Sinn – Zu Holz. Zu Glas.

Roland Jörg
Erschienen in
Zuschnitt 29: Holz und Glas
März 2008, Seite 4

Holz und Glas lassen sich nicht so einfach versprachlichen. Denn Holz und Glas bieten in ihrem baulichen Zusammenspiel den Menschen seit Jahrhunderten eine Qualität, die vielschichtig darauf ausgerichtet ist, die Sinne atmen und leben zu lassen und einen intensiven Raum-Körper-Dialog zu ermöglichen. Wie stark die körperliche Affinität beider Materialien reichen kann, lassen Sprachbilder und Redewendungen erahnen, die in unserem Sprachschatz verankert sind: auf der einen Seite das Holzauge, das wachsam sein soll, oder auch das Holzbein, das schmerzt, wenn’s Regen gibt... Andererseits: wer am Abend zu tief ins Glas schaut, hat am nächsten Morgen möglicherweise einen glasigen Blick. Kann sein, dass auch seine Bewegungen noch etwas hölzern wirken.

Das Glasauge wiederum, als mimetisches Objekt, ist eine Ausnahme (so wie auch künstlerisch-dekorative Glasgebilde). Denn Glas verweist in seinem wohl häufigsten Gebrauch als transparentes Material gewöhnlich auf sich selbst und versucht nichts vorzutäuschen, viel unmittelbarer jedenfalls als Holz, das meist erst in seiner Anwendung, in seiner Funktion einen Namen bekommt, der über das Material hinausweist. Holz an sich ist als Werkstoff ein Massebegriff, aus dem sich die vielfältigsten individuellen Dinge und Dinggruppen bilden lassen.

Erst wenn wir Holz als Rahmen begreifen, wird das Glas zum Bild, erst wenn wir Holz als Sockel begreifen, wird das Glas zur Vitrine. Glas und Auge sind unzertrennliche Partner, ob einerseits als Brillen- oder Fernglas oder andererseits als (Fenster)Blickmedium und (Tages)Lichtquelle in Räumen. Gewöhnlich tut Glas so, als wäre es nicht da. Dennoch ist die Haut nicht so dünn, wie sie scheint. Denn Glas ist auch Oberfläche, dicht, verändernd, verzerrend, oft überzogen mit einer Glasur aus Lichtbrechungen und Spiegelungen. Glas ist immer auch ein Filter, der sich vor die Augen legt, in den meisten Fällen ein Grüngraufilter, schon so gewohnt, dass er von den meisten gar nicht mehr wahrgenommen wird. Die Filtereigenschaften reichen jedoch noch viel weiter und umfassen alle Sinnesebenen: Es filtert das Riechen, das Hören und das Tasten. Nur auf unser Temperaturempfinden nimmt es zusätzlich Einfluss, das weiß jeder, der im Glashaus sitzt.

Glas weist ausschließlich eine augenscheinliche Transparenz auf, ansonsten schottet es vom Lebensumfeld mehr ab, als das Holz mit seinen zellularen Eigenschaften je zulassen würde.

Glas lässt sich nicht austauschen – das mag nun widersprüchlich klingen. Als Scheibe ja, aber als Material steht es für sich. Da ist Holz weit stärkeren Surrogatkräften ausgesetzt, die der umfassend sinnlichen Qualität dieses Werkstoffs unverschämt zusetzen. An der Oberfläche unserer visuellen Kultur – oder besser Unkultur – bleiben billige, aber keinesfalls günstige Holzimitate für ein abwaschbares, glattes und keimfreies richtiges Leben im falschen. Dort, wo von naturidenten Effekten die Rede ist, geht uns mit Sicherheit ein Stück eigener Natur verloren. Kaum jemand wird auf die Idee kommen, mit Glasimitaten seinen Lebensbereich aufzumöbeln. Und wenn, dann bleibt es immer noch als Begriff Glas im Sprachgebrauch, sei es als Plexi- oder Acrylglas. Warum das bei Holz anders ist, mag in dem Umstand liegen, dass seine Verarbeitung ein hohes handwerkliches und bautechnisches Niveau erfordert – vom Schlägern und Lagern bis zur Endfertigung.

Im übertragenen Sinn Zu Holz. Zu Glas.

Auch wenn das Arbeiten mit Glas ein ebenso komplexer Wissensbereich ist, in vielleicht etwas romantisch verklärter Sichtweise ist es jedenfalls der artifiziellere Werkstoff. Wer mit Holz arbeitet oder lebt, lässt sich auf einen Prozess ein, in dem das Knacken im Gebälk ebenso dazugehört wie gewisse Alterungsprozesse und augenscheinliche Veränderungen der Farbigkeit und Oberflächenstruktur. Glas dagegen verändert sich langsamer und fast unmerklich. Je mehr Wissen jedenfalls über Holz verloren geht, umso geringer wird die Bereitschaft sein, sich darauf einzulassen. Am Ende des Lebens werden es dann aber doch die meisten armen Seelen wieder tun.

Holz als Werkstoff erfordert einen professionellen Umgang, der bei Glas als selbstverständlich gegeben scheint. So kann man verstehen, dass Glas weitgehend vom Image der Bretterbuden und Bastelstuben verschont bleibt.

Glas ist prägnanter, präziser und in seinem Anwendungsspektrum schärfer und klarer definiert. Holz dagegen lässt ungleich mehr zu – allerdings auch Fehler und Ungenauigkeiten. Glas ist durch nichts zu ersetzen. Holz ist durch alles zu ersetzen. Doch diese etwas verkürzte Regel kann auch umgekehrt gelesen werden: Alles kann durch Holz ersetzt werden. Mit Ausnahme von Glas.

Bei dem Versuch, beide Materialien in einen Zusammenhang zu bringen, kann ein nostalgischer Rückblick in die Mitte des vorigen Jahrhunderts ein weiterer Ansatzpunkt sein. Eine in unserem kollektiven Erinnerungsfeld nachhaltig verankerte Holz-Glas-Kombination war wohl jener Radiokasten aus Holz (und später aus in Holzoptik gehaltenem Kunststoff) mit dem magischen grünlichen Glasauge und dem beschrifteten Glas, auf dem die Stationen der großen weiten Welt wie Beromünster, Brno und Luxembourg zu finden waren. Doch das war erst ein bescheidener Anfang. Den nächsten Schritt machte die Welt via Fernsehen direkt in die Nierentischwohnzimmerstuben, der Holzkasten war größer und hatte eine gläserne Mattscheibe, ein magisches Glasauge in seiner Gesamtheit. Der Fernsehapparat trat seinen Siegeszug an als ein Blickmedium, das auf den grundlegenden Eigenschaften von Holz und Glas aufgebaut war. Ein Medium, dessen Holzgehäuse gewissermaßen dem Fensterrahmen entsprach, und ein Medium, dessen Glas den Lichteinfall in den Raum steuerte. Damit wurden Holz und Glas in ihren häuslichen Anwendungsfeldern wieder einem ursprünglichen Zweck zugeführt. Im übertragenen Sinn.

 

Text: Mag. Roland Jörg, geboren 1960 in Bregenz, Studium der Germanistik und Geschichte an der Universität Innsbruck
seit über 20 Jahren in der Kulturarbeit tätig, Lehrbeauftragter für verbale Kommunikation an der Fachhochschule Vorarlberg
seit 2002 Leitung des Kulturamts der Stadt Dornbirn

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© Hanspeter Schiess