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Dichte Packung Sanierung

Dieselweg Graz

Karin Tschavgova
Erschienen in
Zuschnitt 34: Schichtwechsel
Juni 2009, Seite 22f.

Würde man schon jetzt Wetten auf das Wort des Jahres abschließen, dann hätte man mit dem Begriff „thermische Sanierung“ sicherlich gute Chancen auf Erfolg. Alle Welt spricht davon, denn thermische Sanierung bedeutet nicht nur die Verringerung des Energieverbrauchs und der Energiekosten, sondern auch, den CO2-Ausstoß zu senken, Bauindustrie und Bauwirtschaft zu fördern und die Geschäfte der Banken wieder anzukurbeln. Formale Qualität und funktionale Schönheit – kurz gesagt: Architektur – werden dabei selten thematisiert. Dabei würden mit dem Anspruch auf architektonische Qualität thermischer Sanierungen viele gesichtslose Wohnblöcke in Quartieren aus den 1960er und 1970er Jahren nicht nur verbessert, sondern auch verschönert werden. Ein Sanierungskonzept, das ökologisch und ästhetisch wirksam wird, ist das Fassadensystem „gap solution“. 2006 wurde es mit dem Staatspreis für Architektur und Nachhaltigkeit ausgezeichnet.

Die Umwandlung von schlecht isolierten Sozialbauten in Wohnbauten mit Passivhausniveau mittels gap-solution-Fassade kann an der Siedlung am Dieselweg in Graz-Liebenau prototypisch studiert werden. Eine um 1950 errichtete Zeile im Stil der Wiener Zwischenkriegswohnhöfe und fünf Blöcke aus den 1970er Jahren gruppieren sich mit großzügigem Abstand voneinander in einem mittlerweile zum Park angewachsenen Grünareal.

Das System setzt sich aus zur Gänze in der Werkstatt vorgefertigten Elementen in Pfosten/Diele-Riegel-Bauweise zusammen, die geschossweise auf die bestehenden Fassaden montiert werden. Die bis zur Sanierung in jeder Wohnung individuell gelöste, unzeitgemäße Wärmeversorgung mit Einzelöfen wurde durch eine zentrale Anlage ersetzt. Über ein Verteilungsnetz von Rohren, die an der bestehenden Fassade montiert sind und über eine Solaranlage in Kombination mit einem Pufferspeicher gespeist werden, wird die Wand als Bauteil, ähnlich einer Fußbodenheizung, aktiviert, die Wohnungen werden mit Strahlungswärme und Warmwasser versorgt. Stemmarbeiten in den Wohnungen sind so vermeidbar und Radiatoren obsolet. Der Aufbau der Wandelemente ist mehrschalig. Zwischen der Rahmenkonstruktion mit der Dämmung in berechneter Stärke und den Glasplatten, die die äußerste, regenabweisende Hülle bilden, ist hinter der Hinterlüftungsebene eine Wabenkonstruktion aus Karton angebracht, die je nach Jahreszeit unterschiedlich als klimaregelnde Zone fungieren soll. Die Sonnenstrahlen der niedrig stehenden Wintersonne sollen tief in die Wabe eindringen und sie erwärmen, während nach Kalkül des Erfinders im Sommer ein großer Teil der Einstrahlung reflektiert wird und die Wabe sich selbst verschattet. Die Wabe soll also in der warmen Jahreszeit als Puffer dienen und in der kalten einen zusätzlichen Dämmeffekt bewirken.

Die fotogrammetrische Vermessung der Fassaden ermöglicht es, die Elemente passgenau herzustellen und sie komplett mit Dämmung, außenbündigen Fenstern und der wartungsarmen Außenhaut aus farbigem Glas zu versetzen. Die Mieter können während der ganzen Umbauzeit mit nur minimaler Beeinträchtigung in der Anlage wohnen bleiben. Erst nach der Montage betreten Handwerker ihre Wohnungen – die alten Fenster müssen entfernt, die Leibungen neu verkleidet werden.

Das vom Land Steiermark und von der eu geförderte Musterprojekt muss Passivhausstandard erreichen. Daher wurden dreifach verglaste Fenster eingebaut und eine Wohnraumbelüftung über dezentrale Lüftungsgeräte gewählt, die den Wärmeverlust durch Lüften vermeiden sollen. Frischluft wird über Lüftungsschlitze in den neuen Wandelementen angesaugt. Das bauphysikalische Problem der Kälteübertragung über die Deckenplatten der Balkone, die bei der Beschränkung auf eine Fassadendämmung nicht verhindert werden könnte, wird gelöst, indem alle offenen Balkone und Loggien in ganzjährig nutzbare, rundum gedämmte Veranden in Riegelbauweise verwandelt werden. Diese erweitern die Nutzbarkeit der Wohnungen, was zur Erhöhung der Wohnqualität beiträgt.

Alle Maßnahmen gemeinsam sollen nach Berechnungen den Heizenergiebedarf um 90 Prozent und die Warmwasserkosten auf ein Viertel der früheren Kosten senken. Verringert wird naturgemäß auch der CO2-Ausstoß (um 89 %), was wiederum dazu beiträgt, der Österreich bis 2014 auferlegten Energieeinschränkung näherzukommen. Die Kosten dieses Systems sind höher als die herkömmlicher Außenwanddämmungen mit Dämmplatten und Vollwärmeschutz. Trotzdem wird das Beispiel wohl Schule machen, denn es hat alle Vorteile witterungsunabhängiger Vorfertigung, ist wartungsarm und veredelt die gesichtslosen Bauten einer auf Utilität beschränkten Nachkriegsmoderne.

Fotos
© hohensinn architektur, gap solutions

Text

Karin Tschavgova
studierte Architektur in Graz, seit langem freie Fachjournalistin und Architekturvermittlerin, Lehrtätigkeiten an der TU Graz

Wohnbau Dieselweg, Graz

Standort

Dieselweg

Graz-Liebenau/A

Auftraggeber

GIWOG – Gemeinnützige Industrie-Wohnungs-AG
Linz/A
www.giwog.at

Planung

hohensinn architektur
Graz/A
www.hohensinn-architektur.at

Statik

gap solution GmbH
Leonding/A
www.gap-solution.at

Statik Holzbau

Kulmer Holz-Leimbau GmbH
Pischelsdorf/A
www.kulmer-bau.at

Fertigstellung

Ende 2009