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Gregor Zivic

Stefan Tasch
Erschienen in
Zuschnitt 35: Innenfutter
September 2009, Seite 28

Foto: ©Gregor Zivic, Galerie Martin Janda

Foto: ©Gregor Zivic, Galerie Martin Janda

Die von Gregor Zivic geschaffenen Welten sind ein Panoptikum seiner inneren Befindlichkeit. Er schöpft aus der Wunderkammer seines eigenen Ichs und wird dabei zum Hauptakteur seiner inszenierten Fotografie. Das Unbewusste wird ins Rampenlicht, die Vergangenheit immer wieder in die Gegenwart geholt, um sie neu zu arrangieren. Diese konstruierten Raumwelten bieten bei aller Individualität und Eigenheit auch Versatzstücke, die uns allen vertraut sind. Viele von uns können die Ästhetik der 1960er und 1970er Jahre aus dem Gedächtnis abrufen, sei es, weil man sie bewusst erlebt hat oder weil man sie anhand eigener Kinder- oder Jugendfotos rekonstruieren kann.

Ein solches Kinderfoto, das den dreijährigen Zivic neben seinem Bruder und Vater zeigt, war der Auslöser für den Künstler, seine Positionierung als Maler neu zu definieren und seinen Aktionsradius zu erweitern.

Die Bilder, die Zivic bis zur Wiederentdeckung (1996) seines Familienfotos gemalt hatte, wurden in weiterer Folge zentraler Bestandteil seiner neuen Fotoarbeiten. Die Malerei bekam somit eine zusätzliche Präsentationsform zur Verfügung gestellt. Trotz der narrativen Unterschiede zwischen seinen fotografischen Arbeiten gibt es neben der Malerei weitere formale Konstanten, die er immer wieder zitiert, wie etwa die Glastür, die Ziegelmauer oder den bunt gestreifte Hosenanzug – allesamt Bestandteil des oben erwähnten Familienfotos aus dem Jahre 1968. Der Künstler selbst ist ebenfalls fixer Bestandteil seiner inszenierten Fotografien, in denen er als er selbst auftritt oder als sein Alter Ego (»Der Mann mit den schwarzen Augen«, »Bob«).

Zu Beginn wurden seine Ölbilder mit den schlangenartigen Linien noch prominent mit den jeweiligen Szenerien verwoben, mit der Zeit aber auf eine weniger dominierende Rolle zurückgesetzt, bis er sie schlussendlich völlig dekonstruierte. Das Motiv der sich überlappenden Schleifen und Bahnen behielt Zivic aber bei. Losgelöst von der Leinwand transformierte er sie in raumgreifenden Installationen, die in Form von schwarzen Industrieschläuchen und Seilen eine zentrale Rolle in seinen Bildkompositionen spielen. Für die Mühlbauer Hutmanufaktur hat der Künstler den hier abgebildeten Raum geschaffen, der an eine Art Wunderkammer erinnert. Man sieht Zivics Alter Ego an einem Tisch, halb hockend, halb stehend. Dort, wo normalerweise die Hüte über eine Holz- oder Aluform gestülpt werden, um sie in Form zu bringen, melkt Zivic aus einem euterähnlichen Gebilde Farbe. Dazu trägt er eine Kombination aus blauer Latzhose und dem gestreiften Hosenanzug seiner Kindheit. Den Hintergrund dieser Arbeit bildet wie immer ein dichtes Referenzsystem, das sich von der Architektur über eigene Erlebnisse und Erinnerungen hin zu sexuell konnotierten Handlungen erstreckt. Die Arbeiten von Gregor Zivic sind letztlich bedingt auflösbar, hinterlassen aber dennoch ein Gefühl der Vertrautheit, da sie Verborgenes und Verdecktes visualisieren und aus einer Traumwelt berichten, in der alles möglich ist.

Gregor Zivic

geboren 1965 in Wien
1998 Monsignore Otto Mauer-Preis, Wien
lebt und arbeitet in Wien

Einzelausstellungen (Auswahl)

  • 2002/06 Galerie Martin Janda, Wien
  • 2001 Kunsthalle Bern, Bern
  • 2000 Salzburger Kunstverein, Salzburg
    Art Statements, Art 31, Basel
  • 1999 Raum aktueller Kunst Martin Janda, Wien

Gruppenausstellungen (Auswahl)

  • 2008 No Leftovers, Kunsthalle Bern, Bern
  • 2007 Landesgalerie Linz, Linz
  • 2006 Simultan – Zwei Sammlungen österreichischer Fotografie, Fotomuseum Winterthur, Winterthur
    Why Pictures Now, Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig, mumok, Wien
    Flüchtiger Horizont, Kunstmuseum Solothurn, Solothurn
  • 2005 Tu Felix Austria … Wild at Heart, Kunsthaus Bregenz, Bregenz
    Slices of Life. Blueprints of the Self in Painting, austrian cultural forum nyc, New York
  • 2000 Manifesta 3, Ljubljana
    Lebt und arbeitet in Wien, Kunsthalle Wien, Wien

Projekte

  • 2009 Plakat für Mühlbauer Hut und Mode GmbH & Co KG, Wien
  • 2008 Bühnenbild für die Oper »Lohengrin« (Insz. Michael Sturminger), Staatstheater Braunschweig
  • 2006 Neue Porträtgalerie Burgtheater, Wien
  • 2005 mumok ist frei, Imagekampagne für das Museum Moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien (Serie von 16 Sujets), Wien
Text: Stefan Tasch
  • geboren 1976 in Wien
  • Studium der Kunstgeschichte in Wien und Edinburgh
  • Arbeit in verschiedenen ­Museen und Galerien

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