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Essay – Das Raue oder das Glatte

Elke Krasny
Erschienen in
Zuschnitt 35: Innenfutter
September 2009, Seite 4f.

Gasthof Krone, Hittisau/A

Das Echte oder das Furnierte, das Polierte oder das Matte, das Raue oder das Glatte, das Helle oder das Dunkle, das Transparente oder das Opake, das Feine oder das Grobe, das Weiche oder das Harte, das Nüchterne oder das Ausschweifende, das Minimalistische oder das Ornamentierte, das Farbenreiche oder das Weiße: Wer kann sich nicht an sie erinnern, an die scheinbar einfachen, jedoch umso folgenreicheren Entscheidungen, die das Lebensgefühl im Raum für kommende Jahre, ja manchmal sogar für Jahrzehnte Tag für Tag bestimmen. Diese Materialentscheidungen prägen nicht nur die sinnliche und atmosphärische Dimension von Räumen, sie erzählen auch von kulturellen Entwicklungen. Jede Platzierung von Material ist ein kultureller Akt.

So wie der französische Ethnologe Claude Lévi-Strauss sich die Frage nach den universalen Prinzipien des Denkens stellte, könnte man sich auch die Frage nach den allgemeinen Prinzipien stellen, die den menschlichen Alltag als gewohnte Haltung zum Ausdruck bringen. Dabei, wie sich das Innen anfühlt, geht es nicht um die spezifische Form oder Gestaltung einzelner Möbel. Die gesamte Materialität der Räume lässt sich auf die Vorstellung von Gegensatzpaaren zurückführen. Auf seiner anthropologischen Suche, die allgemeingültigen Muster, die für das menschliche Denken kulturell prägend sind, herauszufinden, kam Lévi-Strauss zur Vorstellung von Gegensatzpaaren: das Rohe und das Gekochte, das Heiße und das Kalte, oben und unten. Übertragen aufs Wohnen sind wir dann wieder dort gelandet, wo wir eingangs waren: das Raue oder das Glatte … Als bedeutendsten aller Gegensätze ortete Lévi-Strauss den zwischen Kultur und Natur. Auch mit diesem wird im Inneren der menschlichen Gehäuse fleißig operiert, dabei zeigt sich vor allem eines: Natürliches kommt hier immer als Strategie des Kulturellen zum Einsatz. Ist das Natürliche bestrebt, sich als solches zu zeigen, betreibt es damit höchstgradig Kulturpolitik in eigener Sache. Das Naturbelassene ist zu einer Leitvokabel der Architekturbeschreibungsprosa aufgestiegen. In der Dauerkrise des natürlichen Ressourcenschwundes wird das Naturbelassene als ästhetische Strategie zum Verbündeten der Rettungsvision.

Tritt zur ökologischen Dauerkrise die ökonomische Akutkrise, wie wir sie eben durchleben, ohne sie in ihrem vollen Ausmaß begreifen zu können, beginnt die Konjunktur einer anderen Materialität: Von der Suche nach der neuen Geborgenheit ist unumwunden die Rede. Konnte die effizienzgesteigerte, turbokapitalistische, überhitzte und zugleich kalte Welt, in der wir im Drang nach intensitätssteigerndem Wachstum den permanenten Beschleunigungsgang eingelegt haben, uns letztlich nur mit dem Scheitern dieses Modells alleine lassen, so muss die gewohnte Privatheit über Nacht mit anderen Rückhalten für die wiederzugewinnende Subjektivität aufwarten können. Die gerade noch neue Ornamentik, geboren aus der Glätte des Minimalismus, hat ebenso wie die aus Techno-Logik und Transparenz komponierten Lehrstücke der Nach-Nach-Moderne ihren Hype eingebüßt. Andere Vorstellungen prägen das Feld: Nachhaltigkeit, Sparsamkeit, Geborgenheit, Wärme, Dauerhaftigkeit, Leichtigkeit.

Innen ist nicht innen. Das, was wir immer schon geahnt haben mögen, bedarf dennoch einer Erklärung. Das Draußen – Politik und Zeitgeist, Erfindungen und Ideen, Technologie und Soziales– macht an den Fassaden, an den Haustüren, den Eingängen zum Inneren nicht halt. Rückblickend erzählen uns die Vorlieben für bestimmte Materialien spezifische Zeitläufte des Innenraums, die in Schichten ablesbar sind: Aus den gediegenen 1950er Jahren gelangten wir über die experimentierfreudigen 1970er und die individualisierungssüchtigen 1980er zu den ökologisch bewusster werdenden und gleichzeitig innovationsbegeisterungsfähigen 1990ern.

Nicht erst seit der Medienphilosoph Vilém Flusser die einprägsame Vorstellung der Wände, die »durchlöchert wie ein Emmentaler« sind, gefunden hat, um den Zusammenhang zwischen der auf Neuen Medien beruhenden Informationsrevolution und der physisch gebauten Architektur als Raumbild auszudrücken, ist das Innen und das Außen, das Private und das Öffentliche vielfältiger miteinander verschränkt und nicht voneinander zu trennen. Daraus folgt: Der Boden der Erfahrung, auf dem wir stehen, die Wände der Vorstellung, die uns umgeben, erzählen uns genau von diesen Verschränkungen und machen uns materiell mit unseren eigenen Kulturgeschichten vertraut.

 

Text:
Elke Krasny
Kulturtheoretikerin, Kuratorin, Autorin
arbeitet zu Architektur, Urbanismus, Kunst als öffentlicher Raum, Gender und Repräsentation; Kuratorin von »Architektur beginnt im Kopf. The Making of Architecture«, Az W 2008 / 2009

Foto:
©Adolf Bereuter