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Simon Starling

Stefan Tasch
Erschienen in
Zuschnitt 30: Holz bauen Energie sparen
Juni 2008, Seite 28

Shedboatshed (Mobile Architecture No. 2)

Foto: ©     Kunstmuseum Basel / Martin Bühler
TMI-STARS 00087, Simon Starling Shedboatshed (Mobile Architecture No. 2) 2005

Der britische, in Glasgow und Berlin lebende Künstler Simon Starling erhielt seine Ausbildung an der Glasgow School of Art. Er gehört zu einer jungen Generation von Konzeptkünstlern, deren Werk von den Ideen der Moderne geprägt ist und die sich offen, und von verschiedenen Seiten annähernd, mit den unsere Lebenswelt durchdringenden Zeichen und Mechanismen auseinandersetzen.

Viele von Starlings Arbeiten sind an Gegenstände oder Substanzen gebunden, die er einem komplexen Transformationsprozess durch Raum und Zeit unterzieht. Dieser Prozess ist kein glatter, naheliegender, sondern beinhaltet rigorose Sprünge, ungeahnte Assoziationen und überraschende Verknüpfungen und Kreisbewegungen, welche den betrachteten Gegenstand in völlig neuem Licht erscheinen lassen. Die Ausgangsobjekte selbst sind dem Alltag entnommen bzw. dessen Ikonen: ein Marin Sausalito-Fahrrad, das aus dem Material des »Aluminium Group Chair« von Charles Eames und ein Charles Eames-»Aluminium Group Chair«, der aus dem Material eines Marin Sausalito-Fahrrads hergestellt wurde (Work, made ready, 1997); ein Bauhaus-Eierpochierer, der einem zum Hühnerstall unfunktionierten klassizistischen Modell eines Gefängnisses gegenübergestellt wird (Burn-time, 2001) etc.

Oft werden Aspekte des Energieaufwands, der Masseverwandlung, des kulturellen und geografischen Kontexts, die der Erzeugung von Alltagsgegenständen zugrunde liegen, explizit thematisiert. So verwendete Starling eine leere Museumsvitrine, aus deren Holz er ein Fischerboot baute, mit dem er Fische fing, die mit ebendiesem Holz gegrillt und dessen verkohlte Reste schließlich ausgestellt wurden (Blue Boat Black, 1997). 2004 durchquerte er die Tabernas-Wüste in Spanien auf einem Elektro-Fahrrad. Das einzige »Abfallprodukt« dieses Fahrzeugs war Wasser, das er dazu verwendete, einen Kaktus zu malen, Sinnbild für hocheffiziente Wassernutzung. In One Ton, II (2005) zeigte Starling fünf identische Platinprints mit einer Abbildung der südafrikanischen Mine, in der eine Tonne an Erz zu deren Erzeugung abgebaut werden musste.

2005 erhielt Simon Starling den Turner-Preis für die Arbeit Shedboatshed (Mobile Architecture No. 2). Das Konzept wurde für die erste große Retrospektive Starlings im Kunstmuseum Basel, Museum für Gegenwartskunst, entwickelt, wobei er die Lage des Gebäudes am Rhein miteinbezog: Er entdeckte flussaufwärts eine Holzhütte, die er demontierte und in einen »Weidling« – einen in der Region typischen Bootstyp – umbaute. Damit fuhr er flussabwärts zum Museum, wo er das Boot aus dem Wasser zog und im nach umfassenden Sanierungsarbeiten soeben neu eröffneten Ausstellungsraum wieder in die ursprüngliche Hütte verwandelte – wenn auch nicht vollständig. Der düstere Raum, in den das Licht durch Schlitze und Fugen eindringt, trägt die doppelte Transformation in sich. Spuren der Verwendung der Holzteile als Bootskörper sind ablesbar, seine Konturen können erahnt werden und die Verwandtschaft von Haus und Schiff, der Zusammenhang von Schutz und Mobilität, die auch einfachste Strukturen leisten können, wird unmittelbar spürbar. Das Thema des Kreislaufs, der Wiederkehr und der damit verbundenen Veränderung gewann gerade durch die Präsentation der Arbeit im neuen Ausstellungsraum an Tiefe und stellte umso deutlicher die Frage nach der Sinnhaftigkeit (gesellschafts)politischer und kultureller Kreisläufe vor einem nutzenorientierten Hintergrund.

Foto: © Kunstmuseum Basel / Martin Bühler

Simon Starling

geboren 1967 in Epsom/UK
lebt und arbeitet in Glasgow und Berlin

Einzelausstellungen (Auswahl)

  • 2008 The Modern Institute, Glasgow
    Cuttings (Supplement),
    The Power Plant, Toronto
  • 2007 Nachbau, Museum Folkwang, Essen
    wiels – Centrum voor Hedendaagse Kunst, Brüssel
    Casey Kaplan Gallery, New York
  • 2006 heidelberger kunstverein, Heidelberg
  • 2005 Museum für Gegenwartskunst – Emanuel Hoffmann-Stiftung, Basel
  • 2004 One Ton, Neugerriemschneider, Berlin
  • 2003 Museo d’Arte Contemporanea Roma
  • 2001 Work, Made-Ready, Les Baux de Provence

Gruppenausstellungen (Auswahl)

  • 2007 The Turner Prize: A Retrospective, Tate Britain, London
    Nachvollziehungsangebote, wuk – Kunsthalle Exnergasse, Wien
    Held together with Water/Kunst aus der Sammlung Verbund, MAK, Wien
  • 2005 Turner Prize 2005, Tate Britain, London
  • 2004 26° Bienal de São Paulo
  • 2003 50th Biennale di Venezia

Text

Stefan Tasch

Studium der Kunstgeschichte in Wien und Edinburgh, Arbeit in verschiedenen Museen und Galerien

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