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Nachmoderne Thermokratie

Vom offenen Großraum einer industriellen Großbäckerei zu polyzentrischen Wärmeinseln

Robert Fabach
Erschienen in
Zuschnitt 34: Schichtwechsel
Juni 2009, Seite 18ff.

Exkurs
Bleibt der aktuelle Fokus auf Fassaden und thermische Isolation für unser kollektives Unterbewusstsein folgenlos? Reagiert unsere Baukultur nicht auch kompensatorisch auf ein immunologisches Trauma? Auf zu viel Öffentlichkeit, auf zu viel Einsicht und eine Dezentrierung im ungeheuren Außenraum? Dem kategorischen Imperativ zur Öffnung, dieser gestalterischen Generalformel der Moderne, antwortet das nachmoderne Bauen mit neuen polyzentrischen Innenraumbildungen. 

Aufwärmphase/ Vorgeschichte 
Zwei Gebäude stehen heute auf dem revitalisierten Areal einer ehemaligen Großbäckerei. Ein dreigeschossiger Neubau und ein Betonskelettbau von 1972, bei dem sich Johannes Kaufmann und der Bauträger entschieden, ihn von Anbauten zu befreien und bis auf die Tragstruktur zu entkernen: 22 cm starke Deckenplatten auf Unterzügen und ein etwa 6 mal 7 Meter großer Stützenraster bildeten den Ausgangspunkt für den Neuausbau.

Struktur
Im Erdgeschoss wurden aufgrund der fehlenden Unterkellerung Einstellplätze und Abstellräume untergebracht, in den beiden Obergeschossen insgesamt 14 Wohneinheiten angeordnet. Der große Abstand zur Straße wurde für einen 6 Meter tiefen Anbau genutzt, der, getragen von drei Wandpfeilern, einen tiefen Eingangsbereich überdeckt. Von dort gelangt man zu einem breiten Stiegenhaus, das in die Gebäudemitte eingeschnitten wurde, um die anspruchsvolle Gebäudebreite von 20 bis 25 Metern zu bewältigen. Wohnraumtiefen von bis zu 9 Metern schienen durch die bestehende Raumhöhe von 3,10 Metern noch akzeptabel. Der unmerkliche Wechsel von eingeschnittenen Loggien und großzügigen Fensterelementen zeigt eine elegante und unverdächtige Architektur, die aber unter der weiß verputzten Oberfläche eine überraschende konstruktive Lösung verbirgt: Alle Fassadenteile wurden als vorgefertigte Hohlkastenelemente an die bestehende Tragstruktur montiert. Ihr Aufbau mit 22 cm Mineralwolle, 40 mm Holzfaserplatten und 18 mm OSB plus Gipskarton funktioniert als Putzträger außen und als Dampfbremse innen. Dieses Prinzip bewährte sich mit Dreifachverglasungen und einer luftdichten und wärmebrückenfreien Außenhaut als leistungsfähige Außenwandkonstruktion mit hohem Vorfertigungsgrad und raumsparenden Wandstärken von nicht einmal 30 cm.

Industriebauten als Zukunftsmarkt für den Holzbau 
Historische Industriebauten sind hinsichtlich ihrer Tragfähigkeit oft problematisch. Der Einbau von massiven Bauteilen, Aufstockungen und Deckendurchbrüche führen die alte Tragstruktur – insbesondere die Deckenplatten – rasch an ihre Grenzen. Hier bewährt sich der Holzbau. Selbsttragende Brüstungs- und Sturzelemente aus Holzwerkstoffen belasten nicht die Deckenplatten im Randbereich, sondern bringen ihre Lasten direkt in die Stahlbetonstützen ein.

Schnittstellen in der Mischbauweise brauchen Baukultur 
Die Kombination von Holzbau mit massiven Strukturen findet bei Puristen mitunter wenig Gefallen, überzeugt jedoch als Qualitätslösung bei Wand- und Außenwandelementen und ist wirtschaftlich absolut konkurrenzfähig. Bei Deckenelementen ist der Massivbau hinsichtlich Kosten und Bauakustik überlegen, sofern Bauzeit und Eigengewicht keine Rolle spielen. Die Kombination zweier Gewerke erzeugt aber Schnittstellen im Ablauf und braucht unbestritten mehr Aufmerksamkeit. Der Wohnbau in der Schmelzhütterstraße konnte problemlos abgewickelt werden, da die Annäherung von Holz- und Massivbau in Vorarlberg weit fortgeschritten ist. Bauträger oder -unternehmen führen oft eigene Holzbauabteilungen, Zimmereien treten in kleinerem Maßstab als Generalunternehmer auf und kooperieren regelmäßig mit Baumeistern.

Schutz bei der Montage
Verfügbarkeit und Ausgereiftheit der Hohlkastenelemente sind gesichert. Die Materialwahl wird durch die Erfordernisse der Bauphysik und das Angebot an Holzwerkstoffplatten bestimmt. Schwieriger wird es beim Einbau. Oberflächenschutz und regensichere Montage stellen oft eine Herausforderung dar. Während beim Massivbau der Witterungsschutz erst nach dem Fenstereinbau zum Thema wird, müssen Holzelemente gegen dauerhafte Beregnung oder stehendes Wasser geschützt werden. Darin sieht Johannes Kaufmann noch Entwicklungspotenzial. So könnten Sichtoberflächen aus Holz bereits ab Werk mit Schutzschichten versehen werden, um den Einbaubedingungen auf Großbaustellen und bei Mischbauweisen gerecht zu werden.

Holzbau erleichtern und vermitteln
Nachholbedarf ortet er auch bei den Standardisierungen im Holzbau, um Planungsaufwand und Arbeitsvorbereitung zu verringern. Unwägbarkeiten und ein Mangel an Erfahrung schrecken manche ab. Hier sollte sich die gesamte Branche stärker an den Endkunden wenden. Aber auch in der Ausbildung müssten mehr Grundwissen und Fachkenntnisse vermittelt werden, sodass der Umgang mit dem Baustoff Holz noch selbstverständlicher wird.

Fotos:

© Norman Müller, Johannes Kaufmann Architektur

Text

Robert Fabach
  • geboren 1964 in Leoben
  • Studium der Architektur an der Universität für angewandte Kunst in Wien 
  • Forschungsreisen zu Architektur und Kulturgeschichte 
  • Lebt und arbeitet seit 1998 in Bregenz 
  • seit 1999 Essays und Kritiken zur Architektur 
  • seit 2002 Architekturbüro »raumhochrosen« mit Heike Schlauch 
  • seit 2003 Online-Architekturmagazin ausfahrten

Nachmoderne Thermokratie

Standort

Schmelzhütterstraße 16, Dornbirn/A

Planung

Johannes Kaufmann Architektur
Dornbirn/A, www.jkarch.at

Auftraggeber

i +R Schertler-Alge GmbH
Lauterach/A

Statik

Moosbrugger Ingenieure zt GmbH
Dornbirn/A, www.moosbrugger.com

Holzbau Fassade

i +R Schertler-Alge GmbH
Lauterach/A, www.schertler-alge.at