Inhalt

Doris Salcedo

Stefan Tasch
Erschienen in
Zuschnitt 33: Holz stapelt hoch
März 2009, Seite 28

Foto: © Muammer Yanmaz: Courtesy Alexander and Bonin, New York, and White Cube/Jay Jopling, London

Foto: © Muammer Yanmaz: Courtesy Alexander and Bonin, New York, and White Cube/Jay Jopling, London

Die in Kolumbien geborene Künstlerin Doris Salcedo setzt sich in ihren Arbeiten vorwiegend mit politischen Inhalten auseinander und thematisiert dabei räumliche Fragen ebenso wie unbewusst ausgelöste Assoziationsketten. Obwohl sich Salcedo schon sehr früh für die Bildhauerei interessierte, studierte sie in Ermangelung eines adäquaten Lehrangebots Malerei und Kunstgeschichte an der Universität von Bogotá. Nach ihrem Abschluss beschloss Salcedo nach New York zu gehen, um sich an der New York University für Bildhauerei einzuschreiben. Ihre künstlerische Entwicklung wurde in dieser Zeit vor allem durch die Arbeiten von Joseph Beuys und dessen Konzeption der »Sozialen Plastik« geprägt, wonach jeder Mensch ein Künstler sei und dementsprechend kreativ gesellschafts- und wirtschaftspolitische Fragen mitgestalten könne. Eine weitere wichtige Erfahrung für Salcedo waren das Gefühl des Fremdseins und die damit verbundenen Aspekte von Heimatlosigkeit und Abschiebung. 1985 mit einem Master’s Degree in Bildhauerei in ihre Heimat zurückgekehrt, beginnt die Künstlerin neben der eigenen künstlerischen Arbeit in Bogotá zu unterrichten.

Als nur wenige Monate nach ihrer Ankunft in Kolumbien die Guerilla Gruppe M19 (Movimiento 19 de Abril) am 6. November 1985 den Justizpalast besetzt, kommt es in der Folge zu einer innerpolitischen, vor allem aber auch menschlichen Katastrophe: Mehr als 100 Personen kommen am Ende des 27 Stunden andauernden Kampfs der Regierung gegen die M19 ums Leben, darunter Höchstrichter, Beamte, Soldaten und Guerillakämpfer. Auf Doris Salcedo und ihre Arbeit hat diese Tragödie immensen Einfluss. Sie beginnt sich mit den Opfern und deren Angehörigen dieses seit Jahrzehnten andauernden Konflikts auseinanderzusetzen.

Ausgangspunkt ihrer skulpturalen Arbeiten sind Hunderte, sehr persönliche Interviews mit den Hinterbliebenen von Entführungs- und Gewaltopfern. Salcedo verwendet für ihre Kunstwerke gebrauchte Materialien wie Mobiliar und Textilien, die sie miteinander verbindet und in intime Beziehung zueinander bringt. Dabei kommt der Oberflächentextur insofern besondere Bedeutung zu, als sie teils fließende Übergänge zwischen den unterschiedlichen Relikten schafft und mit dem Einsatz von Details wie Knöpfen oder beispielsweise einem Reißverschluss (La Casa Viuda II) eine beängstigende Individualität erzeugt. Es geht in den Arbeiten von Salcedo auch immer um die Unmöglichkeit, die Gewalt und die damit verbundene Ohnmacht sichtbar zu machen. Darüber hinaus erzeugen die mit dem Mobiliar verwobenen Textilien und die vielen einzelnen Gebrauchsspuren eine Leere, die umso drastischer auf das Verschwinden von einzelnen Individuen verweist. In den 1990er Jahren verstärkt Doris Salcedo ihre Skulpturen mit zunehmend verdichteter Materialität. Sie füllt einzelne Möbelteile komplett mit Beton, so dass diese nur durch eingesetzte Stahlverstrebungen ihre Form behalten können. Die damit verbundene Energie ist Sinnbild der Ausweglosigkeit im Kampf um die Verarbeitung menschlicher Traumata. Salcedos jüngste Arbeiten bewegen sich zunehmend im öffentlichen Raum. Anlässlich des 17. Jahrestags der Katastrophe von Bogotá ließ sie in einer 53 Stunden dauernden Aktion Sessel an der Außenwand des Justizpalastes herabgleiten. Mit dieser Arbeit sollte der Opfer gedacht werden, die an genau diesem Ort ihr Leben lassen mussten. Ein Jahr später, 2003, schichtete Salcedo anlässlich der 8. Biennale in Istanbul 1600 Sesseln übereinander. Diese mehrgeschossige Intervention in einer Baulücke wurde von der Künstlerin so ausgeführt, dass die Oberfläche der ineinander verkeilten Sessel mit den Fassaden der anschließenden Gebäude vollkommen bündig ist. Für Salcedo entspricht diese Fassade, die die Ambiguität einer glatten und doch durchdringbaren Oberfläche aufweist, den inneren Konflikten des Landes Türkei.

Doris Salcedo

geboren 1958 in Bogotá, Kolumbien
lebt und arbeitet ebendort

  • 1980 BFA, Universidad de Bogotá Jorge Tadeo Lozano
  • 1984 MA, New York University
  • 1987–88 Director, School of Plastic Arts, Instituto de Bellas Artes, Cali
  • 1989–91 Professor of Sculpture and Art Theory, Universidad Nacional de Colombia, Bogotá

Einzelausstellungen (Auswahl)

  • 2008 Doris Salcedo, Alexander and Bonin, New York, NY
  • 2007 Shibboleth, Turbine Hall, Tate Modern, London
  • 2004 Neither, White Cube, London
  • 2001 Doris Salcedo, Camden Arts Centre, London
  • 2000 Doris Salcedo, Tenebrae: Noviembre 7, 1985, Alexander and Bonin, New York
  • 1999 Unland/Doris Salcedo: New Work, San Francisco Museum of Modern Art

Gruppenausstellungen (Auswahl)

  • 2008 NeoHooDoo: Art for a Forgotten Faith, The Menil Collection, Houston
  • 2007 Wrestle, Hessel Museum of Art, Annandale-on-Hudson Portrait/Embodiment/Homage, The Pulitzer Foundation for the Arts, St. Louis
  • 2006 The 80s: A Topology, Museu Serralves, Porto
  • 2005 Abyss: T1 Triennial of Contemporary Art, Castello di Rivoli, Turin
  • 2003 8th International Istanbul Biennial
  • 2002 Documenta 11, Kassel
    The Unthought Known, White Cube, London

Text

Stefan Tasch

Studium der Kunstgeschichte in Wien und Edinburgh, Arbeit in verschiedenen Museen und Galerien

Dieser Artikel ist abgelegt in: