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Energiestandards – Ein Blick über die Grenze

Anne Isopp
Erschienen in
Zuschnitt 30:  Holz bauen Energie sparen
Juni 2008, Seite 16

Bereits heute fordern viele Länder einen Mindest-Energiestandard für Neu-, Um- und Zubauten. Doch die gebaute Umwelt muss noch umweltfreundlicher werden – da sind sich alle einig. Die Wege, die die Länder beschreiten, verlaufen aber sehr unterschiedlich. Neben einem anvisierten »Haus der Zukunft« schaffen immer mehr Länder mithilfe einer ökologischen Gebäudezertifizierung Anreize. Acht Stationen einer Reise.

Europäische Union

Ab 2011 soll der Passivhausstandard für Neubauten bindend sein. Wie unterschiedlich die Umsetzung in den einzelnen Ländern ausfallen kann, verdeutlicht schon heute der Energieausweis. Er ist ein erster Versuch einer verpflichtenden Gebäudezertifizierung und es gibt ihn inzwischen in allen EU-Staaten. Während in Österreich in diesem Gebäudepass der erforderliche Energiebedarf für die Raumwärme festgehalten wird, fragen andere Länder den Primärenergiebedarf oder den CO2-Ausstoß eines Gebäudes ab. Ein direkter Vergleich der Energiestandards ist aber allein schon aufgrund der unterschiedlichen klimatischen Verhältnisse schwierig.

Deutschland

In Deutschland gilt das Passivhaus als das Haus der Zukunft. Eine weiterführende Variante wurde von Architekt Rolf Disch entwickelt und in Form einer ganzen Siedlung auch schon realisiert. Das Plusenergiehaus erzeugt mehr Energie als es verbraucht, allerdings wird seine volkswirtschaftliche Sinnhaftigkeit von manchen infrage gestellt. Deutschland arbeitet derzeit an einem dynamischen Zertifizierungssystem nach dem US-Vorbild von LEED.

Großbritannien

Das Ziel der britischen Regierung lautet »Zero Carbon Home«. Der durch den Energieverbrauch eines gesamten Hauses verursachte CO2-Ausstoß soll netto gleich Null sein. Ab 2016 ist dieser Standard für alle Neubauten verpflichtend. Neu errichtete Öko-Städte sollen schon heute zeigen, wie es geht. Die erste CO2-freie Kleinstadt steht kurz vor Baubeginn. Als erstes Land mit Gebäudezertifizierung ist Großbritannien Vorreiter und BREEAM (Building Research Establishment Environmental Assessment Method) hat immer noch Vorbildfunktion. Bewertet wird mithilfe eines Punktesystems. Beurteilt werden der Planungs- und Bauablauf, der Energie- und Ressourceneinsatz, die Raumluftqualität, die eingesetzten Materialien sowie der Flächenverbrauch. Die Endbewertung lautet ausgezeichnet, sehr gut, gut oder durchschnittlich.

Italien

Die Marke KlimaHaus in Italien ist Gebäudestandard und Zertifizierung zugleich. In Form einer am Gebäude angebrachten Plakette kann man darauf hinweisen. Gemessen und beurteilt wird der Heizenergiebedarf. Beim KlimaHaus Gold liegt der Heizenergiebedarf unter 10 kWh/m2a, beim KlimaHaus A unter 30 und beim KlimaHaus B unter 50.

Japan

Das japanische Gebäudebewertungssystem nennt sich CASBEE. Es basiert auf dem Prinzip von BREEAM und LEDD. Um den Planern und Bauherren schon zu Beginn einer Planung Sicherheit zu geben, gibt es CASBEE nicht nur für die Kategorien Neubauten, bestehende Bauten und Renovierungen, sondern auch für die Entwurfsphase.

Österreich 

Während das Niedrigenergiehaus einen Jahresheizwärmebedarf unter 50 kWh/m2 hat, darf dieser bei einem Passivhaus 15 kWh/m2 (nach Berechnung des Passivhausinstituts Darmstadt) bzw. 10 kWh/m2 (nach dem Österreichischen Institut für Bautechnik) nicht überschreiten. Neben diesen beiden Standards sollen nun vermehrt Null- bzw. Plusenergiehäuser thematisiert werden, wobei die Meinungen auseinandergehen, ob es sinnvoller ist, weitere Standards einzuführen, bevor das Passivhaus endgültig etabliert ist. Die drei gängigsten, heimischen Gebäudezertifizierungssysteme tq, ibo-Ökopass und Klima:aktiv, werden derzeit harmonisiert. tqb wird dann für Total Quality Building stehen und soll internationalen Standards entsprechen. Der Energieausweis ist seit 1. Jänner 2008 auch in Österreich für alle Häuser, die nach 2006 errichtet oder maßgeblich verändert wurden, verpflichtend. Ältere Bauten haben noch bis Ende des Jahres Schonfrist. 

Schweiz 

Das Passivhaus der Schweiz nennt sich Minergie. Ähnlich wie in Italien steht dieser Markenname für einen Standard und eine Zertifizierung. Neben dem Grundstandard Minergie, der für Wohnbauten einen maximalen jährlichen Energiebedarf für Heizung, Lüftung und Warmwasser von 38 kWh/m2 fordert, darf Minergie-P maximal 30 kWh/m2 verbrauchen und muss zusätzliche Anforderungen wie Luftdichtigkeit der Gebäudehülle und Effizienzklasse A bei den Haushaltsgeräten erfüllen. Minergie-ECO ist eine Ergänzung zum Minergie- beziehungsweise Minergie-P-Standard und stellt zusätzliche Anforderungen an eine ökologische Bauweise und gute Tageslichtnutzung.

USA 

Die Umweltzertifizierung aus den USA geht viel weiter als der europäische Energiepass. Das LEED Zertifikat (Leadership in Energy and Environmental Design) dokumentiert nicht nur Energieeinsparungen. In einem dynamischen Punktesystem wird von einer nachhaltigen Landschaftsplanung, dem Material- und Ressourcenhaushalt, der Raumluftqualität, dem Wasserhaushalt, erhöhter Energieeffizienz bis hin zu einem verbesserten Planungs- und Bauprozess alles bewertet. Obwohl LEED jünger ist als »Green Globe« und »Energie Star«, zwei weitere US-Bewertungssysteme, hat es weltweit Beachtung gefunden.

Text

Anne Isopp
leitende Redakteurin der Zeitschrift Zuschnitt

redaktion@zuschnitt.at

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