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Editorial

Eva Guttmann
Erschienen in
Zuschnitt 31: Massiv über Kreuz
September 2008, Seite 3

Vor sieben Jahren schrieb der Schweizer Architekt Andrea Deplazes: »Das steigende Interesse an neuen Holzbautechnologien lässt nun die These zu, dass wohl zum ersten Mal in der Architekturgeschichte tendenziell eine Entwicklung vom Massivbau zum Holzbau stattfindet.« Diese Einschätzung trifft zu und manifestiert sich vor allem auch in der Etablierung eines Produkts, das in diesem Heft »Brettsperrholz« genannt wird, auch wenn eine einheitliche und verbindliche Bezeichnung noch nicht existiert. (Mehrschichtige Massivholzplatte, Kreuzlagenholz, Cross Laminated Timber sind nur einige der gängigen Namen.) Seit nunmehr etwa zehn Jahren findet also ein Wandel statt, der einen völlig neuen Zugang zu massivem Holz als Konstruktionsmaterial erlaubt. Waren früher stabförmige Konstruktionen wie die Rahmen- oder die Skelettbauweise die häufigsten Varianten und gab es Holzmassivbau mehr oder weniger ausschließlich in Form der Blockbauweise, so erweitert das Brettsperrholz die Möglichkeiten im Holzbau ganz grundlegend. Denn aus dem gerichteten Holz»stab« entsteht durch das kreuzweise Verleimen von mehreren Brettlagen ein Werkstoff mit Scheiben- bzw. Plattenwirkung, der in mehrere Richtungen statisch beansprucht werden kann. Das bedeutet, dass das Konstruieren mit Holz um einiges einfacher geworden ist, dass es möglich ist, auch im Holzbau in Flächen zu denken, dass Fenster- oder Türöffnungen aus den Wandelementen einfach herausgeschnitten werden können, ohne ein übergeordnetes Raster berücksichtigen zu müssen. Es bedeutet auch, dass viele Vorteile des Holzes nun optimal genutzt und neue produktionstechnische Wege, wie etwa ein hoher Vorfertigungsgrad, beschritten werden. 

 

Die industrielle Herstellung des Produkts hat nun, nach der ersten Pionier- und Entwicklungsphase, eine für die österreichische Holzwirtschaft relevante Größenordnung angenommen. Neben Österreich gehört Deutschland zu den wichtigsten Brettsperrholzproduzenten*, der Markt für Exporte innerhalb Europas, aber auch nach Übersee ist entsprechend groß und wird weiter wachsen. Gerade in Hinblick auf Klimaschutz, Erdbebensicherheit, Vorfertigung und Serie gibt es weltweit steigenden Bedarf. Anwendungstechnisch erlaubt Brettsperrholz neben dem Bau von Ein- und Mehrfamilienhäusern, gewerblichen Bauten, Industriehallen etc. auch die Errichtung von hohen Gebäuden. Kürzlich wurde ein siebenstöckiges Haus in Berlin fertiggestellt, in London entsteht derzeit ein achtgeschossiges Bauwerk. Diese Entwicklung eröffnet ganz neue Perspektiven für den Holzbau – ein Umstand, dem in einer eigenen Zuschnitt-Ausgabe im kommenden Jahr Rechnung getragen werden wird.

 

Ähnlich wie bereits für das Brettschichtholz muss jedoch auch für das Brettsperrholz nach der technischen eine rechtliche Produktentwicklung stattfinden, denn nach wie vor gibt es keine verbindlichen Regelwerke, welche die Eigenschaften und Anwendungsgebiete von Brettsperrholz einheitlich festlegen. Stattdessen existieren bisher nur firmenspezifische Einzelzulassungen, die dem Planer zwar inhaltlich größte Sicherheit gewähren und alle relevanten Informationen beinhalten, eine allgemeingültige und standardisierte Anwendung jedoch nicht erlauben. Die Gründe dafür liegen hauptsächlich im individuellen Unternehmenshintergrund der einzelnen Anbieter: Während der eine Material aus dem eigenen Sägewerk zur Brettsperrholzproduktion verwendet, kauft der andere das Holz zu. Ein Dritter startet mit der Herstellung in einer Halle mit bestimmter Größe, was Auswirkungen auf die Maße der Platten hat. Daraus und aus der bislang noch uneinheitlichen Produktbezeichnung sind Unterschiede gewachsen, die fallweise Verwirrung bei den Anwendern stiften. Inzwischen wurde das Problem jedoch erkannt und auf mehreren Ebenen mit der Erarbeitung verbindlicher Regelwerke begonnen. 

 

Jenseits dieser Hintergründe wollen wir vor allem aufklärend wirken: Was ist Brettsperrholz, was kann es, welche Anwendungen gibt es und wohin wird es sich entwickeln? Dazu haben wir ein möglichst breites Spektrum an Beispielen ausgesucht – von verschiedenen österreichischen Modulsystemen über Bauten der öffentlichen Hand in Norwegen bis hin zum individuellen Dachbodenausbau. Architekten und Statiker, die bereits Erfahrungen mit Brettsperrholz gesammelt haben, geben Auskunft über ihre Erfahrungen. Schließlich soll eine Übersicht über die Produkte der größten österreichischen Hersteller entsprechende Klarheit schaffen und dazu beitragen, dass der Zugang zum Brettsperrholz ebenso übersichtlich wie interessant ist.

 

* 2008 werden von österreichischen Betrieben über 100.000m3 Brettsperrholz erzeugt, die Kapazität beträgt mehr als 350.000m3.